Glasaal-Schmuggel: 6.000 Euro für ein Kilo Fisch

Während deutsche Angler damit hadern, noch auf Aal zu angeln, werden mit illegalem Glasaal-Export Millionen von Euro verdient. Experte Florian Stein vom DAFV hat sich lange mit dem Thema beschäftigt und gibt klare Antworten.

Ein Kilogramm Glasaal – das sind etwa 3.000 Fische. Die Menge der jährlich ankommenden Individuen scheint laut ICES seit 2011 nicht weiter zu sinken. Foto: Florian Büttner

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Ein Kilogramm Glasaal – das sind etwa 3.000 Fische. Die Menge der jährlich ankommenden Individuen scheint laut ICES seit 2011 nicht weiter zu sinken.

Seit Jahren hört man nichts als Hiobsbotschaften über den Zustand des Aal-Bestandes. Ist die Situation wirklich so ernst – und dürfen wir eigentlich noch ruhigen Gewissens auf Aal angeln? Wir haben jemanden gefragt, der es wirklich wissen muss. Florian Stein vom DAFV hat sich jahrelang mit dem Europäischen Aal und dem Handel mit Glasaal auseinandergesetzt. Seine Sicht der Dinge lässt durchaus hoffen.

Experte Florian Stein hat sich fünf Jahre mit dem Aal beschäftigt

Seit Sommer 2021 ist Florian Stein der Mann für Europaangelegenheiten beim Deutschen Angelfischerverband e.V. (DAFV). Zuvor hat er sich mehr als fünf Jahre lang für die Sustainable Eel Group (sustainable = nachhaltig) professionell mit dem Europäischen Aal auseinandergesetzt. Genauer hat Florian dabei den weltweiten Aalhandel im Rahmen seiner Doktorarbeit unter die Lupe genommen. Besonders illegale Geschäfte mit dem im Bestand bereits dezimierten Europäischen Aal weckten seine Aufmerksamkeit. Umfangreiche Recherchen führten Florian selbst bis nach Asien, wohin die Spur vieler illegal gefangener Glasaale führt. Auf Fischmärkten vor Ort nahm er Proben von Aalen, um diese genetisch zu untersuchen und herauszufinden, ob es sich um europäische oder asiatische Aale handelte. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen zeigen deutlich, dass es einen regen illegalen Handel mit Aalbrut von Europa nach Asien gab.

Florian Stein sieht gar nicht so schwarz für den Europäischen Aal. Er hält eine nach­haltige Nutzung, die an Auflagen geknüpft ist, für am sinnvollsten. Foto: Florian Büttner

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Florian Stein sieht gar nicht so schwarz für den Europäischen Aal. Er hält eine nach­haltige Nutzung, die an Auflagen geknüpft ist, für am sinnvollsten.

Mit diesen Erkenntnissen konnte Florian erstmals eine breitere Öffentlichkeit über das Thema des illegalen Aalhandels von Europa nach Asien informieren. Neben Wasserkraft, Fraßdruck durch fischfressende Vögel sowie Säugetiere und die Fischerei deckte er somit die Dimension einer weiteren Gefahr auf. Natürlich kennt sich der Fachmann auch abseits des illegalen Aalhandels gut mit dem Zustand des Aals aus. Für den Blinker beantwortet Florian, in welchem Zustand sich der Bestand grundsätzlich befindet und ob Aalangeln noch zeitgemäß ist. Ebenso fragten wir ihn, wie sich der illegale Handel mit Glasaal auswirkt und was getan werden kann, um die Situation für unseren Aal zu verbessern.

Auf einen Blick: Wie steht es um den Aal?

  • Seit einigen Jahren gibt es erste Anzeichen für eine leichte Erholung des Bestandes
  • Ein Aussterben des Aals ist derzeit nicht zu befürchten
  • Komplette Fangverbote sind nicht hilfreich, sondern befeuern Kriminalität
  • Ein Fangverbot hätte zur Folge, dass sich niemand mehr für den Aal einsetzt
  • Der Export von Glasaal ist verboten
  • Aquakulturen in China sind vom illegalen EU-Aal abhängig
  • Lukratives Geschäft: Schmuggler verdienen mit einem Kilo Glasaal bis zu 6.000 Euro

Der Aal in der Krise

Blinker: Wie steht es um den Bestand des Europäischen Aals?

