Rekord-Wassertemperaturen gefährden Fische

Deutschlands Seen werden immer wärmer. Im Berliner Müggelsee wurden erstmals mehr als 30 Grad Wassertemperatur gemessen. Forschende warnen vor den Folgen für Fische, Wasserpflanzen und das gesamte Ökosystem.

Hitze im See Müggelsee

Bild: Symbolbild: KI-generiert

Hitzerekord am Berliner Müggelsee: Erstmals wurden dort Wassertemperaturen von über 30 Grad Celsius gemessen. Forschende warnen, dass steigende Temperaturen und Sauerstoffmangel Fische und andere Wasserlebewesen zunehmend unter Druck setzen.

Deutschlands Seen erwärmen sich schneller als die Luft

Seit mehr als 45 Jahren misst des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) die Wassertemperatur des Berliner Müggelsees automatisch mehrmals täglich. Ende Juni wurde dabei ein neuer Höchstwert erreicht: 30,2 Grad Celsius in einem halben Meter Wassertiefe. Im flachen Uferbereich erwärmte sich das Wasser sogar auf 32,7 Grad Celsius. Auch in fünf Metern Tiefe lag die Temperatur noch bei rund 20 Grad.

Hierbei handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Langzeitmessungen zeigen, dass sich die Oberflächentemperaturen deutscher Seen seit den 1990er-Jahren im Durchschnitt um 0,5 Grad Celsius pro Jahrzehnt erhöht haben. Damit erwärmen sich viele Seen sogar schneller als die Luft.

Warum hohe Wassertemperaturen zum Problem werden

Mit steigenden Temperaturen verändert sich das gesamte Ökosystem eines Sees. Warmes Wasser ist leichter als kaltes und bildet eine stabile Oberflächenschicht. Dadurch gelangt kaum noch sauerstoffreiches Wasser in tiefere Bereiche des Sees.

Während der Hitzewelle bildete sich im Müggelsee über mehrere Wochen eine ausgeprägte Temperaturschichtung. Am Gewässergrund sank der Sauerstoffgehalt zeitweise auf Werte von rund 2 Milligramm pro Liter – ein Bereich, der für viele Wasserorganismen bereits kritisch ist. Gleichzeitig kann warmes Wasser grundsätzlich weniger Sauerstoff binden, während Mikroorganismen durch die höheren Temperaturen mehr Sauerstoff verbrauchen.

Algenblüte Müggelsee

Bild: Luc De Meester /IGB

Auch im Berliner Müggelsee können während heißer Sommermonate starke Algenblüten auftreten. Steigende Wassertemperaturen begünstigen diese Entwicklung.

Sauerstoffmangel setzt Fische unter Druck

Nicht alle Fischarten reagieren gleich empfindlich auf hohe Wassertemperaturen. Arten wie Karpfen, Aal, Wels oder Zander gelten als vergleichsweise temperaturtolerant und können bei Sauerstoffmangel häufig in andere Wasserschichten ausweichen.

Anders sieht es bei kälteliebenden Arten aus. Für sie schrumpfen die Bereiche im See, in denen ausreichend kühles und sauerstoffreiches Wasser vorhanden ist. Die Forschenden sprechen von sogenannten „Temperaturlebensräumen“, die durch den Klimawandel zunehmend kleiner werden. Besonders betroffen sind Arten, die dauerhaft auf kaltes Wasser angewiesen sind.

Auch Wasserpflanzen und Muscheln leiden

Die hohen Temperaturen wirken sich nicht nur auf Fische aus. Wasserpflanzen erhalten während Hitzeperioden häufig weniger Licht, weil sich Algen und andere Kleinstlebewesen stärker vermehren und das Wasser trüber wird.

Auch Muscheln geraten unter Stress. Untersuchungen des IGB zeigen, dass die im Müggelsee weit verbreitete Quagga-Muschel ihre wichtige Filterleistung bei Temperaturen ab etwa 28 Grad Celsius stark reduziert. Bei rund 32 Grad Celsius sterben viele Tiere bereits nach wenigen Stunden. Damit entfällt ein wichtiger natürlicher Filter, der das Wasser normalerweise von Algen und Schwebstoffen reinigt.

Hitze verändert das Leben unter Wasser

Die aktuellen Messungen zeigen deutlich, dass der Klimawandel inzwischen auch unter der Wasseroberfläche angekommen ist. Steigende Wassertemperaturen, längere Hitzeperioden und sinkende Sauerstoffwerte verändern die Lebensbedingungen vieler Arten nachhaltig.

Für Angler sind solche Entwicklungen zunehmend spürbar. Besonders in heißen Sommern reagieren empfindliche Fischarten deutlich sensibler auf Stress. Ein schonender Umgang mit gefangenen Fischen und ein verantwortungsbewusstes Verhalten am Wasser gewinnen deshalb weiter an Bedeutung.

Zahlen und Fakten zum Klimawandel in unseren Gewässern

  • Laut Modellszenarien werden sich die Seen mit jedem Anstieg der Lufttemperatur um 1 °C um rund 0,9 °C erwärmen und jährlich 10 Tage kürzer von Eis bedeckt sein. Studie in Nature Geoscience
  • Der Sauerstoffgehalt in den Süßwasserseen nimmt rapide ab – um ein Vielfaches schneller als in den Ozeanen. So sank zum Beispiel in den letzten vier Jahrzehnten der Sauerstoffgehalt im tiefen Wasser von Seen der gemäßigten Breiten um fast 18 Prozent. Studie in Nature
  • Forschenden untersuchten, wie sich Temperaturlebensräume in Seen als Reaktion auf den Klimawandel bereits verändert haben – ob sie schrumpfen oder sich ausdehnen. Für weniger anpassungsfähige Arten reduzierten sich die Lebensräume zwischen den Zeiträumen 1978-1995 und 1996-2013 weltweit um fast 20 Prozent. Studie in Nature Climate Change
  • 60 Prozent der globalen Fließgewässerstrecken fallen an mindestens einem Tag im Jahr trocken – über alle Kontinente und klimatischen Zonen hinweg. Über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in der Nähe dieser zeitweise trocken fallenden Flüsse – Tendenz steigend. Die Folgen: Lebensräume schwinden und Treibhausgase werden aus den trocken fallenden Bereichen freigesetzt. Studie in Nature

Was ist eigentlich ein See?

  • In Deutschland gibt es rund 300.000 stehende Gewässer. Doch nicht alle können tatsächlich als See bezeichnet werden. In der Regel versteht man unter einem See ein Binnengewässer, das über einen Hektar groß ist und eine Wasserverweilzeit von mindestens drei Tagen hat.
  • Seen sind immer Sammelbecken der Einflüsse aus dem Einzugsgebiet. Die Anreicherung von Nährstoffen (aus kommunalen oder industriellen Einleitungen, Einträge von Düngemitteln aus der Landwirtschaft, etc.) ist nach wie vor ein Hauptproblem der Gewässerqualität von Seen.
  • Für Seen über 50 Hektar Größe gilt die EU-Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL). Das Ziel: einen guten ökologischen und chemischen Zustand für diese Gewässer zu erreichen. Sie unterliegen einem Verschlechterungsverbot.
  • Der überwiegende Teil der Seen in Deutschland ist deutlich kleiner als 50 Hektar, weshalb dort keine Berichtspflicht für die EU-WRRL besteht. Dabei wird häufig übersehen, dass nach EU-WRRL auch die nicht berichtspflichtigen Gewässer einen guten ökologischen Zustand erreichen müssen.

Wer es genau wissen will: ein Leitfaden: Hilfe für Seen im schlechten Zustand 


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