Der Europäische Aal (Anguilla anguilla) ist Fisch des Jahres 2025 – ein Titel, den sich der faszinierende Wanderfisch allerdings mit einem dramatischen Hintergrund erkauft hat: Die Bestände sind europaweit stark rückläufig. Die Politik hat reagiert, die Europäische Aalverordnung greift hart durch. In Ländern wie Großbritannien, Irland, Schweden, Norwegen oder den Niederlanden gilt bereits ein striktes, vollständiges Entnahmeverbot. Das Aal zurücksetzen ist vielerorts also inzwischen generell vorgeschrieben.
Auch bei uns in Deutschland wurden die Mindestmaße vielerorts angehoben und Tagesfangbegrenzungen eingeführt. Das Thünen-Institut hat ermittelt, dass hierzulande bereits rund 37 Prozent aller gefangenen Aale wieder zurückgesetzt werden müssen – in Holland sind es sogar über 70 Prozent. Doch Hand aufs Anglerherz: Was passiert mit den Fischen, nachdem sie durch unsere Hände wieder ins Wasser geglitten sind und wir den Aal zurücksetzen? Überleben sie den Ausflug ans Tageslicht überhaupt?
Not-OP am Schlund: Ein Todesurteil in 64 Prozent der Fälle!
Die bittere Realität am Wasser kennt jeder Aalangler: Der Biss des Aals erfolgt oft heimlich, still und leise. Bis die Rutenspitze ausschlägt oder der Bissanzeiger Laut gibt, hat der Fisch den Naturköder meist schon tief inhaliert. Sitzt der Haken erst einmal tief im Schlund, beginnt der fatale Fehler am Ufer: der krampfhafte Versuch, das Metall mit der Boulevardzange oder dem Hakenlöser herauszuoperieren.
Aktuelle Untersuchungen des Thünen-Instituts für Ostseefischerei bringen hier schmerzhafte Gewissheit: In über 77 Prozent der Fälle scheitert der Versuch, einen tiefsitzenden Haken erfolgreich zu entfernen! Schlimmer noch: Die Prozedur führt fast immer zu schweren Wundblutungen und massiven inneren Verletzungen. Das schlägt sich gnadenlos in der Statistik nieder:
Während flach im Maulbereich gehakte Aale eine hervorragende Überlebensrate aufweisen – die Gesamtsterblichkeit liegt nach 43 Tagen bei gerade einmal rund 10 Prozent –, schnellt die Mortalität bei tief gehakten Fischen nach langen Löseversuchen auf bis zu 64 Prozent hoch.
Die wissenschaftlich fundierte Konsequenz lautet daher: Bei tief sitzendem Haken wird nicht operiert! Der beste Weg, wenn Sie den Aal zurücksetzen: Das Vorfach direkt am Maul abschneiden und den Fisch sofort ins Wasser entlassen. Das minimiert innere Verletzungen und steigert die Überlebensrate des Aals drastisch!
Das Röntgen-Experiment: Können Aale Haken auswürgen?
Bleibt die brennende Frage: Siecht der Aal mit dem Stahl im Leib nicht kläglich dahin, wenn wir den Aal zurücksetzen und das Vorfach kappen? Die Antwort ist ein klares Nein!
Eine wegweisende Studie liefert dazu faszinierende Einblicke. Wissenschaftler beobachteten 32 Aale, die Haken tief geschluckt hatten (nicht mehr im Maul sichtbar), über einen Zeitraum von 163 Tagen. Die Fische wurden im Freiwasser mit den Hakengrößen 2 und 6 auf Regenwurm gefangen, individuell markiert und regelmäßig geröntgt sowie untersucht.
Die Ergebnisse der Röntgenbilder und anschließenden Sektionen sind eine echte Überraschung. Sie zeigen, dass die Größe des Hakens über das Schicksal des Fisches entscheidet:
- Größe 6 (Kleine Haken): Sagenhafte 41 Prozent der Aale konnten den kleinen Haken innerhalb des Beobachtungszeitraums komplett selbstständig ausstoßen.
- Größe 2 (Große Haken): 0 Prozent – kein einziger Aal konnte den großen Haken ausstoßen.