Florian Stein: Der europäische Aalbestand ist in keinem guten Zustand. Allerdings beobachten wir laut dem Internationalen Rat für Meeresforschung seit der Einführung der EU-Aalverordnung eine Stagnation des Rückgangs. Erste Anzeichen für eine leichte Erholung des Bestands gab es in den letzten Jahren auch immer wieder, allerdings ist das erfasste Glasaalaufkommen – der wichtigste Wert für die Bewertung des Aalbestands – coronabedingt momentan verfälscht und nicht belastbar.

Aus meiner Sicht ist aber allein die Stagnation des Rückgangs ein klares Anzeichen dafür, dass die Maßnahmen der EU-Aalverordnung tatsächlich Wirkung zeigen. Soweit ich weiß, ist der Aal der einzige Fisch in Europa, der seine eigene Verordnung in Brüssel hat – das ist großartig und wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass die Verordnung auch überall entsprechend umgesetzt wird, damit sie ihr volles Potenzial entfalten kann! Die bisherige Umsetzung in den Mitgliedsstaaten ist bei weitem nicht perfekt und der Aalbestand ist noch lange nicht wieder dort angelangt, wo wir ihn gerne hätten.

Der Aal braucht für seine Wanderungen in den Flüssen mehr Fischtreppen, wie hier im französischen Baskenland, und weniger zerstörerische Wasserkraftanlagen. Viele unserer Fließgewässer stehen ihm bereits praktisch kaum noch zur Verfügung. Foto: Florian Büttner

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Der Aal braucht für seine Wanderungen in den Flüssen mehr Fischtreppen, wie hier im französischen Baskenland, und weniger zerstörerische Wasserkraftanlagen. Viele unserer Fließgewässer stehen ihm bereits praktisch kaum noch zur Verfügung.

Aal-Bestände sind aus mehreren Gründen rückläufig

Blinker: Wo siehst du die Gründe für den Bestandsrückgang?

Florian Stein: Bisher ist es der Wissenschaft leider nicht gelungen, die genauen Gründe für den Bestandsrückgang einwandfrei zu identifizieren, gleichwohl in den vergangenen 20 Jahren verschiedenste Faktoren untersucht wurden, die als Ursache für den Rückgang in Frage kommen. Darunter beispielsweise die Einschleppung von Parasiten (vor allem der Schwimmblasenwurm Anguilicola crassus) sowie Veränderungen von Meeresströmungen aufgrund der Erderwärmung. Häufig wird bei diesen Diskussionen aber ignoriert, dass der europäische Aalbestand bereits seit dem frühen 18. Jahrhundert abnimmt.

Aus meiner Sicht ist die historische Komponente ein sehr starker Hinweis darauf, dass der menschengemachte, katastrophale Raubbau an den Gewässersystemen und der damit einhergehende, massive Lebensraumverlust mit großer Wahrscheinlichkeit eine der Hauptursachen für den Bestandsrückgang sein muss – und bedauerlicherweise gilt das nicht nur für den Aal, sondern für den Großteil der Wanderfischarten weltweit. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir Angler uns noch geschlossener für den Rückbau von Wanderhindernissen, insbesondere von Fisch-schreddernden Wasserkraftanlagen, und die Renaturierung unserer Gewässer einsetzen würden, um dieser fatalen, von den Menschen verursachten Entwicklung entgegenzuwirken!

In Asien gezuechteter Aal auf einem Seafood-Markt in Hong Kong. Foto: Florian Büttner

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In Asien gezüchteter Aal auf einem Seafood-Markt in Hong Kong.

Damals fütterten Bauern mit Glasaalen ihre Hühner

Blinker: Ist der Aal vom Aussterben bedroht?

