Eine außergewöhnliche Entdeckung sorgt in der Meeresforschung für Aufsehen: Südliche Residenten-Orcas in der Salish Sea vor der nordamerikanischen Pazifikküste stellen Werkzeuge aus Seetang her, um sich gegenseitig zu massieren und zu pflegen. Wissenschaftler haben dieses bislang unbekannte Verhalten mithilfe hochauflösender Drohnenaufnahmen dokumentiert.
Es handelt sich um den ersten bekannten Nachweis, dass wilde Meeressäugetiere Werkzeuge gezielt für die gemeinsame Körperpflege herstellen. Die Forscher um Michael Weiss vom Center for Whale Research veröffentlichten ihre Beobachtungen 2025 in der Fachzeitschrift Current Biology. Sie gaben dem Verhalten den Namen „Allokelping“.
Riesentang als natürliches Massagewerkzeug
Bei der ungewöhnlichen Pflegeroutine wählen die Orcas zunächst geeignete Stängel des Riesentangs (Nereocystis luetkeana) aus. Anschließend beißen sie passende Stücke ab, positionieren diese zwischen ihren Körpern und rollen den Seetang aneinander entlang. Die Massage dauert normalerweise etwa 30 Sekunden, kann in Einzelfällen aber bis zu zwölf Minuten andauern.
Besonders bemerkenswert: Die Tiere verwenden den Seetang nicht einfach als Werkzeug, sondern stellen ihn selbst her. Seine feste und gleichzeitig elastische Beschaffenheit macht ihn zu einer perfekten, natürlichen Massagerolle. An dem Verhalten beteiligen sich Orcas unterschiedlichen Alters und Geschlechts. Häufig bilden nahe Verwandte wie Mütter und Kälber oder Geschwister ein Pflegepaar. Auch gleichaltrige Tiere wurden dabei beobachtet.

Bild: Adobe Stock / Gina Lusardi
Der Riesenseetang eignet sich scheinbar auch hervorragend zur Körperpflege…
Körperpflege stärkt auch soziale Bindungen bei Orcas
Das Allokelping erfüllt vermutlich mehrere Funktionen. Einerseits hilft der Seetang dabei, abgestorbene Hautschuppen und Parasiten zu entfernen. Andererseits könnten die antibakteriellen und entzündungshemmenden Eigenschaften des Seetangs die Hautgesundheit der Orcas unterstützen. Gleichzeitig stärkt der intensive Körperkontakt offenbar die sozialen Beziehungen innerhalb der Gruppe. Ähnlich wie bei Primaten könnte die gegenseitige Pflege Spannungen abbauen und bestehende Bindungen festigen. Für die Orcas ist die Massage damit möglicherweise weit mehr als reine Körperhygiene.
Eine Entdeckung mit großer Bedeutung für den Artenschutz
Obwohl Forscher die südlichen Residenten-Orcas bereits seit den 1970er-Jahren beobachten, blieb das Verhalten jahrzehntelang unentdeckt. Erst eine neue Drohne mit leistungsstarkem Zoomobjektiv ermöglichte 2024 zum ersten Mal detaillierte Aufnahmen. Innerhalb von zwölf Tagen dokumentierte das Forschungsteam 30 weitere Vorfälle. Die Entdeckung macht deutlich, wie viele Verhaltensweisen von Meeressäugetieren noch unerforscht sind.
Zugleich unterstreicht sie die Bedeutung des Artenschutzes: Von den südlichen Residenten-Orcas leben nur noch etwa 73 Tiere. Da das Allokelping offenbar eine sozial erlernte Tradition ist, steht mit jedem verlorenen Tier möglicherweise auch ein Stück kulturellen Wissens auf dem Spiel. Hinzu kommt die Bedrohung ihrer Lebensräume: Die Riesentangwälder leiden unter Meeresbodenstörungen und marinen Hitzewellen infolge des Klimawandels. Der Schutz der Orcas bedeutet deshalb nicht nur, eine bedrohte Tierpopulation zu erhalten. Er bedeutet auch, eine einzigartige Kultur und Verhaltensweisen zu bewahren, die sich über Generationen entwickelt haben.
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Quelle: marinebio.org









