Angeln am Stechlinsee: Im Reich der Maräne

Der Stechlinsee liegt im Norden Brandenburgs und hat ganze Generationen von Anglern begeistert. Johannes Radtke stellt euch das Angeln am Stechlinsee vor!

Im Norden Brandenburgs liegt ein ganz besonderes Gewässer mit seinem ganz eigenen Charme: Der Stechlinsee.

Bild: J. Radke

Im Norden Brandenburgs liegt ein ganz besonderes Gewässer mit seinem ganz eigenen Charme: Der Stechlinsee.

Ich stehe an der Ampel mitten in Hamburg. Es ist kalt, feiner Nieselregen weht mir ins Gesicht. Vor mir fährt ein Auto bei grün nicht sofort los – sofort erklingt ein Hupkonzert. Um mich herum überall Asphalt, Beton, Autos, Menschen. Was mache ich hier eigentlich? Ich fühle mich wie im falschen Biotop. Ich will zurück – in die Stille, in die Natur, zum Angeln – an den Stechlinsee.

Noch vor zwölf Stunden war ich da, in einer anderen Welt. Wenn es für mich eine naturgewordene Definition von Entschleunigung gibt, dann ist es dieser See im nördlichen Brandenburg. Seine Ufer sind rundum bewaldet, die einzigen Gebäude in direkter Ufernähe sind die vom Fischer und eine Forschungseinrichtung. Das Angeln ist hier am Stechlinsee selbst für mich als recht erfolgsorientierten Angler fast nebensächlich. Nirgendwo anders stört es mich so wenig, nichts zu fangen, wie am schönen Stechlin.

Infos zum Angeln am Stechlinsee

Angelkarten

  • Tageskarte: 8 €
  • 3 Folgetage: 15 €
  • Woche: 20 €
  • Monat: 30 €
  • Jahreskarte/Raubfisch: 65 €
  • Kinder bis 14 Jahre: 50 % Ermäßigung
  • Angelboot: 15 € / Tag

Karten, Infos, Boote und Unterkünfte

Wir haben in einer Unterkunft der Fischerei Stechlinsee gewohnt. Die großzügig geschnittenen und komfortabel ausgestatteten Wohnungen liegen in direkter Seenähe. Direkt vor der Haustür liegt der Dagowsee, auf dem für Gäste Boote bereit liegen und in dem ebenfalls geangelt werden darf.

  • Fischerei Stechlinsee
  • Bootsverleih am Stechlinsee
  • Tourist Information Stechlin (in Neuglobsow)

Schonzeiten / Mindestmaße

Hecht: 01.01. bis 30.04. • 60 Zentimeter
Aal: 50 Zentimeter
Schleie: 25 Zentimeter
Quappe: 30 Zentimeter

Naturschutzgebiet

Da der Stechlinsee in einem Naturschutzgebiet liegt, gelten hier für das Angeln etwas strengere Regeln:

  • Es sind keine eigenen Boote und Schlauchboote zugelassen.
  • Das Angeln ist nur vom (verankerten) Boot aus gestattet.
  • E-Motoren sind nicht erlaubt, es darf nur gerudert werden.
  • Das Nachtangeln ist verboten.

Stechlinsee in Zahlen

  • Fläche: 425 ha
  • Uferlänge: 16,1 km
  • Mittlere Tiefe: 24 m
  • Maximale Tiefe: 69,5 m
  • Durchschnittliche Sichttiefe
  • im Sommer: 8,4 m
  • Wasserpflanzengrenze: 4–12 m

Bild: Wikimedia Commons

Im Norden befinden sich die tiefsten Bereiche bis 70 Meter, hier stehen Maränen dicht an dicht.

Doch völlig egal ist das Angelerfolg natürlich nicht. Es wäre auch schade drum, denn das glasklare Wasser des Stechlin beherbergt wunderschön abgewachsene Raub- und Friedfische. Doch die Besonderheit dieses Sees stellt eine andere Fischgruppe dar – die Coregonen, oder auch Renken. Die Tiefen des klaren Stechlin werden von schieren Unmengen dieser Fische bevölkert. Vor allem zwei Arten kommen vor: die Kleine Maräne, und eine eigenständige, nur hier vorkommende Art, die Fontane­maräne. Diese lebt tiefer als die Kleine Maräne und bleibt deutlich kleiner. Sie wurde nach dem berühmten Dichter Theodor Fontane benannt, dessen letztes Werk ein Roman mit dem Titel „Der Stechlin“ war.