Florian Stein: Laut der Weltnaturschutzunion (IUCN) befindet sich der Aal auf der Liste der Arten, die „vom Aussterben bedroht“ sind. Allerdings kritisiert man aus meiner Sicht zu Recht, dass das Bewertungsverfahren die Menge der tatsächlich noch vorhandenen Aale zu wenig berücksichtigt und sich stattdessen sehr stark auf die Dynamik der Bestandsentwicklung konzentriert. Der Europäische Aal hat einst etwa die Hälfte der Biomasse in europäischen Binnengewässern ausgemacht. Immer wieder hört man, dass die Kanäle in den Marschen Norddeutschlands einst so voll mit Glas- und Steigaalen waren, dass die Bauern sie zum Düngen auf die Felder geschaufelt oder ihre Hühner damit gefüttert haben. Laut wissenschaftlichen Modellrechnungen kommen jedes Jahr immer noch weit über eine Milliarde Glasaale an den europäischen Küsten an …

Ja, der Rückgang war dramatisch, aber angesichts der positiven Entwicklung als Folge der Schutzmaßnahmen durch die EU-Aalverordnung ist es aus meiner Sicht absolut irreführend, weiterhin von einem Aussterben der Art zu reden. Davon ist der Europäische Aal weit entfernt. Wir müssen uns aber auch klar machen, dass wir aufgrund der drastischen, europaweiten Habitatverluste, verursacht durch die Gewässerverbauung, nie wieder den historischen Zustand erreichen werden können.

Ein Viertel aller Glasaale wird nach Asien exportiert

Blinker: Wenn es dem Aalbestand schlecht geht, sollte man dann weiter Aal fangen und essen?

Florian Stein: Hier muss ich ein bisschen weiter ausholen: Ich habe die letzten fünf Jahre eng mit Strafverfolgungsbehörden, der Europäischen Kommission und Organisationseinheiten der Vereinten Nationen (FAO, UNODC) zusammengearbeitet, um den illegalen Export von lebenden Glas­aalen von Europa nach Asien zu reduzieren und final zu beenden. 2018 hat Europol geschätzt, dass etwa ein Viertel des Glasaalaufkommens – das sind etwa 350 Millionen Aale (100 Tonnen) – illegal nach Asien exportiert wurden. Mit ziemlicher Sicherheit kann ich heute behaupten, dass die Menge illegaler Exporte aufgrund der intensivierten Strafverfolgung und einer strengen Kontrolle der Fischerei und des Handels um mindestens 50 Prozent reduziert wurde.

Bei der Zollkontrolle am spanischen Flughafen aufgeflogen: In einfachen Koffern werden Glasaale ähnlich wie Drogen geschmuggelt. Kein Wunder, das Kilo bringt bei Ankunft in Asien bis zu 6.000 Euro. Foto: Florian Büttner

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Bei der Zollkontrolle am spanischen Flughafen aufgeflogen: In einfachen Koffern werden Glasaale ähnlich wie Drogen geschmuggelt. Kein Wunder, das Kilo bringt bei Ankunft in Asien bis zu 6.000 Euro.

Aber mit dieser Wildtierkriminalität (wildlife crime) kann man so unglaublich viel Geld verdienen, dass ich überzeugt davon bin, dass ein generelles Fangverbot dem Aalbestand nicht helfen würde. Wenn ich in einer dunklen Nacht am Fluss als Wilderer mehrere Hundert und als Händler mehrere Tausend Euro pro Kilogramm Glasaal verdienen kann – hält mich dann ein Fangverbot davon ab? Ich befürchte nicht, sondern bin im Gegenteil überzeugt davon, dass ein generelles Fangverbot die Situation noch verschlimmern würde.

Ein ganzer Berufszweig würde von jetzt auf gleich kriminalisiert und in die Illegalität gedrängt. Nicht zuletzt sind redliche Fischer und Angler die Augen und Ohren am Gewässer – verlieren wir sie, verlieren wir auch jegliche Kontrolle. Aus meiner Sicht können wir mit einer verantwortungsvollen, streng kontrollierten Fischerei und den nachgeordneten Sektoren (Verarbeitung, Veredelung, Verzehr) mehr für die Erholung des Aalbestands erreichen als mit einem europaweiten Fangverbot, wie es aktuell der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) fordert.

Der Golf von Biskaya: Hier fangen Fischer die meisten Glasaale

Blinker: In Deutschland fangen Fischer ja keine Glasaale. Wo findet das alles statt?

Florian Stein: Im französischen Golf von Biskaya werden mit großem Abstand die meisten Glasaale in Europa gefischt. Der Golf wirkt wie ein riesiger Trichter, in dem sich die aus der Sargassosee heranströmenden Aal-Larven ansammeln. Nördlich (bspw. Bretagne) und südlich (bspsw. Nordspanien inklusive des Baskenlandes) des Golfs werden proportional weniger Glasaale gefischt, zumindest offiziell. Allerdings ist Frankreich auch das einzige Land, in dem die Fänge über Quoten reglementiert sind.

