Niedersachsens Chance für die Äsche

Projektleiter Dr. Matthias Emmrich (re.), Verbandsbiologe beim Landessportfischerverband Niedersachsen e.V., Dr. Benjamin Krause, 1. Vorsitzender Fischereiverein Einbeck e.V. (Mitte) und ein weiterer Einbecker Angler mit Äschen (Thymallus thymallus), die zum Aufbau eines Zuchtstammes für die Wiederansiedlung per Elektrofischen in der Ilme gefangen wurden. Einbeck, Niedersachsen, März 2016. Foto: F. Möllers/LSFV Niedersachsen

Sie ist wunderschön aber stark bedroht – in Niedersachsen hat der Schutz der Äsche höchste Priorität. Mitarbeiter des Landessportfischerverband Niedersachsen (LSFV) und Angler vom Fischereiverband Einbeck fingen jetzt 30 Laichäschen in Zuflüssen der Leine für ein Artenschutzprojekt.

Projektleiter Dr. Matthias Emmrich (re.), Verbandsbiologe beim Landessportfischerverband Niedersachsen e.V., Dr. Benjamin Krause, 1. Vorsitzender Fischereiverein Einbeck e.V. (Mitte) und ein weiterer Einbecker Angler mit Äschen (Thymallus thymallus), die zum Aufbau eines Zuchtstammes für die Wiederansiedlung per Elektrofischen in der Ilme gefangen wurden. Einbeck, Niedersachsen, März 2016. Foto: F. Möllers/LSFV Niedersachsen

Projektleiter Dr. Matthias Emmrich (re.), Verbandsbiologe beim Landessportfischerverband Niedersachsen e.V., Dr. Benjamin Krause, 1. Vorsitzender Fischereiverein Einbeck e.V. (Mitte) und ein weiterer Einbecker Angler mit Äschen (Thymallus thymallus), die zum Aufbau eines Zuchtstammes für die Wiederansiedlung per Elektrofischen in der Ilme gefangen wurden. Einbeck, Niedersachsen, März 2016.
Foto: F. Möllers/LSFV Niedersachsen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LSFV-Projektleiter, Dr. Matthias Emmrich, kennt die Probleme der Äsche auch
aus seinen Heimatgewässern rund um Lippstadt nur zu gut: „Äschenbestände
in ganz Deutschland sind in den vergangenen 15 Jahren massiv durch
Kormorane dezimiert worden. Bis vor wenigen Jahren fanden wir nur noch
wenige sehr große Fische, viele mit Verletzungen durch
Kormoranhiebe. Mittlere Größen zwischen 20 und 35 cm, das Idealmaß für
den Kormoran, fehlten praktisch komplett.“ Der Bestandsexplosion des
Kormorans nach seiner völligen Unterschutzstellung Anfang der 1980er Jahre
hätten die Äschenbestände in Mitteleuropa nichts entgegenzusetzen gehabt,
erläutert Emmrich.

Probleme: Kormorane und Wasserverbauungen

Ein Großteil der überwinternden Kormorane jage auf großen Standgewässern,
so der Biologe weiter. Wenn die aber im Spätwinter zufrören, wichen die Vögel
auf Fließgewässer aus. Dort seien Äschen, die sich dann in der Nähe der
Laichplätze sammelten, eine leichte Beute für die Vögel. Weitere Ursachen für
die aktuelle Gefährdung seien die vielen Querbauwerke, die
Laichwanderungen verhindern sowie die gestiegene Belastung von
Fließgewässern mit Nährstoffen aus der Landwirtschaft. Kieslaichplätze
veralgten und würden unbrauchbar für die Äsche. Zuviel Nitrat lasse ihre
Brütlinge sterben.

Äschen fürs Leinesystem

„Rund um Einbeck beobachten wir seit einigen Jahren wieder steigende
Bestände“, freut sich dagegen Dr. Benjamin Krause, 1. Vorsitzender des FV
Einbeck. Der Grund: etliche milde Winter in Folge und deshalb kaum
Kormoranaktivität an den Äschengewässern des Vereins. Mittels
Elektrofischgeräten konnten die Biologen des LSFV daher jetzt mehr als 30
Elterntiere fangen. Noch am gleichen Abend wurden sie in die Anlage eines
Fischzüchters in der Nähe von Soltau verbracht. „Das Entscheidende ist jetzt
das richtige timing“, weiß Ralf Gerken, Naturschutzexperte beim LSFV. „Die
Eier der Äschenweibchen lassen sich nur in einem Zeitraum von wenigen Tagen
gewinnen. Dann muss die Befruchtung mit der Milch der Männchen gelingen,
was bei Äschen beileibe keine Selbstverständlichkeit ist.“ Klappt die Aufzucht
von ausreichend Jungäschen, sollen sie in geeignete Gewässer des
Leinesystems ausgesetzt werden, wo die Äschenpopulationen in den letzten
Jahren ebenfalls dramatisch eingebrochen waren.