Häufigste Fischart im Stechlinsee: Die Maräne

Laut Berechnungen der Wissenschaftler, die am Südufer eine größere Einrichtung betreiben, besteht die Biomasse des Sees zu beinahe 90 Prozent aus den beiden Maränenarten. Man sollte sowohl bedenken, dass die Fischchen kaum 25 Zentimeter erreichen, als auch die durchaus guten Bestände von Brassen, Rotaugen, Barschen und Hechten. Dadurch bekommt man eine Ahnung davon, welche Massen von Maränen sich in tiefen Bereichen des Sees tummeln. Bei einer solchen Ballung von potenziellen Beutefischen ist es kaum verwunderlich, dass sich sämtliche Räuber des Sees darauf einstellen. Da die Maränen tagsüber vor allem unterhalb von 20 Metern leben, verlagern die Raubfische ihre Jagdreviere in diese Tiefen.

Fischermeister Rainer Böttcher mit seinem Brotfisch und der Lebensgrundlage fast aller Seebewohner.

Bild: W. Krause

Fischermeister Rainer Böttcher mit seinem Brotfisch und der Lebensgrundlage fast aller Seebewohner.

Sobald die Hechte nicht mehr auf dichte Ufervegetation als ­Deckung angewiesen sind, lockt sie die leichte Beute ins Freiwasser. Dies scheint für viele Fische bereits ab einer Größe von 60 Zentimetern zu beginnen: Die mu­tigen Exemplare trauen sich früh in die offenen Gewässerbereiche. Sicherlich fallen viele von ihnen in ihrer ersten oder zweiten Maränen-Saison größeren Artgenossen zum Opfer, doch das schnelle Wachstum durch die Power-Nahrung macht die drohende Gefahr wett. Fettige Maränen stellen schließlich eine optimale Nahrung für jeden Hecht dar.

Ab ca. 35 Metern Tiefe war das Echolot "gestrichen" voll mit Maränen-Echos.

Bild: Blinker

Ab ca. 35 Metern Tiefe war das Echolot „gestrichen“ voll mit Maränen-Echos.

Auch die großen Barsche des Stechlin schätzen diese reichhaltige Nahrungsquelle. Ab einer Größe von zirka 35 Zentimetern schalten viele von ihnen auf Maräne um. Zuvor leben sie in großen Schwärmen an den Kanten und jagen vor allem die Brut der Weißfische und wirbellose Bodenbewohner. Einige große Einzelgänger bleiben jedoch bei dieser Ernährungsweise und spezialisieren sich auf die ebenfalls reichlich vorkommenden Krebse. ­Einen dieser echten Charakterfische kann ich am frühen Morgen sogar im klaren Wasser beim Stellen eines großen Kamber­krebses be­obachten. Schnell ist ein Imitat in den Wirbel gehängt und in die Nähe des Showdowns geschlenzt. Der amtliche Fisch wendet sich sofort meiner Fälschung zu und hämmert sie sich ohne zu zögern hinter die Kiemen.

Angeln mit dem Echolot am Stechlinsee

Viele der Raubfische scheinen nur zum Fressen in die größeren Tiefen zu ziehen, ihr Wohlfühlbereich liegt deutlich flacher. Schon beim ersten Erkunden des Sees mit dem Echolot zeigt sich ein klares Muster: die Bereiche zwischen Ufer und 20 Metern Tiefe zeigen einzelne Fischechos und kleinere Schwärme. Ab zirka 30 Metern ist der Bildschirm beinahe gestrichen voll mit einzelnen Fischsicheln und wolkenartig dichten Schwarmanzeigen. Diese bestehen aus erwachsenen Exemplaren der Kleinen Maräne, deren Brut und der Stechlinsee-Maräne. In der Nähe der Maränen-Schwärme finden sich insbesondere zu den flacher werdenden Uferbereichen hin sehr viele interessant aussehende Echos. In Grundnähe sind dies meist Barsche, einzelne Echos im Mittelwasser deuten auf den „Boss des Stechlin“ hin: den Freiwasser-Hecht.