Aginaga im Baskenland, Angulas El Angulero de Aguinaga, Glasaale werden hier von einem Mitarbeiter weiterverarbeitet. Foto: Florian Büttner

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Aginaga im Baskenland, Angulas El Angulero de Aguinaga, Glasaale werden hier von einem Mitarbeiter weiterverarbeitet.

Blinker: Wieviel Glasaal wird denn dort gefangen?

Florian Stein: In den vergangenen Jahren lag die Gesamtquote immer bei rund 60 Tonnen – das sind etwa 180 Millionen Fische. Der jährliche europäische Bedarf für Aquakultur und Besatz lag aber nur bei etwa 30 Tonnen. Die Sustainable Eel Group (SEG) hat dieses Missverhältnis zwischen Fangquote und Bedarf immer wieder stark kritisiert – vor allem, da klar war, dass etwa die Hälfte der legalen Fänge auf illegalen Wegen nach Asien verschwindet. Ich möchte an dieser Stelle aber auch betonen, dass sich die Situation in Frankreich seit 2018 extrem verbessert hat. Die Quote wurde in kleinen Schritten abgesenkt und Fischer sowie Händler stehen unter strengster Beobachtung der Strafverfolgungsbehörden. Aus meiner Sicht ist genau das der richtige Weg: Die Quote so weit absenken, dass der (legale) europäische Markt (Besatz, Aquakultur) bedient werden kann, während alle Elemente der Lieferkette permanent strengsten Kontrollen unterliegen.

Deutsche Angler fangen etwa 15 Tonnen Aale pro Jahr

Blinker: Und wieviel Aal fangen Angler und Fischer in Deutschland?

Florian Stein: Laut dem Jahresbericht zur deutschen Binnenfischerei und Binnenaquakultur 2019, wurde in Aal-Aquakultur (1.286 Tonnen) zehnmal so viel Aal produziert, wie Berufsfischer gefangen haben (131 Tonnen). Die Datenlage bezüglich Aal-Angelei ist sehr viel schlechter, aber die Gesamtmenge der Entnahme durch Angler wird auf nur 15 Tonnen geschätzt. Mit Besatz, der an erster Stelle die ausreichende Abwanderung zur Vermehrung in der Sargassosee sicherstellt, sollte meiner Meinung nach Fischerei und Angelei auch in der Zukunft weiter möglich sein.

Nur nachhaltige Ansätze können den Bestand retten

Blinker: Was glaubst du, wie können wir den Aalbestand langfristig retten?

Florian Stein: Ich bin ein großer Fan des Drei-Säulen-­Modells der Nachhaltigkeit. Danach muss man die drei Säulen Umwelt, Soziales und Wirtschaft in jedem Lösungsansatz berücksichtigen, um erfolgreich zu sein. In Bezug auf Aal heißt das, ein generelles Fangverbot (Umwelt) vernachlässigt den Einbezug von Wirtschaft (bspw. Verhinderung von Wilderei und illegalen Exporten durch einen verantwortlich handelnden Aalsektor) und Sozialem (bspw. Bewahrung der diversen, regionalen Zubereitungsarten, die Möglichkeit zu angeln). Aus meiner Sicht kann eine Bestandserholung nur erfolgreich sein, wenn alle Interessengruppen in die Lösung des Problems miteinbezogen werden. Pauschalisierte Fangverbote werden von der Politik gerne als vermeintlich einfach umzusetzendes und effektives Mittel vorgeschlagen. Der Nachweis über tatsächliche Auswirkungen der verschiedenen Fischereimethoden bleibt dabei meist aus – wie gegenwärtig beispielsweise bei den Diskussionen um die Einrichtung von Meeresschutzgebieten im Zuge der EU-Biodiversitätsstrategie 2030.

