Die Schlucht der Störe

Der Höhepunkt der Reise in den Canyon: Eine gigantische Stördame von 3,03 Meter und rund 600 Pfund.

Mit chronischer Gänsehaut angelte eine Gruppe Angler in einer Schlucht im Oberlauf des Fraser River in Kanada. Hier bieten die größten Weißen Störe der Welt aufregende Kämpfe.

Von Jörgen Larsson

Die Luft steht still, die Sonne knallt vom klaren, stahlblauen Himmel. Unser Boot ankert nur wenige Meter vom Ufer. Ein schmaler Streifen weißer Sand grenzt an dichten Tannenwald, der sich die steile, himmelhohe Bergwand hinaufzieht. Wir angeln in einer nicht allzu reißenden Rückströmung. Weiter draußen schießt das Wasser talwärts in einen schäumenden, wirbelnden, tobenden Hexenkessel. Immer wieder wird das Brausen des Flusses von gewaltigen Klatschern übertönt. Enorme Störe wälzen sich an der Oberfläche, und wir wissen: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ­eines dieser Monster unseren Köder findet. Alle schweigen, eisern konzentriert, von knisternder Spannung gepackt. Ein Schweißtropfen rollt mir über die Stirn, brennt im Auge. Da, hat nicht eben die rechte Rutenspitze leise gezuckt? Sprungbereit, gespannt wie eine Stahlfeder, starre ich auf die Rute, mein Herzschlag dröhnt in den Schläfen. Sekunden vergehen, aber nichts geschieht.

Drill im Canyon. Hier werden die größten Störe der Welt gefangen.

Drill im Canyon. Hier werden die größten Störe der Welt gefangen.

Hatte ich eine Halluzination, war es vielleicht nur die Strömung? Minuten verstreichen, keine Bewegung, allmählich beruhigt sich der Puls wieder. Urplötzlich ohne die kleinste Vorwarnung beugt sich die Rutenspitze zur Wasseroberfläche. Offensichtlich hat sich der Fisch selbst gehakt, kaum gelingt es mir, die gespannte Rute aus dem Halter zu ringen. Ehe ich begreife, was vorgeht, macht der Stör eine kraftvolle Flucht unter den anderen Schnüren hindurch. Ein brodelnder Schwall, in höchster Fahrt schießt der Fisch hinaus in die reißende Strömung. Ich wusste nicht, wie unfassbar stark diese Fische sind und werde vom Temperament meines Gegners überrollt. Die Kräfte eines Störes sind Furcht einflößend, und jeder Drill macht Angst und fasziniert zugleich. Der gehakte Fisch ist nicht so riesig wie erwartet, aber nach einem harten Kampf wuchtet unser Guide Fred einen großartigen Stör ins Boot. Der Fisch misst 1,91 Meter, und ich bin mehr als zufrieden mit dem Start unseres schweißtreibenden Abenteuers. Nirgendwo größer Die Stör-Schlucht liegt in Kanada im Oberlauf des Fraser River. Es ist Anfang Juli, und wir sind eine Gruppe von 8 Anglern aus Schweden, Norwegen und Dänemark. Auf dieser Strecke zwängt sich der mächtige Fluss durch eine tief ins Gestein gefräste, schwer zugängliche Spalte von herrlicher, abenteuerlicher Schönheit. Die Einheimischen nennen diese Stelle den Canyon. Wir sollen hier, zum ersten Mal, das Angeln auf Stör im Sommer testen. Nirgendwo in dem mächtigen Fraser River habe ich so große Störe gesehen wie hier, betont Fred. Die größten Weißen Störe der Welt leben in diesem unberührten Canyon. Dank der Zusammenarbeit mit Freds Firma Fishing Adventures haben wir als erste ausländische Gäste die Chance bekommen, das Angeln im Canyon zu erleben. Unser Ziel ist natürlich, einen der Urzeit­giganten zu überlisten. Die Fischerei startet ereignisreich und viel versprechend. Alle Angler fangen schon am ersten Angeltag einen Stör. Einige sind klein, aber ein paar messen zwischen 1,5 und 1,7 Meter. Die Stimmung ist glänzend. Behagliche Sommerwärme, und wir fordern einen der größten und stärksten Fische heraus, die es im Süßwasser gibt. Ich habe schon früher an anderen Stellen Störe gefangen. Aber die magische Stimmung hier oben zwischen den steilen Felswänden ist unübertrefflich. Im Laufe des Tages beangeln wir mehrere tiefe Rückströmungen. Dort bricht sich die Strömung wie in kolossalen brodelnden Kesseln mit Wänden aus Stein. Wir fangen einige schöne Fische, aber keinen Riesen. Wollen sie uns zum Narren halten? Verschiedentlich rollen sie wie Nilpferde an der Oberfläche oder zeigen sich in halsbrecherischen Sprüngen. Ich fange einen kleineren Stör, dann kommt Mikael an die Reihe. Sein Fisch, da besteht kein Zweifel, spielt in einer anderen Liga. In einer langen, unaufhaltsamen Flucht  zeigt er sofort, wer das Kommando hat. Mikael schuftet wie ein Kuli, und nach einer guten Viertelstunde gewinnt er allmählich die Oberhand. Mit gewaltiger Kraftanstrengung wuchten wir den mächtigen Fisch ins Boot. Das Maßband zeigt  2,03 Meter. Die magischen 2 Meter sind das erste Mal übertroffen, Mikael lacht glückselig.
Der zentnerschwere Gigant katapultiert sich ganz aus dem Wasser.