Verbandsbiologe Dr. Matthias Emmrich (li.) und Naturschutzexperte Ralf Gerken (beide LSFV) beim Elektrofischen an einem Laichplatz der Äsche (Thymallus thymallus) im Krummen Wasser, Einbeck, März, Niedersachsen, Deutschland.

Verbandsbiologe Dr. Matthias Emmrich (li.) und Naturschutzexperte Ralf Gerken (beide LSFV) beim Elektrofischen an einem Laichplatz der Äsche (Thymallus thymallus) im Krummen Wasser, Einbeck, März, Niedersachsen, Deutschland. Foto: F. Möllers/LSFV Niedersachsen

Thymallus Thymallus: die nach Thymian Duftende

Die Äsche war einst weit verbreitet und Leitfisch einer nach ihr benannten
Fließgewässerregion – der Äschenregion. Sie gehört zu den farbenprächtigsten
Sü.wasserfischen: Die Rückenflossen der Männchen sind lange, prächtig
getupfte Fahnen. Ihre Kiemendeckel, Flossen und Flanken schimmern purpur,
violett und grün. Außerdem sind sie köstliche Speisefische, deren Fleisch
exquisit nach Thymian duftet – daher ihr wissenschaftlicher Name Thymallus
thymallus.
Fast alle Angelvereine mit Restvorkommen der Äsche in ihren Gewässern
verzichten aber seit Anfang der 2000er Jahre auf die Entnahme der stark
bedrohten Art. Die Bestände sollen die Chance haben, sich irgendwann wieder
ausreichend natürlich zu reproduzieren. „Wir erleben derzeit in einigen
Gewässern in der Heide, im Vorharz oder hier im Leinegebiet ein Comeback der
Äsche“, erklärt Matthias Emmrich. „Es braucht aber nur einen harten Winter
und einige Wochen mit jagenden Kormoranen, und die Bestände brechen
sofort wieder zusammen.“ Hier könnten die unter Menschenobhut
aufgezogenen LSFV-Äschen dazu beitragen, aktuelle Vorkommen zu stützen
und erloschene wieder nachhaltig zu etablieren.
„Wir sind stolz auf unsere Äschen“, schwärmt Benjamin Krause, „und stiften
gerne einige unserer Prachtexemplare, damit auch andere Gewässer wieder
von diesen wunderschönen Fischen besiedelt werden.“

LSFV Verbandsbiologe Dr. Matthias Emmrich (li.) und Praktikant Telmo Wagler freuen sich über eine schöne laichfähige Äsche (Thymallus thymallus), gefangen beim Elektrofischen im Krummen Wasser, Einbeck, März, Niedersachsen, Deutschland. Foto: F. Möllers/LSFV Niedersachsen

LSFV Verbandsbiologe Dr. Matthias Emmrich (li.) und Praktikant Telmo Wagler freuen sich über eine schöne laichfähige Äsche (Thymallus thymallus), gefangen beim Elektrofischen im Krummen Wasser, Einbeck, März, Niedersachsen, Deutschland.
Foto: F. Möllers/LSFV Niedersachsen

Der Landessportfischerverband Niedersachsen e.V.

Der Landessportfischerverband Niedersachsen e.V. ist mit fast 90.000 Mitgliedern der
größte anerkannte Naturschutzverband und der größte anerkannte Fischereiverband
in Niedersachsen.
Im LSFV wenden Angler aus den 330 angeschlossenen Vereinen jedes Jahr
zehntausende Stunden für ehrenamtliche Natur- und Artenschutzmaßnahmen auf. Von
der Wiedereinbürgerung von bedrohten Arten wie Lachs und Meerforelle, Karausche,
Bitterling oder Schlammpeitzger, über das Monitoring von Fischen, Neunaugen und
anderen Wasserlebewesen, bis zu regelmäßigen Müllsammel- und Pflanzaktionen,
tragen die im LSFV organisierten Angler dazu bei, Gewässer und ufernahe
Lebensräume zu erhalten und durch gezielte Naturschutzprojekte nachhaltig zu
fördern. Davon profitieren nicht nur Fische, sondern auch viele andere Tier- und
Pflanzenarten und nicht zuletzt alle Menschen, die Flüssen und Seen in Niedersachsen
zur Erholung und zum Naturerleben aufsuchen.

Mehr Infos: www.lsfv-nds.de

Kontakt / Interviewpartner
Dr. Matthias Emmrich (Dipl. Biologe), mobil: 0151 57994307
email: m.emmrich@lsfv-nds.de

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