Nachdem wir an einer steilen Kante eine Häufung dieser schönen Echos gefunden haben, beschließen wir, hier den ersten Angelversuch zu machen. Der Anker ist im Flachwasser bei nur zwei, drei Metern Tiefe gesetzt, das Boot treibt mit ein wenig Wind etwas hinaus, und schon zeigt das Echolot satte 15 Meter Tiefe an. Dies ist charakteristisch für den Stechlin. Teilweise sind die Ufer unglaublich steilscharig, sodass wir mit weiten Würfen locker 20 Meter tiefes Wasser erreichen können. Und an genau diesen Kanten stehen Hecht und Barsch.

Beeindruckend: Das Ufer ist an dieser Stelle kaum zehn Meter weit weg. Hier sollte parallel zur Kante gedriftet werden.

Bild: W. Krause

Beeindruckend: Das Ufer ist an dieser Stelle kaum zehn Meter weit weg. Hier sollte parallel zur Kante gedriftet werden.

Der erste Stechlin-Hecht

Mit größeren, gut beschwerten Gummi­fischen und tieftauchenden Wobblern werfen wir weit in Richtung Seemitte und erreichen Tiefen von sicherlich sechs bis zehn Metern. Die Hechte stehen größtenteils nicht viel weiter unten. Das klare Wasser bewirkt, dass sie ­potenzielle Beute zudem über große Distanzen anvisieren und angreifen. Nach ein paar Würfen, die wir brauchen, um ein Gefühl für die Lauftiefe der Köder zu bekommen, knallt es mitten in der Wassersäule. Der Biss ist staubtrocken und entschlossen. Ich spüre geradezu, dass der Fisch sich ein paar Meter weiter unten und einige Sekunden vor dem Einschlag bereits fest dazu entschieden hatte, meinen Gummifisch einfach aufzufressen. Nach einem schönen Drill mit zwei langen Fluchten kommt der erste Stechlin-Hecht nach oben – und gleich ein richtig guter!

Einer der Bosse des Stechlin hat einen Gummifisch im Naturdekor direkt an der steilen Kante genommen.

Bild: W. Krause

Einer der Bosse des Stechlin hat einen Gummifisch im Naturdekor direkt an der steilen Kante genommen.

Barsche angeln am Stechlinsee

Die Barsche beangeln wir ganz ähnlich und mit gutem Erfolg: An steilen Kanten ankern und mit etwas schwereren Barschködern die Tiefen durchkämmen. Meist angeln wir im flachen Wasser des Stechlinsees eher kleinere Barsche bis Anfang 30 Zentimeter. Eine Etage tiefer haben wir ein paar mal das Glück, auf einen Trupp großer Fische um 40 Zentimeter zu treffen. Besonders in den Abend- und Morgenstunden werden diese aktiv und unvorsichtig.

Apropos Vorsicht beim Barschangeln auf dem Stechlin – hier ist ein Spagat nötig: Einerseits sind die großen Barsche insbesondere bei vollem Licht am Tage einem zu auffälligen Vorfach recht kritisch gegenüber. Andererseits läuft man beim Barschangeln an den Kanten Gefahr, mittlere Hechte zum Biss zu reizen. Eine echte Lösung für dieses Dilemma gibt es nicht. Wir fischen nur ganz kleine Köder, wie Mini-Zocker ohne Stahl davor. Größere Barschköder bekommen zumindest ein ganz dünnes Stahlvorfach.

Die Barschköder am Stechlinsee sollten sich grundsätzlich gut in der Tiefe führen lassen. Zocker kommen auch runter zu den Maränenjägern.

Bild: W. Krause

Die Barschköder am Stechlinsee sollten sich grundsätzlich gut in der Tiefe führen lassen. Zocker kommen auch runter zu den Maränenjägern.

Alle Fische des Sees sehen rundum gesund aus. Das klare Wasser macht sie hübsch in ihrer Zeichnung, und die reichliche Nahrung lässt sie gut und wohlproportioniert abwachsen. Einige unserer Hechte wirkten geradezu fett.

