Kenn’ ich schon, weiß ich schon, hab’ ich schon gefischt – und doch kommt es vor, dass einem auch als erfahrenem Fliegenfischer ein wahres Aha-Erlebnis widerfährt.
Rote Augen bringe ich üblicherweise nicht mit Fischen in Verbindung – also nicht mit den Fischen selbst. Außer vielleicht beim Rotauge oder beim Bitterling und in seltenen Ausnahmefällen als Folge „hochqualifizierter Fachgespräche“ im Anschluss an das Fischen.
Neuerdings habe ich jedoch eine völlig neue Beziehung zu roten Augen. Und die verdanke ich meinem Freund Franz Xaver Ortner, besser bekannt unter dem Kürzel FXO. Dass er, im Gegensatz zu mir, ein exzellenter Fliegenbinder ist, brauche ich aufgrund seines Bekanntheitsgrades eigentlich nicht zu erwähnen. Ich mache es trotzdem – vielleicht füllen sich dadurch die leeren Plätze in meiner Fliegendose wieder etwas …
Ohne Biss an der Salzach
Im vergangenen Winter waren wir gemeinsam an der Salzach bei Golling unterwegs. Regenbogenforellen oder Äschen, das war der Plan. Nach einem ausgedehnten Anmarsch durch tiefen Schnee kamen wir endlich an der vorgesehenen Stelle an.
Das Wasser war herrlich klar, die Lufttemperatur lag ein oder zwei Grad über null. Die Ringe blieben eisfrei – beste Voraussetzungen für problemloses Werfen.
Da an der Wasseroberfläche keinerlei Aktivität erkennbar war, fiel unsere Wahl auf verschiedene Nymphen und kleine Jigs. Trotz intensiver Fischerei hatten wir nach einer Stunde noch immer keinen einzigen Biss. Deshalb machte sich Franz Xaver in den Tiefen seiner Fliegenweste auf die Suche nach einer fängigen Fliege.
Das „Rotäugerl“ verhindert den Schneidertag
Nach längerem Herumkramen beförderte er eine kleine Fliegendose ans Tageslicht und entnahm ihr eine eigentlich unscheinbare Nymphe. Das einzig Auffällige waren ihre hellrot leuchtenden Augen.
Und siehe da: Schon nach wenigen Würfen schräg flussab bekam Franz Xaver gegen Ende der Drift einen vehementen Biss. Nach einem längeren Drill in der starken Strömung der Salzach konnte er eine schöne, 38 Zentimeter lange Regenbogenforelle landen. Sie begleitete ihn zum Zweck der „thermischen Behandlung“ bis nach Hause.
Kurze Zeit später fing auch ich eine kleinere Regenbogenforelle, Franz Xaver landete zudem eine schöne Äsche. Nach einem kurzen Fototermin durften beide Fische wieder schwimmen.
Die Fliege mit den roten Augen hatte uns tatsächlich vor einem Schneidertag bewahrt.
Die Idee entstand beim Blick in den Mageninhalt
Auf dem Rückweg zum Auto erzählte mir Franz Xaver, wie er auf die Fliege mit den roten Augen gekommen war. Im Sommer hatte er zwei Regenbogenforellen zum Essen mitgenommen. Beim Ausnehmen der Fische waren ihm im Mageninhalt einige Fliegen mit roten Augen aufgefallen.
Sie waren etwas kleiner als Stubenfliegen, aufgrund der fortgeschrittenen Verdauung aber keiner Art mehr zuzuordnen. Besonders auffällig waren ihre leuchtend roten Augen.
Rote oder orangerote Augen kennen wir von einigen Eintagsfliegenarten. So besitzen etwa die Männchen von Baetis fuscatus, Ephemerella ignita oder Ephemerella major auffällige rote beziehungsweise rotbraune Turbanaugen.
Könnte die Magensäure der Fische das Aufquellen und prägnante „Erröten“ dieser Facettenaugen bewirkt haben? Mitten in diese Überlegungen platzte der Gedanke: Die Insekten sahen eigentlich wie eine verkehrte Red Tag aus – von der braunen Hechel einmal abgesehen.
Eine Red Tag ist eine unbestreitbar hervorragende Äschenfliege. Ebenso unbestritten ist allerdings, dass eigentlich niemand genau weiß, was eine Red Tag imitieren soll.
Aus Pfauengras und Eggyarn entsteht eine neue Fliege
Wenig später saß Franz Xaver am Bindetisch. Aus Pfauengras, schwarzer Hechel und einem dünnen Strang leuchtend roten Eggyarns, das unter UV-Bestrahlung besonders hell erscheint, band er eine Imitation dieser Fliegen.
