Angeln mit Handicap: Mein Weg zurück ans Wasser

Seit einem Unfall im Jahr 2006 ist Philipp Lingner querschnittsgelähmt. Heute kann er wieder angeln – dank seiner Pfleger und eines genialen Hilfsmittels.

Philipp mit einem 50 cm langen Schuppenkarpfen (links). Dass er auch im Rollstuhl angeln kann, verdankt er seiner Orthese.

Bild: P. Lingner

Philipp mit einem 50 cm langen Schuppenkarpfen (links). Dass er auch im Rollstuhl angeln kann, verdankt er seiner Orthese.

Schon seit er ein kleiner Junge war, ist das Angeln für unseren Leser Philipp Lingner alles. Doch als er im Jahr 2006 in einen tragischen Unfall verwickelt wird, ist er querschnittsgelähmt und auf einen Rollstuhl und Pflege angewiesen. Trotzdem hat er sich davon nicht entmutigen lassen. Vor einiger Zeit ließ er sich eine Orthese anfertigen, mit der er wieder selbstständig angeln kann – und heute fängt er größere Fische als je zuvor. In diesem Beitrag erzählt er seine inspirierende Geschichte.

Schon immer ein begeisterter Angler

Petri Heil liebe Leserinnen und Leser,

mein Name ist Philipp Lingner, ich bin 35 Jahre alt und ich komme aus Cochstedt im Salzlandkreis. Ich bin seit über 17 Jahren durch einen Unfall ab Hals abwärts komplett querschnittsgelähmt. Deshalb sitze ich täglich im Rollstuhl und bin rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen! Ich möchte euch gerne meine Geschichte über den Weg zurück zu meinem geliebten Hobby zeigen, dem Angeln. Der Sinn besteht auch darin, anderen Menschen mit Behinderung zu zeigen, welche Möglichkeiten es gibt, ihr geliebtes Hobby wieder zu erleben, und ihnen Mut zu machen!

Philipp, damals 18 Jahre alt, bei einem Angeltag an der Saale in Calbe.

Bild: P. Lingner

Philipp, damals 18 Jahre alt, bei einem Angeltag an der Saale in Calbe.

Seit meinem 5. Lebensjahr interessiere ich mich für das Angeln. Ich bekam damals ein Angelspiel, bei dem man Fische mit einer Angel, an der Magnete an der Schnur befestigt waren, aus einem Behälter angeln konnte. Während der Sommerferien im ersten Schuljahr baute ich mir aus einem langen Stock eine Angel und verbog einen Nagel, der als Haken dienen sollte. Ich band ihn mit einer Schnur an den Stock und spielte in einem Fass auch das Angeln nach!

Mit 9 Jahren fuhr ich das erste Mal mit einem Angler an einen See und er weihte mich ein wenig ein. Meine erste Angel, die ich in der Hand hatte, war eine Stipprute, und mein erster Fisch war ein Rotauge. Von da an begann sofort das „Angelfieber“ bei mir! Ich dachte fast täglich nur noch ans Angeln und begleitete Angler oft, wobei ich von Anfang an auch die Natur und die wunderschöne, erholsame Ruhe am Wasser liebte! Ich holte mir nach und nach viele Informationen von verschiedenen Anglern.

Mit 12 Jahren machte ich meinen Jugendfischereischein und bestand ihn sogar ohne Fehler. Ich war megastolz auf mich! Mit 18 Jahren machte ich dann den großen Fischereischein, den ich ebenfalls ohne Fehler bestand.

Am 24. Oktober 2006 fing Philipp diesen wunderschönen, 72 cm langen Spiegelkarpfen. Wenige Stunden später geschah der Unfall.

Bild: P. Lingner

Am 24. Oktober 2006 fing Philipp diesen wunderschönen, 72 cm langen Spiegelkarpfen. Wenige Stunden später geschah der Unfall.

Mein Unfall – Ein kurzer Rückblick

Am 24.10.2006 veränderte sich durch einen tragischen Unfall mein Leben komplett. Ich wachte nach längerer Zeit aus dem Koma auf, lag auf der Intensivstation im Bergmannstrost Halle und hörte ständig das Piepen der Maschinen. Panik durchströmte mich. Ich konnte nichts: nicht reden, mich nicht bewegen, nicht einmal selbstständig atmen. Deshalb wurde ich über einen Schlauch, der in meinem Hals lag, 24 Stunden lang beatmet.