Der ESF unterstützt Maßnahmen zum Schutz der Fische

In Deutschland und anderen europäischen Ländern gibt es den sogenannten Eel Stewardship Fund (ESF), ein 2016 von der gemeinnützigen Initiative zur Förderung des Europäischen Aals e.V., (Aal-Initiative) ins Leben gerufener Fond zur Unterstützung von Maßnahmen, die zur Bestandserholung beitragen. Jeder Aal-Konsument, der Aal mit dem ESF-Logo erwirbt, speist diesen Fonds und finanziert somit Maßnahmen, die dem Aal ganz konkret helfen. Über die letzten zwölf Jahre wurden von der Aalinitiative und dem ESF u.a. folgende Maßnahmen unterstützt: Aalbesatzförderung mit Glasaalen und in Farmen vorgestreckten Jungaalen (596.000 Euro), Aalforschung und Unterstützung von Aktivitäten zur Eindämmung des illegalen Aalhandels (280.000 Euro) sowie Überwindung von Wanderhindernissen – Aaltaxi Weser (30.000 Euro). Die in der Aalinitiative vereinigten kleinen und mittelständischen Unternehmen der Aalwirtschaft – Aalräuchereien, Aalhändler, Aalfarmen, Fischereiverbände, Angelvereine und Privatpersonen – unterstützen die seit Jahrzehnten durchgeführten Maßnahmen der Angler und Fischer in vorbildlicher Weise.

Aal, der durch ESF-zertifizierte Betriebe verkauft wird, finanziert Maßnahmen zum Schutz des Gesamtbestandes – wie Aalbesatz in Gewässer, aus denen sie abwandern können. Davon profitieren natürlich auch Angler und Fischer. Foto: Florian Büttner

Bild: Florian Büttner

Aal, der durch ESF-zertifizierte Betriebe verkauft wird, finanziert Maßnahmen zum Schutz des Gesamtbestandes – wie Aalbesatz in Gewässer, aus denen sie abwandern können. Davon profitieren natürlich auch Angler und Fischer.

Aal angeln und essen? Das muss jeder selbst entscheiden

Blinker: Aal angeln und essen ist deiner Meinung nach auch in 2022 noch in Ordnung?

Florian Stein: Meinen letzten Aal habe ich vor mehr als 20 Jahren in Schottland geangelt, aber ein Stück Räucheraal direkt vom Fischer oder aus zertifizierter Aquakultur ist nach wie vor etwas ganz Feines! Die Entscheidung, ob ich als Angler gezielt auf Aal angle oder aufgrund der Bestandssituation darauf verzichten möchte – diese Frage muss jeder Angler für sich selbst beantworten. Allerdings würde ich es begrüßen, wenn alle Angler in diesem Zusammenhang die folgenden Punkte berücksichtigen:

  1. Wenn Sie Aal besetzen, achten Sie bitte darauf, dass Sie nur Gewässer besetzen, aus denen die Aale ins Meer abwandern können
  2. Stellen Sie sicher, dass die Besatzaale von Fischern und Händlern stammen, die eine geringe fischereiliche Sterblichkeit und eine transparente Lieferkette nachweisen können
  3. Engagieren Sie sich für den Rückbau von Gewässerverbauung, um dem Aal wieder mehr Lebensraum zugänglich zu machen!

Chinesische Aquakulturen sind vom illegalen Glasaal-Export aus Europa abhängig

Blinker: Noch mal zu deiner professionellen Verbindung zum Aal. Du beschäftigst dich vor allem mit dem globalen Handel von Glasaal, aber auch von Aalfilets. Warum ist das so spannend und was sind deine Erkenntnisse?

Florian Stein: Auch hier muss ich wieder etwas weiter ausholen. Wenn wir den globalen Aal-Markt betrachten, müssen wir uns erst einmal klar machen, dass wir hier nicht über Räucheraal reden. Das primäre Produkt im globalen Handel ist sogenannter Unagi Kabayaki, in Sojasauce getunkte Aal-Schmetterlingsfilets, traditionell über Holzkohle gegrillt. Das Gericht stammt ursprünglich aus Japan, erfreut sich aber mittlerweile, im Zuge der weltweiten Verbreitung asiatischer Restaurants, globaler Beliebtheit. In Deutschland kennt man Unagi wohl am ehesten als Auflage beim Sushi. Seltener auch als Unadon, als ganzes Filet auf gedämpftem Reis. Seit 2011 produziert China über 80 Prozent der globalen Aal-Aquakulturprodukte (alle Arten). Der globale Anteil der europäischen Produktion liegt im Vergleich bei nur etwa drei Prozent. Wie die meisten Angler wissen, dürfen Europäische Aale seit 2010 nicht mehr aus Europa exportiert werden.

