Die EU-Kommission hat am 24. August 2026 ihren Vorschlag für die Ostsee-Fangquoten 2027 vorgelegt. Für Angler steckt dabei die News nicht in den Tonnagen, sondern im Verordnungsentwurf: Das Angeln auf Lachs soll in der gesamten südlichen und mittleren Ostsee verboten werden – das bisherige Tageslimit von einem Besatzlachs entfällt ersatzlos. Das Dorsch-Angelverbot bleibt bestehen. Bei Sprotte und Hering in der mittleren Ostsee geht es dagegen kräftig nach oben.
Lachs: Das Baglimit soll ersatzlos gestrichen werden
Bisher durften Angler in den meisten Gebieten einen fettflossengeschnittenen Besatzlachs pro Tag entnehmen – eine Ausnahme, die der Rat seit 2021 gegen die ICES-Empfehlung offengehalten hatte. Genau diese Ausnahme will die Kommission streichen.
In der Angelfischerei auf Besatzlachse würden zwangsläufig auch Wildlachse gefangen. Die müssen zwar sofort zurückgesetzt werden, ein nicht unerheblicher Teil verendet aber nach dem Zurücksetzen. Angesichts der niedrigen Reproduktionsraten soll deshalb auch das Angeln auf Besatzfische enden.
Konkret sieht Artikel 10 des Verordnungsentwurfs vor: Die Freizeitfischerei auf Lachs wird in den Untergebieten 22 bis 31 verboten, zufällig gefangene Lachse sind unverzüglich zurückzusetzen. Erlaubt bleibt sie nur nördlich von 59° 30′ N, dort innerhalb von vier Seemeilen ab der Basislinie und nur vom 1. Mai bis 31. August. Für deutsche Gewässer greift diese Ausnahme nicht – sie liegen in den Untergebieten 22 bis 24. Für Angler an der deutschen Ostseeküste wäre das Lachsangeln damit vollständig zu.
Dorsch: Das Angelverbot bleibt – für die ganze Ostsee
Beim Dorsch bleibt alles beim Krisenmodus. Artikel 9 des Entwurfs schreibt das Verbot der Freizeitfischerei für die Untergebiete 22 bis 32 fort; versehentlich gefangene Dorsche sind sofort zurückzusetzen. Eine Erleichterung gibt es nur in den Untergebieten 27 bis 32: Dort dürfen Beifänge von Dorsch beim Angeln auf andere Arten behalten werden. Für die westliche Ostsee gilt das nicht.

Bild: ICES
In diese Untergebiete ist die Ostsee eingeteilt. Links am Rand sind die Breigengrade aufgeführt.
ICES empfiehlt für beide Dorschbestände zum wiederholten Mal einen kompletten Fangstopp. Beim östlichen Dorsch hat ICES seine Bestandsbewertung in diesem Jahr sogar herabgestuft und kann keine Fangmenge mehr benennen, mit der sich der Bestand erholen würde.
Die Beifang-Quoten sinken entsprechend: von 266 auf 31 Tonnen (–88 Prozent) im Westen und von 430 auf 211 Tonnen (–51 Prozent) im Osten. Diese Mengen entsprechen exakt den 2025 gemeldeten Anlandungen – die Kommission setzt sie nur an, um ein komplettes Zumachen aller Fischereien zu vermeiden.
Meerforelle: Fischereiverbot jenseits der Vier-Meilen-Zone
Angler aufatmen: Artikel 11 des Entwurfs richtet sich nur an Fischereifahrzeuge. Sie dürfen jenseits von vier Seemeilen ab der Basislinie in den Untergebieten 22 bis 32 nicht auf Meerforelle fischen; im Untergebiet 32 darf der Meerforellen-Beifang bei der Lachsfischerei drei Prozent des Gesamtfangs nicht überschreiten. Verboten bleibt außerdem der Einsatz von Langleinen auf Meerforelle und Lachs jenseits der Vier-Meilen-Zone in den Untergebieten 22 bis 31. Der Grund: Die Kommission will verhindern, dass Lachse in der Fischerei als Meerforellen fehlgemeldet werden.
Für das Angeln mit der Rute ändert sich dadurch nichts. Die Verordnung erfasst die Freizeitfischerei nur dort, wo sie ausdrücklich genannt wird – so steht es in Artikel 2 Absatz 2. Genannt wird sie beim Dorsch und beim Lachs, nicht in Artikel 11. Das Meerforellenangeln von der Küste, vom Belly Boat oder vom Kleinboot bleibt vom Vorschlag also unberührt. Strengere Landesregelungen sind davon unabhängig weiter möglich.

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Für die Berufsfischerei möchte die EU den Fang von Meerforellen stark einschränken.
Hering: Ausnahme für die kleine Küstenfischerei streichen
Der westliche Ostseehering liegt bei nur 56 Prozent der kritischen Bestandsgrenze, ICES empfiehlt zum neunten Mal in Folge den Nullfang. Die Kommission will deshalb die bisherige Ausnahme für die kleine Küstenfischerei streichen und nur noch unvermeidbare Beifänge zulassen: 437 Tonnen statt 788 (–45 Prozent), davon 241 Tonnen für Deutschland.