Der zentnerschwere Gigant katapultiert sich ganz aus dem Wasser.

Hochstimmung im Canyon Am nächsten Tag steuern wir wieder die lange Kiesbank an. Steile, waldbedeckte Berge, eingehüllt in weichen Morgendunst, gleiten vorüber, als Fred den Gashebel durchdrückt. Wieder hat uns die bezaubernde Atmosphäre der Stör-Schlucht im Griff. Was wird der heutige Tag bringen? Bald sind drei Köder ausgelegt, verlockend duftende Kugeln aus Lachsrogen. Eines der anderen Boote liegt strategisch günstig an der gleichen Strömungskante, gut 100 Meter flussab. Sofort kommt Hochstimmung, als ein massiger Stör­­buckel die Wasseroberfläche durchbricht nur ein paar Meter vom Boot. Wenig später vibriert die Rutenspitze. Ich nehme die Rute aus dem Halter, mitten in der Bewegung stoppt mich ein steinharter, brutaler Widerstand. Der hängt. Harte, schwere Schläge verraten einen großen Fisch, die Rollentrommel beginnt zu rasen. Der Stör nimmt Kurs auf das andere Boot. Ich drehe die Bremse weiter zu keine Wirkung. Mit gleicher Geschwindigkeit stürmt der Fisch weiter und wälzt sich klatschend an der Oberfläche. Ich kämpfe wie ein Tier. Früher als erwartet gibt der Fisch auf, so dass Fred ihn Richtung Kiesbank steuern kann. Weithin hallen unsere Freudenschreie durch die Stör-Schlucht. Ein echter Riese liegt vor uns, unsere Begeisterung ist noch größer, als das Maßband unglaubliche 2,75 Meter zeigt. Fred, Christer und Sten helfen mir, den enormen Fisch für die Erinnerungsfotos zu halten. Fischen mit Gänsehaut Am Nachmittag hake ich einen Fisch, der mich fast umbringt. Nie zuvor hatte ich einen stärkeren Fisch gedrillt. Der Kampf steigert sich zur Schlacht: Schweiß vernebelt die Augen, die Gedanken verschwimmen, die Arme schmerzen. Nach 45 Minuten bugsieren wir den Fisch Richtung Ufer, gut 1 Kilometer unterhalb der Angelstelle. Wie viele wahnsinnige Fluchten hat er wohl gemacht? Das wilde Tier misst 2,28 Meter und hat eine übergroße Schwanzflosse. Den Tag darauf beißt erneut ein Schwergewichtler an einer Stelle mit gewaltiger Strömung. Die Bremse ist fast blockiert. Mit viel Glück lande ich den 2,41 Meter langen Stör nach steinhartem Drill. Aber leider, das Glück lacht nicht immer. Die traurigste Erinnerung an die Reise hat Christer. Er hakt einen Fisch, und fast 1 Stunde lang folgt das Boot dem Riesen über mehr als 2 Kilometer. Auf 3 Meter Länge schätzen wir den Fisch, als er Richtung Ufer gelenkt wird. Plötzlich, nur einen lumpigen Katzensprung vom Strand, löst sich der Haken. Fred fängt an, mit verschiedenen Ködern zu experimentieren und kombiniert den üblichen Lachsrogen mit einem Bündel Fluss-Neunaugen. Nur 10 Minuten vergehen, und der Kombiköder wirkt. Mikaels Rute biegt sich alarmierend. Das muss ein riesiger Fisch ein, er flüchtet gemächlich, aber fest entschlossen. Sekunden später öffnet sich das Wasser, und ein