Ich spürte nur meinen Kopf und extreme Schmerzen im Kopfbereich. Alles unterhalb meines Halses war komplett gelähmt, sogar meine Arme und meine Hände. Mein Genick war gebrochen! Wenn in diesem Bereich die Nerven verletzt wären, wäre ich gestorben. Außerdem erlitt ich einen Schädelbasisbruch, und mein 5. Halswirbel war (und ist) komplett durchtrennt. Ärzte sprechen von Tetraplegie – eine komplette Querschnittslähmung vom Hals abwärts. Mein Kopf wurde an einem Halofixateur geschraubt, denn wenn ich auch nur eine kleine Bewegung gemacht hätte, wäre ich auf der Stelle tot gewesen.

Heute, viele Jahre nach dem Unfall, ist Philipp wieder (oder immer noch!) ein begeisterter Angler.

Bild: P. Lingner

Heute, viele Jahre nach dem Unfall, ist Philipp wieder (oder immer noch!) ein begeisterter Angler.

Eine Welt brach zusammen

Ich werde vielleicht irgendwann meinen Kopf bewegen können, sagten die Ärzte. Von da an brach in mir eine Welt zusammen. Ich nahm die Besuche kaum wahr, stand ständig unter Schmerzmitteln, weinte jeden Tag stundenlang und konnte nur per Augenzwinkern oder per Lippenbewegungen kommunizieren. Es folgten fünf lange und sehr schmerzhafte OPs, die ich jedoch gut überstand! Um mich abzulenken, schaute ich täglich stundenlang Angelvideos. Leider weinte ich dabei oft, denn ich wusste, dass ich das Angeln, so wie ich es kannte, nie wieder ausüben dürfte! Trotz der heftigen Schmerzen wurde ich weiter mobilisiert und kämpfte jeden Tag, um immer mehr Fortschritte zu machen. Alles musste ich wieder neu erlernen: atmen, reden, essen, trinken, das Spüren meines neuen Körpers.

Ein paar Monate später war ich sogar so fit, dass ich wieder alleine atmen, reden, essen, trinken und meinen Kopf etwas bewegen konnte, nachdem mir der Halofixateur entfernt und mein gebrochenes Genick mit Schrauben fixiert wurde. So konnte ich nach und nach meine Arme und Wochen später sogar meinen Handheber etwas bewegen und mich selbstständig mit dem Aktiv- und Elektrorollstuhl fortbewegen. Dann begann die Reha, wo ich ständig Fische zeichnete und auch wieder viele Fortschritte machte. Nach 14 Monaten durfte ich endlich nach Hause, wo ich sehr liebevoll empfangen wurde.

Ein Angeltag im Sommer – das war für Philipp lange Zeit undenkbar.

Bild: P. Lingner

Ein Angeltag im Sommer – das war für Philipp lange Zeit undenkbar.

„Es muss eine Lösung geben“

Ich habe das Angeln über alles geliebt. Jahrelang war ich traurig, weil ich aufgrund meiner Lähmung nicht mehr angeln konnte. Meine Hände und Arme waren teilweise gelähmt, und es tat sehr weh, anderen beim Angeln zuzusehen, ohne selbst fischen zu können. Deshalb weinte ich oft. Ich suchte mir andere Hobbys.

2022 sagte ich mir: „Philipp, mach dir einen Plan. Es muss eine Lösung geben.“ Dann fing ich an, wie damals mit einer Stipprute. Ich ließ sie mir an meinem rechten Unterarm mit Klettband befestigen, und siehe da, es funktionierte! Ich war sehr stolz auf mich und fing über 20 verschiedene Fische: Rotaugen, Ukelei und Nasen!

Dieser 20 cm lange Giebel war einer der ersten Fische, die Philipp nach vielen Jahren fangen konnte.

Bild: P. Lingner

Dieser 20 cm lange Giebel war einer der ersten Fische, die Philipp nach vielen Jahren fangen konnte.