Angeln am Stechlinsee auf Friedfische

Auch die Friedfische, die wir am Stechlinsee angeln, machen eine gute Figur. Bei einem Versuch vor einer steil abfallenden Kante direkt am Schilf reichen zwei, drei Handvoll Mais und schon geht es rund am Platz. Zuerst fangen wir schöne, fette Rotaugen und Rotfedern. Dann stellen sich auch schon Güstern und schließlich sogar richtig große Brassen ein. Diese kämpfen im klaren, sauerstoffreichen Wasser beeindruckend und lassen sich erst nach einigen Fluchten keschern.

Leider sind wir für die Schleien, die hier zahlreich und vor allem in tollen Größen vorkommen, bei diesem Besuch zu spät dran. Die ersten Nachtfröste verhageln den Fischen wohl vollkommen den Appetit. Bei einem früheren Besuch im Juli konnte ich sie früh morgens und spät abends sogar auf Sicht im Flachwasser überlisten – eine absolut süchtig machende und spannende Angelei! Die kleinsten Schleien, die ich sah, lagen bei Anfang 40 Zentimetern, die größte, die ich landete, maß satte 54 Zentimeter. Und ich konnte sogar noch deutlich größere beobachten.

Auf Friedfisch wird hier wenig geangelt – völlig zu Unrecht. Zu diesen üblichen Verdächtigen gesellen sich ab Mai auch richtig große Schleien.

Bild: W. Krause

Auf Friedfisch wird hier wenig geangelt – völlig zu Unrecht. Zu diesen üblichen Verdächtigen gesellen sich ab Mai auch richtig große Schleien.

Weitere Fischarten im Stechlinsee

Neben diesen eher üblichen Fischarten kommt die Quappe in guten Beständen vor, wird aber weder intensiv beangelt, noch vom Fischer gezielt gefangen. Doch wenn mal ein Exemplar in seinen Maschen hängt, ist es oft ein ziemlicher Brocken. Hier gibt es also noch echtes Neuland zu entdecken! Zander hingegen werden Sie am Stechlinsee nicht angeln. Der Trübwasser-Spezialist hat hier keine Chance. Aale und Karpfen gibt es, doch ihre Bestände sind im Vergleich zu früheren Zeiten, als sie noch intensiv besetzt worden sind, deutlich zurückgegangen.

Wenn Sie sich bei der Fischerei Ihre Angelkarte abholen oder ein Boot mieten, können Sie dennoch Stechlin-Karpfen entdecken: Am Bootssteg hat der sympathische ­Fischermeister Rainer Böttcher zwei große Becken vom See abgetrennt, in dem die Fische als Haustiere wohnen. Von Touristen gemästet, sind einige Exemplare zu Riesen herangewachsen. Diese genießen zudem eine sehr besondere Diät. ­Neben Boot und Angelkarte bekommen Sie bei der Fischerei übrigens auch hervorragendes Essen. Besser kann man die Mittagspause beim Angeln am Stechlinsee nicht nutzen, als mit einer Portion geräucherter Maräne in der Sonne zu sitzen und die Seele baumeln zu lassen. Und das beim Blick über den wunderschönen Stechlin.

Das Seelabor des IGB

Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) betreibt im Süden des Stechlinsees eine Freiland-Forschungseinrichtung. Diese besteht aus 24 Zylindern mit jeweils 9 Metern Durchmesser, die bis auf den Seegrund in 20 Metern Tiefe reichen. Dadurch ist das Wasser in den Zylindern vom Seewasser getrennt und die Bedingungen in diesen „Seen im See“ lassen sich experimentell verändern.

Mit Hilfe des Seelabors wird erforscht, wie sich der globale Umweltwandel auf unsere Seen auswirkt. Welche Folgen haben zum Beispiel die Klimaerwärmung oder die sogenannte „Lichtverschmutzung“ (Verlust der Nacht durch Kunstlicht)? Die hier gewonnenen Ergebnisse helfen dabei, Negativfolgen für unsere Gewässer besser abzuschätzen, Politik und Öffentlichkeit über deren Verletzbarkeit aufzuklären und sinnvolle Gewässerschutzmaßnahmen zu entwickeln.

In den abgeschlossenen Zylindern wird erforscht, wie unsere Seen auf die sich verändernde Umwelt reagieren.

Bild: IGB

In den abgeschlossenen Zylindern wird erforscht, wie unsere Seen auf die sich verändernde Umwelt reagieren.


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