Grund all des Ärgers mit illegalem Fang und Schmuggel ist das hier: Unagi, gegrillte Aalfilets in Sojasoße. In China und Japan als „Unadon“ auf Reis sehr beliebt. Foto: Pixabay / gumigasuki

Bild: Pixabay / gumigasuki

Grund all des Ärgers mit illegalem Fang und Schmuggel ist das hier: Unagi, gegrillte Aalfilets in Sojasoße. In China und Japan als „Unadon“ auf Reis sehr beliebt.

Großer Anteil von Europäischem Aal in China

Untersuchungen von Kollegen in Nordamerika und Hong Kong, sowie eine noch unveröffentlichte Studie von uns konnten aber einen hohen Anteil von europäischem Aal in Produkten außerhalb Europas nachweisen, die allesamt aus China importiert wurden. Für chinesische Produkte auf dem europäischem Markt konnten wir diesen hohen Anteil aber nicht nachweisen. Weiterhin zeigen uns internationale Statistiken, dass China einen sehr viel geringeren Glasaaleintrag in die chinesische Aquakultur meldet, als für die gemeldete Produktion von durchschnittlich 206.000 Tonnen Jahresproduktion (2008-2018) notwendig wäre. Kombiniert man nun die Informationen aus dem illegalen Glasaalexport aus Europa mit den Nachweisen von europäischem Aal in Aalprodukten aus China und den geringen legalen Glasaaleintrag in chinesische Aquakultur, bleibt nur die Schlussfolgerung, dass die chinesische Aalaquakultur von illegalen Exporten aus Europa extrem abhängig ist.

Im Vergleich zum Aalkonsum-Spitzenreiter Japan, ist Aal-Aquakultur in China noch ein vergleichsweise junges Phänomen. Aal-Aquakultur-Unternehmen sind erst in den frühen 2000er Jahren von Taiwan und Japan nach Südchina abgewandert. Dort sind sie dann aber geradezu explodiert und haben innerhalb weniger Jahre die Weltmarktführung übernommen. Es gibt in China einzelne Produzenten, die fast doppelt so viel Aalfleisch produzieren wie alle Produzenten Europas zusammen! In den späten 1990er und frühen 2000er Jahren war der Bestand des bevorzugten Japanischen Aals (Anguilla japonica) bereits soweit geschrumpft, dass chinesische Produzenten anfingen, europäische Glasaale als Ersatzprodukt einzukaufen. Mit dem EU-Handelsverbot ab 2010 wurde dieser Handel dann komplett gestoppt (theoretisch). In den letzten Jahren haben sich aber die Hinweise verdichtet, dass auch nach Inkrafttreten des Verbots der illegale Handel auf etwa gleichem Niveau fortgesetzt wurde. Es hat allerdings ein bisschen gedauert, bis man in Europa das Problem erkannt und begonnen hat, dem entgegenzuwirken.

Bis auf asiatische Fischmärkte hat Florian die Spur der illegal gefangenen Europäischen Aale verfolgt. Foto: Florian Büttner

Bild: Florian Büttner

Bis auf asiatische Fischmärkte hat Florian die Spur der illegal gefangenen Europäischen Aale verfolgt.

Ein Kilo Glasaal kostet in Asien bis zu 6.000 Euro

Blinker: Wo und wie bekämpft man den illegalen Handel?

Florian Stein: In den ersten Jahren nach Inkrafttreten des Verbots war es vor allem die Spezialeinheit für Umweltkriminalität (SEPRONA) der spanischen Militärpolizei Guardia Civil, die den Schmugglerbanden auf die Schliche kam. Darunter waren auch legale Seafood-Unternehmen, die gleichzeitig auch den illegalen Markt kontrolliert haben. Lebende Glasaale lassen sich mit ausreichend Kühlung und Feuchtigkeit relativ einfach in Koffern oder in Luftfrachtcontainern unter anderen Meeresprodukten wie Austern oder Krabben schmuggeln. In einem der bekannteren Fälle wurden die legal und illegal gefischten Glasaale bei einem Händler in Valencia gesammelt und dann per LKW nach Barcelona gefahren. Dort ging es per Fähre nach Norditalien, von dort weiter per LKW an die Ostküste Italiens und anschließend per Fähre zu einer Aquakulturanlage in Griechenland. Erst von dort wurden die Aale dann illegal nach Asien ausgeflogen.