Dann kaufte ich mir eine sehr leichte Angel und Rolle in einem Angelladen. Sie machten gleich Sehne drauf. Einen Tag später machte meine Mutter ein Stück Blei dran, und ich fuhr mit meinem Elektrorollstuhl auf einem Feldweg, wo sich ringsherum Ackerland befand, hinunter. Wir suchten uns eine Stelle aus, wo wir genug Platz hatten, und ich ließ mir die vorbereitete Angel an den rechten Unterarm schnallen. Und siehe da, es funktionierte sehr gut! Mit einer anderen Technik konnte ich sogar ohne Hilfe eine Angel auswerfen und auch wieder einholen, weil ich an der Kurbel einen größeren Griff für meine gelähmte Hand hatte. Später ersetzte ich ihn durch einen Ring, mit dem ich perfekt kurbeln konnte!

Der Plan: Eine Orthese zum Angeln

Ich strahlte ständig, und dann plante ich eine Angel-Orthese, weil ich Druckstellen an den Armen bekam. Wenig später kam ein Mitarbeiter meines Sanitätshauses zu mir, und wir besprachen, was ich mir wünschte. In knapp 2 Wochen fertigte er sie an. Am Telefon sagte er mir, dass er eine Überraschung für mich habe. Als er sie mir brachte, war ich megabegeistert: Die Orthese war sogar aus Carbon und deshalb sehr leicht. Seitdem übte ich ständig am Ackerrand das Auswerfen und Einholen.

Trockenübungen auf dem Feld: Bei schönem Wetter übt Philipp das Auswerfen und Einkurbeln mit der Orthese.

Bild: P. Lingner

Trockenübungen auf dem Feld: Bei schönem Wetter übt Philipp das Auswerfen und Einkurbeln mit der Orthese.

Dann beschloss ich, es am See zu üben, und siehe da, auch dort funktionierte es sehr gut. Daraufhin beschloss ich, wieder mit dem Angeln anzufangen – denn meinen Fischereischein hatte ich ja noch. Ich trat in meinem ehemaligen Angelverein wieder ein! Meine Hauptziele waren es, an der Elbe, Saale oder auch an anderen Angelplätzen einen Zander und Barben zu fangen, denn ich hatte noch nie einen von beiden gefangen. Leider bis jetzt immer noch nicht, aber ich bleibe eifrig dran!

Im Video ist zu sehen, wie die Angel an der Orthese montiert wird:

  1. Die Orthese am rechten Arm festschnallen.
  2. Danach in die Halterung an der Angel schieben.
  3. Ein Stift verhindert, dass die Angel verrutschen kann – fertig!

 

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Das Auswerfen klappt mit der Orthese perfekt!

 

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Fast 50 Fische im letzten Jahr

Durch meine Pflegeassistenz (Lotos Außerklinische Intensivpflege Mitteldeutschland GmbH), die mich täglich 24 Stunden lang betreut, fuhren wir fast täglich angeln. Ich habe auch ein umgebautes Auto, wo jeder ganz normal mitfahren kann und wo jeder, der es fährt, auch gleichzeitig versichert ist! Im Jahr 2023 fing ich insgesamt 48 Fische. Am stolzesten war ich auf meine 6 Karpfen, alle zwischen 34 und 53 cm groß, und auf meine 2 Döbel, die 55 und 59 cm lang waren. Denn es war für mich auch immer ein Traum, den ich mir erfüllen wollte. Mein Döbelrekord war vor meinem Unfall nämlich nur 20 cm!

Ein Lebenstraum ging für Philipp in Erfüllung: Letztes Jahr fing er seinen Rekorddöbel, 59 cm lang. „Ich war vor Freude vollkommen sprachlos!“

Bild: P. Lingner

Ein Lebenstraum ging für Philipp in Erfüllung: Letztes Jahr fing er seinen Rekorddöbel, 59 cm lang. „Ich war vor Freude vollkommen sprachlos!“

Die verbesserte Orthese

Leider funktionierte der Klettverschluss, mit dem die Angelrute an die Orthese geschnallt war, nach mehrmaligem Wechseln nicht mehr. Darauf überlegte ich mir eine andere, bessere Lösung. Ich dachte an Schieberiegel, die an die Rute geschraubt sind und mit einem Gegenstück an der Orthese befestigt werden können.