Schrecken erregendes Monster erhebt sich in voller Länge in die Luft. Wie festgefroren steht die gewaltige Gestalt auf der Schwanzflosse, ehe sie mit einem donnernden Klatscher zurück sinkt in den Fluss. Welch ein Schauspiel! Unsere Begeisterungsschreie gehen unter im Tosen des Wassers. Mikael macht uns Sorgen, als sein Gegner seine wahren Dimensionen verraten hat. Er scheint gelähmt und beginnt zu stottern. Sein Gesicht ist feuerrot, wie aus Eimern läuft der Schweiß. Mit viel Glück und äußerster Anstrengung gelingt es Mikael, den Fisch von der reißenden Strömung fernzuhalten. In der brutalen Schlussphase des Drills ist er am Ende seiner Kräfte. Nach 40 Minuten lässt sich der Fisch langsam Richtung Ufer pressen. Mikaels Nerven liegen blank. Halt ihn fest, lass ihn nicht los, schnell, greif zu, stammelt er, den Tränen nahe, in bettelndem Tonfall. Fred bleibt, wie immer, eiskalt und führt den Fisch vorsichtig zum Strand. Von Leidenschaft überwältigt stürze ich mich ins Wasser und halte den Stör fest. Erst jetzt begreifen wir, wie groß er tatsächlich ist. Ein Rücken wie ein Elefant, der Körperumfang ist abnorm. Der Stör misst 3,03 imponierende Meter und hat einen Umfang von 1,31 Meter. Fred meint, er müsste um die 6 Zentner wiegen. Fünf ausgewachsene Mannsbilder posieren behutsam mit der Stördame. Mit einer eleganten, kraftvollen Bewegung verschwindet der Stör im angetrübten Fluss. Wie aus einem Traum erwachen wir. War das wahr, was wir eben erlebt haben? Wie aus einer anderen Welt erschien uns der Fisch. Und dann verschwand er wieder.

Informationen

Der Fraser River ist ein gewaltiges Fluss-System in Kanada. Der Fluss mündet nahe der Großstadt Vancouver in ­Britisch Kolumbien in den ­Pazifik. Millionen von Lachsen steigen in den Fraser River auf, darüber hinaus ist der Fluss bekannt für das einzigartige  Angeln auf Weiße Störe. Im Internet findet man eine ­lange Liste von Firmen und ­Guides, die Angeltouren auf Stör durchführen. Größtenteils findet das Angeln auf Störe im ruhig strömenden Unterlauf des Flusses statt. Wer viele Fische fangen und reichlich Aktion ­haben will, sollte im ­Oktober und November reisen. In diesen Monaten fängt man sehr zuver­­-lässig. Der dramatische Drill in phantastischer Landschaft kann im Sommer in der Stör-Schlucht zum Abenteuer des Lebens werden. Man fängt zwar weniger als im Herbst, aber die Chancen auf einen Monsterstör sind größer. Die geschilderte Reise wurde  von Get-Away Tours arrangiert. Bei der Reise hat die achtköpfige Gruppe 125 Störe gelandet, davon 8 Riesen über 2 Meter. Infos: [email protected] oder im Internet auf der Homepage www. getawaytours.dk. Ständig aktuelle Informationen: www.freds-bc.com Störangeln im Fraser River wird auch organisiert von ­Andrees Angelreisen, www.andrees-angelreisen.de


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