Wie schnell kann ein Aal einen geschluckten Haken loswerden?
Besonders spannend: Die Befreiung geschieht extrem schnell! Satte 71 Prozent der erfolgreichen Haken-Ausstoßungen erfolgten bereits innerhalb der ersten 24 Tage. Ein besonders flinker Proband spuckte den Haken sogar nach nur zwei Stunden wieder aus. Dabei zeigte sich, dass größere Aale eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit haben, den Fremdkörper erfolgreich loszuwerden.
Und wie machen die Schlängler das? Entgegen der alten Theorie von der „Zersetzung durch Magensäure“ spielte die chemische Korrosion des Hakens kaum eine Rolle. Der Haken wanderte auch nicht durch den Darmtrakt. Die Aale befreiten sich durch einen mechanischen Kraftakt: Sie würgten den Haken schlichtweg über den Schlund wieder aus.
3 Tipps für die Praxis: So angeln wir nachhaltig auf Aal
Was fangen wir Angler mit diesen harten Fakten an? Sie zwingen uns zu einem konsequenten Umdenken bei der Materialwahl und der Taktik, noch bevor wir einen untermaßigen Aal zurücksetzen müssen:
- Frühzeitiger Anschlag: Wer beim Aalangeln pennt oder die Ruten stundenlang unbeaufsichtigt lässt, riskiert das Leben untermaßiger Aale. Wir müssen den Anschlag so früh wie möglich setzen, um die tiefe Schluckphase von vornherein zu verhindern.
- Angepasste Hakengrößen: Setzen Sie auf Haken, die klein genug sind, um im Notfall vom Fisch ausgewürgt werden zu können, aber stabil genug für den Drill. Haken der Größe 2 verbleiben zum Beispiel dauerhaft im Körper und verursachen schwere Schäden.
- Die Schere parat haben: Sobald ein untermaßiger oder in der Schonzeit gefangener Aal den Haken tief geschluckt hat, verbietet sich der Griff zum Hakenlöser. Vorfach dicht am Maul kappen und den Aal zurücksetzen – und zwar so schonend wie möglich.
Hinweis: Viele weitere spannende Studien, biologische Hintergründe und handfeste Praxistipps finden Sie in der brandneuen, 112 Seiten starken Broschüre „Fisch des Jahres 2025 – Der Europäische Aal“ des DAFV, die direkt im DAFV-Shop erhältlich ist. Weitere Infos zum Fisch des Jahres gibt es auch direkt in unserem Blinker-Newsbereich.
Experten-Tipp: Die Waffe gegen das Tiefschlucken: Circle Hooks und Schonhaken
Wer die Sterblichkeit von Aalen beim Naturköderangeln effektiv gegen Null senken will, sollte von klassischen Wurmhaken auf Circle Hooks (Kreishaken) umsteigen.
Diese spezielle Hakenform, die ursprünglich aus der Langleinenfischerei stammt, besitzt eine nach innen gebogene Spitze. Der biomechanische Clou: Schluckt der Aal den Köder, gleitet der Circle Hook aufgrund seiner Form reibungslos durch den Schlund, ohne zu greifen. Erst wenn der Fisch abzieht und Zug auf die Schnur kommt, wandert der Haken nach vorne und dreht sich fast ausnahmslos präzise im Maulwinkel ein. Ein tiefes Schlucken wird so nahezu unmöglich!
Wichtig bei der Verwendung von Circle Hooks:
Kein klassischer Anschlag! Wer reflexartig die Rute hochreißt, zieht den Haken dem Fisch aus dem Maul. Stattdessen wird die Schnur lediglich auf Spannung gebracht und die Rute gleichmäßig angehoben.
Schonhaken nutzen: Verwenden Sie feindrähtige Modelle ohne ausgeprägten Widerhaken (oder drücken Sie diesen mit der Zange an). Sollte ein Aal den Haken im Eifer des Gefechts doch einmal tief nehmen, erleichtert ein angedrückter Widerhaken das Auswürgen über den Schlund (wie in der Thünen-Studie nachgewiesen) nochmals um ein Vielfaches!
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