Kein Aufwand ist für die Aal-Schmuggler zu teuer

Hier zeichnet sich schon ab, dass kein Aufwand zu groß zu sein scheint. Nachdem in den letzten Jahren der Druck durch die Strafverfolgung massiv angestiegen ist und die Pandemie den Schmuggel in Koffern zusätzlich erschwert hat, haben portugiesische Ermittler eine Bunkeranlage gestürmt. Sie wurde allein für den Zweck errichtet, um Glasaale vor dem illegalen Export an einem geheimen Ort zwischenzulagern. Das Geschäft ist offensichtlich so lukrativ, dass kein Aufwand zu teuer ist. Entlang der illegalen Lieferkette kann sich der Wert eines Kilogramms Glasaale (ca. 3.000 Fische) schnell verzwanzigfachen – bei Ankunft in Asien werden bis über 6.000 Euro pro Kilogramm gezahlt – und der jährliche Wert der Aalfilets, erzeugt aus illegal exportierten Glasaalen, wird auf zwei bis drei Milliarden Euro geschätzt. Nachdem der illegale Export aus den Quell-Ländern Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal immer schwieriger wurde, konnten wir in den letzten Jahren eine Verschiebung der Exporte aus Ländern in Mittel- und Osteuropa registrieren.

Zwischen Zackenbarschen, Graskarpfen und Garnelen wird Florian fündig. Ob dieses Exemplar aus chinesischer Aquakultur wohl vor ein paar Jahren als europäischer Glasaal in der Bucht von Biskaya gefangen und nach Fernost geschmuggelt wurde? Foto: Florian Büttner

Bild: Florian Büttner

Zwischen Zackenbarschen, Graskarpfen und Garnelen wird Florian fündig. Ob dieses Exemplar aus chinesischer Aquakultur wohl vor ein paar Jahren als europäischer Glasaal in der Bucht von Biskaya gefangen und nach Fernost geschmuggelt wurde?

Der Handel mit Glasaal ist ein großes Problem

Einer der wenigen Fälle, der es auch in die deutschen Medien geschafft hat, ist der Fall Liederbach, ein kleiner Ort unweit des Frankfurter Flughafens. Nach Kofferaufgriffen am Stuttgarter und Frankfurter Flughafen um die Jahreswende 2018/19 sind Ermittler auf ein seit Jahren geschlossenes Chinarestaurant in dem hessischen Dorf gestoßen, dessen Keller offensichtlich als Verteilerzentrum für den illegalen Export aus Deutschland und seinen Nachbarländern fungiert hat.

Doch auch außerhalb Europas ist der illegale Handel mit Glasaal und Aalfleisch ein Riesenproblem. Im März 2021 wurde ein kanadischer Seafood-Händler zu einer Strafe von 163.776 kanadischen Dollar für den illegalen Import von europäischem Aalfleisch aus China verurteilt, da er nicht nachweisen konnte, dass die Aale ursprünglich aus Fanggebieten außerhalb Europas stammten (beispielsweise Marokko oder Tunesien) sowie dass die Bestimmungen des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) eingehalten wurden.

Man darf das Problem nicht an andere Orte der Welt verschieben

Weitere Erfolge meldete Interpol (Operation Eel-Icit Trade II) auch für die USA, Australien, aber auch EU-Staaten. Durch das EU-Handelsverbot und die erfolgreiche Bekämpfung des illegalen Handels von Europäischem Aal steigt gleichzeitig der Druck auf andere Aal-Arten wie den Amerikanischen Aal (Anguilla rostrata) und verschiedene tropische und subtropische Arten, aufgrund der hohen, globalen Nachfrage. In der Karibik, den USA, Kanada und asiatischen Staaten ist Glasaal-Wilderei ein zunehmendes Problem und wir müssen aufpassen, dass wir das Problem nicht einfach an andere Orte auf der Welt verschieben. Deshalb ist von absolut zentraler Bedeutung, das Problem in globaler Koordination zu lösen, statt gegenseitig mit erhobenen Zeigefingern aufeinander zu zeigen.

Quellenangaben:


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