Schluchsee – ein Zandermärchen

Der Schluchsee ist eine Legende – eigentlich als Hechtgewässer. Doch in den letzten Jahren eroberte ein anderer Räuber die Herzen: der Zander. Besatz und Hege über Jahr­zehnte werfen kapitale Früchte ab. Der Rekord liegt bei knapp 23 Pfund.

Die Staumauer im Blick: Wo der Schluchsee in Seebruck endet, fängt so mancher traumhafte Zandertag an. Hier lohnt der Ansitz vom Ufer ebenso wie das Schleppen vom Boot. M. Wehrle

Beim angeln im Schluchsee muss man mit allem rechnen, was einem an den Haken gehen kann. Besonders beim Zanderangeln hat der See viel Potenzial zu bieten.
Niemand kann erklären, was Ralf Huber dazu brachte, sein Boot mitten im Februar auf den Schluchsee zu lassen – nicht einmal er selbst kann das. „Vielleicht war es ein Experiment“, sagt er heute. Der Schluchsee, rund 850 Meter hoch gelegen, ist zwar auch im Winter ein begehrtes Revier. Dann aber nicht für Raubfischangler, sondern für Skiwanderer, rodelnde Kinder und Touristen vom nahen Feldberg. Der Winter war mild, zu mild für den Schwarzwald.

Der Schluchsee hat seinen Namen nicht umsonst: Das alemannische Wort „Schluch“ heißt so viel wie „Schlauch“ - und beschreibt sehr treffend die lang-gestreckte Form des Sees. Karte:blinker

Der Schluchsee hat seinen Namen nicht umsonst: Das alemannische Wort „Schluch“ heißt so viel wie „Schlauch“ – und beschreibt sehr treffend die lang-gestreckte Form des Sees. Karte:blinker

Kein Eis auf dem See, am Ufer nur eine dünne Schneedecke. Ralf Huber, einziger Bootsangler des Tages, ruderte an eine tiefe Kante, wo der Grund auf 12 Meter abfällt. Dann griff er zur Spinnrute. Sein Gummiköder flog ins Wasser, wieder und wieder. Er klopfte die Kante ab. Auf einmal saß er fest. Hänger? Nein, die Rute schlug aus. Und wie! Der Fisch eilte davon. Die 0,22er Monoschnur schoss von der Rolle. Die Bremse kreischte. Was hatte er da bloß gehakt? Einen riesigen Hecht? Eine Seeforelle? Ans Licht kam ein Fisch, wie man ihn am Schluchsee noch nicht gesehen hatte ein Zander von 102 Zentimetern, 22 Pfund und 400 Gramm schwer. Eine Spaziergängerin am Ufer schoss ein Fangfoto, das in mehreren Zeitschriften erschien und Angler in ganz Deutschland faszinierte. Schluchsee, ein Wintermärchen.

Der Märchen-Zander: Mit seinem Winter-Fisch von knapp 23 Pfund und 102 Zentimetern, gefangen auf Gummifisch, setzte Ralf Huber neue Maßstäbe. privat

Der Märchen-Zander: Mit seinem Winter-Fisch von knapp 23 Pfund und 102 Zentimetern, gefangen auf Gummifisch, setzte Ralf Huber neue Maßstäbe. privat

Zander, das Lieblingskind im Schluchsee

Und ein Zandermärchen noch dazu! Denn der Stachelritter, die ewige Nummer 2 im See hinter dem Hecht, hat in den letzten Jahren an Boden gewonnen: Immer öfter gehen prächtige Zander an den Haken. Beim Schleppfischen, beim Spinnfischen, beim Ansitz mit totem Köderfisch. Ja, sogar beim leichten Barschangeln. Das Zanderglück begann mit einem Unglück: Im Jahr 1983 musste der See abgelassen, die Staumauer repariert werden. Für die Fische bestand keine Gefahr: Das (nicht gestaute) Wasser des ursprünglichen Sees, das übrig bleiben würde, sollte ihnen als Übergang dienen. Doch man ließ den See zu schnell ab. Segmente wirbelten auf, Kiemen verstopften. Und so bekamen die Angler mehr Traumfische zu sehen, mehr Meterhechte und Riesenforellen, Großaale und Mordskarpfen, als sie jemals in dem See vermutet hätten. Aber alle zeigten sich von ihrer hässlichsten Seite: kieloben.

Der legendäre Fischbestand des Schluchsees, der schon um die Jahrhundertwende Angeltouristen aus England angezogen hatte, war vernichtet. Das Schluchseewerk und die Angler-Interessengemeinschaft machten die Not zur Tugend: Sie entwickelten Besatzpläne, nahmen viel Geld in die Hand und bauten einen neuen Bestand auf. Der Zander avancierte vom Stief- zum Lieblingskind. Niemand hat den See besser im Blick als Rudi Faller. Er ist Gewässerwart und seit Jahrzehnten einer der erfolgreichsten Angler. Wir sind verabredet.

Unscheinbarer Zanderköder

Es ist Ende Mai. Die letzten Tage hatte Blütenstaub das Wasser getrübt und damit die Aussichten beim Angeln. Jetzt ist das Wasser wieder klarer. Im Gegensatz zum Himmel: Ein schwarzes Wolkengebirge rollt auf den See zu. Der Wind frischt auf, ein Donner grollt. Am Bootssteg im Wolfsgrund vor der Ortschaft Schluchsee dem Kleinen See, wie die Einheimischen sagen  schaukeln die Boote auf den Wellen. Das Wasser gluckert, als würde es lachen.