Interessant ist der Blick über die Ostsee hinaus: ICES rechnet für 2027 damit, dass 59 Prozent der Fänge dieses Bestands in Nordsee und Skagerrak anfallen und nur 41 Prozent in der Ostsee. Norwegen hat im Juni 2026 eine Schonzeit vom 15. Mai bis 31. Juli in seinen Nordseegewässern angekündigt.
- Beim mittleren Ostseehering wäre nach ICES-Gutachten ein Plus von 153 Prozent möglich – die Kommission bleibt vorsichtig und schlägt 143.860 Tonnen (+49 Prozent) vor, die dreimonatige Schonzeit im Flachwasser bleibt.
- Beim bottnischen Hering wären +62 Prozent drin, die Kommission bietet +3 Prozent auf 57.308 Tonnen, weil jede höhere Menge den Bestand weiter schrumpfen lassen würde.
- Der Riga-Hering gilt als gesund und bekommt das ICES-Maximum von 38.183 Tonnen (+11 Prozent).
Sprotte boomt, Scholle bleibt eingefroren
Die Sprotte ist die Gewinnerin: Nach dem tiefsten Bestandsniveau seit 1990 hat sich die Biomasse dank zweier starker Jahrgänge fast verdoppelt. Die Quote steigt auf 291.590 Tonnen (+44 Prozent), die dreimonatige Schonzeit soll auslaufen. Bei der Scholle empfiehlt ICES ein Plus von zwei Prozent – die Kommission verzichtet und bleibt bei 10.973 Tonnen, weil sich der Zustand der einzelnen Fische über sechs Jahre deutlich verschlechtert hat.
Fangquoten Ostsee 2027: Alle zehn Bestände im Überblick
| Bestand und ICES-Gebiet | 2026 (Ratsbeschluss) | 2027 (Kommissionsvorschlag) |
|---|---|---|
| Westlicher Dorsch 22–24 | 266 t (0 %) | 31 t (–88 %) |
| Östlicher Dorsch 25–32 | 430 t (0 %) | 211 t (–51 %) |
| Westlicher Hering 22–24 | 788 t (0 %) | 437 t (–45 %) |
| Bottnischer Hering 30–31 | 55.869 t (–16 %) | 57.308 t (+3 %) |
| Mittlerer Hering 25–27, 28.2, 29, 32 | 96.463 t (+15 %) | 143.860 t (+49 %) |
| Riga-Hering 28.1 | 34.367 t (–17 %) | 38.183 t (+11 %) |
| Sprotte 22–32 | 201.975 t (+45 %) | 291.590 t (+44 %) |
| Scholle 22–32 | 10.973 t (–3 %) | 10.973 t (0 %) |
| Lachs Hauptbecken 22–31 | 25.537 Stück (–27 %) | 25.537 Stück (0 %) |
| Lachs Finnischer Meerbusen 32 | 10.232 Stück (+1 %) | 10.232 Stück (0 %) |
Insgesamt entspricht der Vorschlag rund 543.000 Tonnen Fang – ein Plus von 35,3 Prozent gegenüber den endgültigen Fangmöglichkeiten für 2026. Deutschland erhält im Entwurf unter anderem 18.222 Tonnen Sprotte, 873 Tonnen Scholle, 839 Tonnen Hering aus der mittleren Ostsee, 19 Tonnen Dorsch-Beifang im Osten, 7 Tonnen im Westen und 589 Lachse.
Entschieden wird Ende Oktober
Der Vorschlag ist noch kein Beschluss. Der Rat will bei seiner Tagung am 26. und 27. Oktober 2026 eine politische Einigung erzielen, die formelle Annahme soll im November folgen. Beim Lachs-Baglimit hat der Rat den Kommissionsvorschlag in den Vorjahren mehrfach abgemildert – ausgeschlossen ist das also nicht.
Nicht die Angler sind das Problem!
Fischereikommissar Costas Kadis nennt die Aussichten für einzelne pelagische Bestände besser als zuletzt, warnt aber davor, schon von einem Trend zu sprechen. „Das Gesamtbild ist sehr besorgniserregend. Das Ökosystem der Ostsee befindet sich in einem sehr schlechten Zustand, und wir müssen in allen Bereichen Maßnahmen ergreifen, um es zu schützen.“
Die Kommission benennt zudem deutlich, woran die Ostsee wirklich leidet: hohe Nährstoffeinträge, dauerhaft hohe Schadstoffbelastungen, Sauerstoffmangel, steigende Wassertemperaturen und Versäumnisse der Mitgliedstaaten bei der Umsetzung von EU-Umweltrecht.
Dazu kommen Falschmeldungen von Fängen, die zu verdeckter Überfischung führen können und deren Umfang sich nicht quantifizieren lässt. Die Ostsee ist laut Kommission das am stärksten verschmutzte Meer Europas.
Die Rechnung dafür zahlen am Ende die kleine Küstenfischerei, die Kutterbetriebe an der Küste und die Angler, denen mit dem Besatzlachs die letzte Entnahmemöglichkeit von Salmoniden in der westlichen Ostsee gestrichen werden soll.
Alle Quellen zum Nachlesen:
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