Kurzerhand taufte er das neue Muster „Rotäugerl“.

Bild: Wolfgang Hauer
Im vergangenen Herbst konnte sich Wolfgang Hauer an der Salzach von der Fängigkeit des Rotäugerls überzeugen. Angespornt von diesem Erfolg, band er später kleine Nymphen mit roten Augen – auch sie funktionierten.
Äschen reagieren auf die roten Augen
Dass der Erfolg an der Salzach kein Zufall gewesen sein dürfte, zeigte sich wenige Tage später an der Lammer. Franz Xaver war dort mit zwei Freunden unterwegs. Zunächst war kein Fisch zum Steigen zu bringen, vermutlich wegen der hohen Temperaturen. Auch mehrere Fliegenwechsel brachten keinen Erfolg.
Erst bei einer Red Tag bequemten sich zwei Äschen dazu, die Fliege wenigstens in Augenschein zu nehmen. Unmittelbar vor dem Muster drehten sie jedoch wieder ab.
Also knüpfte Franz Xaver das Rotäugerl ans Vorfach. Kaum hatte die Fliege jene Stelle erreicht, an der die Fische zuvor verweigert hatten, kam der erste Biss – und zwar überraschend forsch. Sieben oder acht weitere Fische schlürften das Rotäugerl anschließend von der Oberfläche, und das an derselben Stelle.
Nun könnte man meinen, die Fische hätten einfach zu steigen begonnen. Doch Franz Xavers Freunde, die ober- und unterhalb von ihm mit anderen Mustern fischten, blieben weiterhin erfolglos.
Von diesem Erlebnis angespornt, band ich später selbst kleine Nymphen mit roten Augen. Auch sie funktionierten.
Sind UV-aktive Augen der Schlüssel zum Erfolg?
Dass ein passendes Muster vor allem bei selektiven Äschen Wunder wirken kann, wissen die meisten Fliegenfischer aus eigener Erfahrung. Äschen sind Meister darin, „nicht ganz richtige Fliegen“ zu ignorieren. In Verbindung mit ihrer tiefen Abneigung gegen dreggende Fliegen können sie uns zur Verzweiflung bringen.
Wie mir Franz Xaver versicherte, waren am Wasser keine Insekten zu sehen, die dem Rotäugerl entsprachen. Was also war der Schlüssel zum Erfolg? Waren es tatsächlich nur die roten Augen?
Bei den Augen der Fliege handelt es sich um UV-aktives Material. Als Raubfischangler kenne ich die teilweise verblüffende Wirkung UV-aktiver Kunstköder – etwa von Gummifischen beim Zanderangeln. Könnten also die UV-aktiven Augen des Rotäugerls den entscheidenden Reiz auslösen?
Vor einiger Zeit erzählte mir Michael Werner von ähnlichen Erfahrungen mit Meerforellen-Fliegen. Auch an der Küste hätten sich leuchtend orange-rote Augen als überraschend fängig erwiesen und seien derzeit „trendy“.
Irgendetwas müssen Forellen und Äschen an diesen rot leuchtenden Augen finden. Der Erfolg ist jedenfalls verblüffend – auch wenn die genaue Ursache noch nicht restlos geklärt ist.

Bild: Wolfgang Hauer
Das auffälligste Merkmal des Rotäugerls sind seine leuchtend roten Augen. Ob allein dieser Reiz die Fliege für Forellen und Äschen so interessant macht, bleibt allerdings offen.
Bindetipps für das Rotäugerl
Beim Fliegenbinden kommt eine Technik zum Einsatz, die das lästige Abreißen der meist recht „schwachbrüstigen“ Pfauengras-Fibern verhindert.
Dabei hält man die bereits eingebundenen drei Fibern links vom Garn. Zu Beginn des Verdrallens kann die Hechelklemme mit den Fibern dadurch nach oben nachrutschen. So reduziert sich die Spannung, durch die die Fibern sonst häufig reißen.
Bei der Verwendung einer rotierenden Hechelklemme wird generell weniger Zug auf die Fibern ausgeübt.
Die Fibern sind an der Spitze am schwächsten. Daher sollte zunächst nur das obere Drittel verdrallt und anschließend um den Haken gewickelt werden. Erst danach werden die stärkeren unteren Teile der Fibern so weit verdrallt, dass der Körper fertiggestellt werden kann.
Fliegenbinde-Material: Das brauchen Sie für das Rotäugerl
Haken: Größe 14, kurzschenkelig
Bindegarn: Schwarz, dünn
Körper: Pfauengras
Hechel: Schwarze Hahnenhechel
Augen: Eggyarn, fluoreszierend rot
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