Rudi Faller verlässt sich bei der Fischsuche auf seine Augen: „Du musst schauen, wo Lauben an der Oberfläche sind. Dort stehen immer Zander und Barsche.“ Im Nu hat er einen Platz entdeckt: Vorm Einlauf des Fischbachs spielen Fische an der Oberfläche. Mit ein paar Ruderschlägen ist er dort. Ich bin gespannt, welchen Zanderköder er verwendet:Einen Gummifisch? Einen Wobbler? Einen toten Köderfisch? Verblüfft sehe ich, wie er eine winzige Mormyschka mit einem Rotwurm bestückt. Das ist ein Haken, dessen langer Schenkel mit einem gelochten Bleitropfen endet.

Klein, unscheinbar aber sehr fängig im Schluchsee: Mormyschka mit Wurm. Foto: M. Wehrle

Klein, unscheinbar aber sehr fängig im Schluchsee: Mormyschka mit Wurm. Foto: M. Wehrle

Ursprünglich wurde die Mormyschka in Russland zum Eisangeln auf Barsche und Weißfisch entwickelt. Mit einer selbst gebauten Minirute, dünn wie eine Funkantenne, wirft Faller den winzigen Köder über den Kleinfischschwarm hinweg. Er lässt ihn absinken und kurbelt ihn langsam ein. Sein Handgelenk sendet ein feines Zittern in die 16er Monoschnur. Im klaren Wasser sehe ich, wie der Köder vom Boden wieder nach oben kommt und sich dem Boot nähert. Der Wurm schwänzelt, dass es eine Pracht ist. Schneller und lebendiger als jeder Twister. Aber ist dieser Köder für Zander nicht viel zu klein? Nein, sagt Rudi Faller, das ist gut im Frühjahr. Dieser Köder ist ein Geheimtipp für Zander, die vom Laichen noch dicht am Ufer stehen. Im klaren Wasser erregen herkömmliche Köder Misstrauen. Doch die winzige Mormyschka, diese schwänzelnde Mischung aus Natur- und Kunstköder, öffnet die Mäuler der Zander. In Nullkommanichts ist der Miniköder eingesaugt.

Rudi Faller, der einheimische Profi, drillt hier diesmal keinen Zander, sondern einen dicken Barsch. Foto: M. Wehrle

Rudi Faller, der einheimische Profi, drillt hier diesmal keinen Zander, sondern einen dicken Barsch. Foto: M. Wehrle

Barsch auf Barsch

Der erste Platz bringt keinen Biss. Rudi Faller durchrudert die Eisenbahnbrücke, tastet sich an der steil abfallenden Steinpackung unterhalb der Eisenbahnschienen entlang in Richtung Bahnhof Schluchsee immer ein guter Raubfisch-Platz , bis er auf eine in den See laufende Landzunge stößt. Hier spielen wieder Kleinfische an der Oberfläche. Rudi Faller wirft den Anker. Seine Mormyschka tropft leise ins Wasser. Ein paar Rollenumdrehungen dann schlägt die Spitze der kleinen Rute aus. Faller gibt einen winzigen Moment nach, damit der Fisch den Wurm nehmen kann, dann flitzt seine Rute nach oben. Ein typischer Schluchseebarsch von etwa 25 Zentimetern kommt ihm klatschend entgegen. Zu Beginn der Saison, ein paar Tage zuvor, hat er einen 3-Pfünder gefangen. Auch mit solchen Barschen darf man hier rechnen.

Der nächste Platz, den wir ansteuern, ist ein Felsen, der ins Wasser hineinragt. Hier grenzt flaches an tiefes Wasser, steiniger an sandigen Grund. Solche Ecken lieben die Schluchsee-Zander. Erster Wurf, erster Biss leider kommt der Fisch ab. Zweiter Wurf, zweiter Biss wieder befördert Rudi Faller einen Barsch ins Boot. Es ist der Auftakt eines Fangreigens. Am Nachmittag, als uns das Gewitter endgültig vom See peitscht, schwimmen 20 Barsche in seinem Fischkasten. Die Zander wollten nicht. „Wir haben viele Zander im See“, sagt Rudi Faller, „aber die Fische springen einem nicht in den Kescher.“

Der „Kleine See“, eine Bucht des Schluch- sees, hier am Einlauf des Fischbachs. Foto: M. Wehrle

Der „Kleine See“, eine Bucht des Schluch- sees, hier am Einlauf des Fischbachs. Foto: M. Wehrle

Auch von Ralf Huber, dem Fänger des Rekordzanders, hatte ich schon gehört: „An anderen Gewässern funktioniert jedes Jahr dieselbe Angelei. Am Schluchsee fängst du immer wieder von vorne an.“ Die Zander hier erfordern Ausdauer, Hartnäckigkeit und Experimentierfreude. Aber diese Mühe kann sich lohnen: Im Schnitt sind die Fische rund 70 Zentimeter lang. Jede Saison beißen etliche Zweistellige.

Ein guter Platz, nicht nur fürs Foto: Schluchsee-Zander haben eine Vorliebe für sandigen und steinigen Grund. privat

Ein guter Platz, nicht nur fürs Foto: Schluchsee-Zander haben eine Vorliebe für sandigen und steinigen Grund. privat

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