Mit dem selbst erdachten Riegel-System kann Philipp die Angelrute an- und ablegen.

Bild: P. Lingner

Mit dem selbst erdachten Riegel-System kann Philipp die Angelrute an- und ablegen.

Ein Kumpel gab mir den Tipp, mich bei einem Schlosser zu melden – das tat ich auch und hatte ein Riesenglück. Er war gleich sehr nett und lieb zu mir, wir besprachen alles und er fertigte mir eine neue Halterung an. Wenige Tage später war sie fertig, und ich probierte sie natürlich gleich aus. Es klappte alles perfekt! Ich war begeistert von der Mühe, die sich der Schlosser gegeben hat, und bedankte mich natürlich ein paarmal bei ihm. Weil ich alles einheitlich haben wollte, lackierten wir alles schön in schwarz. Somit passte sie zu meiner Angel, und an der Orthese beklebten wir alles noch mit Klebefolie in Carbonoptik. Es sah wunderschön aus!

Aktives Spinnfischen – dank der Orthese und monatelanger Arbeit ist das für Philipp wieder möglich. Das Netz schützt vor lästigen Mückenstichen!

Bild: P. Lingner

Aktives Spinnfischen – dank der Orthese und monatelanger Arbeit ist das für Philipp wieder möglich. Das Netz schützt vor lästigen Mückenstichen!

Da alles super funktioniert, wird jetzt die neue Halterung an meine ganzen Angelruten geschraubt und somit kann ich endlich mit zwei beringten und einer unberingten Rute fischen. Durch den Klettverschluss konnte ich zuvor nur eine Angelrute nutzen. Jetzt hoffe ich, dass ich im Angeljahr 2024 doppelt so viele Fische wie im Jahr davor fange. Mein Ziel sind 120!

Mit diesem umgebauten Auto kann Philipp ans Wasser fahren.

Bild: P. Lingner

Mit diesem umgebauten Auto kann Philipp ans Wasser fahren.

Gemeinsam mit den Pflegern am Wasser

Ich war auch wieder von mir beeindruckt, dass ich so viel Kraft hatte, sie zu drillen. Meine Pflegeassistenten kescherten sie dann immer sicher für mich. Sie bedankten sich sogar oft bei mir dafür, dass sie das miterleben durften und dass ich ihnen so viele schöne Seen und Flüsse immer zeige. Das ehrt mich immer sehr! Daher will ich an dieser Stelle sagen: „Es ist megaschön, dass es die Lotos Außerklinische Intensivpflege gibt!“

„Ich kann es kaum erwarten, an den See zu fahren!“

Ich hätte niemals gedacht, dass ich mein geliebtes Hobby Angeln jemals wieder so gut ausüben dürfte. Dieser monatelange Kampf hat sich sehr gelohnt. Ich kann wirklich stolz auf mich sein! Ich habe immer geweint, weil es weh tat, nie wieder wie ein gesunder Mensch angeln zu dürfen. Deshalb habe ich es immer vermieden, an Seen zu fahren. Aber nun kann ich es kaum erwarten! Wenn ich eine Woche mal kein Wasser sehen darf, dann fühle ich mich krank!

Mit dem hochgestellten Stehrollstuhl klappt das Auswerfen noch besser. So bleibt der Köder nicht mehr an flachen Krautbänken hängen.

Bild: P. Lingner

Mit dem hochgestellten Stehrollstuhl klappt das Auswerfen noch besser. So bleibt der Köder nicht mehr an flachen Krautbänken hängen.

Hoffentlich kann ich mit meiner Geschichte vielen Menschen, die auch wieder angeln möchten, helfen und ihnen Mut machen!

Petri Heil,
Philipp

Die neuesten Kommentare

10.02.2024 14:23:34
Einfach toll! Es ist großartig, dass es so eine Technik gibt. Allerding hört m.M. nach auch ein starker Wille und viel Ehrgeiz dazu.Wünsche dir weiterhin viel Erfolg beim Angel. Halt die Ohren steif ....!
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