Olivenölkännchen, der Krümmungsgrad von Gurken oder Lärmgrenzwerte für Dudelsäcke – die Liste der skurrilen EU-Regeln ist recht lang. Und vielleicht auch amüsant, wenn man nicht selbst als Dudelsackspieler oder ähnliches betroffen ist. Bei allem Kopfschütteln oder Galgenhumor: Ebenso klar ist allerdings, dass viele Herausforderungen auf EU-Ebene geregelt werden und geregelt werden müssen. Gewässer zum Beispiel kennen keine Landesgrenzen, die Fische oder Vögel (wie der Kormoran) müssen sich nicht ausweisen.
Insofern ist es sehr begrüßenswert, dass man sich auf europäischer Ebene mit dem Thema Kormoran-Management intensiv auseinandersetzt und die Europäische Kommission in Gestalt der Generaldirektion X (Umwelt) auffordert, endlich wirksame Maßnahmen zu ergreifen. Es ist ein gesamteuropäisches Phänomen und auch eine solche Herausforderung, die Balance zwischen Vogel- und Fischschutz zu finden.
Jeder von uns freut sich, wenn am kleinen Bach der Eisvogel an einem vorbei surrt. Wasseramseln bei ihrer Jagd zu beobachten, hat mich schon häufig viel Zeit „gekostet“. Allerdings kennt auch jeder von uns den Blick in leere Gewässer – und ahnt eine düstere Zukunft für komplette Ökosysteme.

Bild: Silvio Heidler / DAFV
Kormorane machen auch vor großen Beutefischen nicht Halt, hier hat ein Kormoran eine Barbe erbeutet. Das Problem: Wichtige Laichfische gehen dem Bestand verloren.
Kormoran – wenn das Symboltier zum Systemzerstörer wird
In den letzten Jahrzehnten war der Kormoran für die Vogelschützer ein wichtiges Symboltier. Wir erleben jetzt aber mehr und mehr (und viele haben schon länger gewarnt), welche Konsequenzen eine solche Überhöhung einer Spezies und damit ein fehlgeleiteter Artenschutz zeitigen können. Nicht nur, dass wirtschaftliche Existenzen (Stichwort Berufsfischer) vernichtet werden, auch die ökologischen Konsequenzen sind erschreckend: Die Biodiversität schwindet. Der Koloniebrüter belastet mit seinem Kot ganze Baumbestände und nimmt so Einfluss auf Mikroklima und wichtige Feuchtgebiete. Oder die hohen CO2-Abdrücke, wenn das Nahrungsmittel Fisch importiert, statt im Plöner See oder der Talsperre im Sauerland gefangen zu werden. Die Ökobilanz des Kormoranschutzes ist auf jeden Fall negativ.
Kormorane fressen 360.000 Tonnen Fisch pro Jahr
Ist der Kormoran invasiv oder nicht-invasiv? „Drissejal“, wie der Kölner Fischer sagen würde. Die Diskussion wird zur Glaubensfrage hochstilisiert. Entscheidend sind Zahlen. Unbestritten ist: Die Population der in Europa ansässigen Kormorane ist nicht mehr gefährdet. Im Gegenteil, sie hat eine Größe gewonnen, die eine trotz der mittlerweile 1.000 Seeadler-Brutpaare eine Überforderung darstellt. So viel Kormoran kann kein Seeadler essen.

Bild: Oliver Schillings
Der Mageninhalt eines einzigen Kormorans! Mindestens fünf verschiedene Fischarten befangen sich bei diesem Vogel im Magensack.
Noch drastischer beschreibt der Europäische Landwirtschafts- und Fischereirat im Mai 2026 die Folgen dieser großen Population: „Der jährliche Fischkonsum eines ausgewachsenen Kormorans wird auf etwa 180 kg geschätzt. Der durchschnittliche Fischkonsum pro EU-Bürger beträgt hingegen rund 23 kg pro Person und Jahr. Mit einer geschätzten Population von etwa 2 Millionen Individuen beträgt der jährliche Verzehr an Fischen durch Kormorane in Europa somit rund 360.000 Tonnen.” Können Gewässer das verkraften? Offensichtlich nicht …
Die Entwicklung des Kormorans und was in der EU diskutiert wird
Bereits 2008 (!) hat das Europäische Parlament einen Kormoran-Management-Plan gefordert, denn bereits Ende der 1990er Jahre hatte die Europäische Kommission auf den mittlerweile stabilen Kormoranbestand hingewiesen! Ende der 1990!
2022 untermauerte die EIFAAC (Europäische Beratende Kommission für Binnenfischerei und Aquakultur) dies – und allmählich scheint endlich Bewegung in das Spiel zu kommen.
Auch die wissenschaftliche Bewertung hat sich weiterentwickelt. Niels Jepsen (Technical University of Denmark) oder Carola Winkelmann (Universität Koblenz) haben in umfangreichen Studien demonstriert, wie bedrohlich die Schieflage vieler Gewässer durch die Kormorane ist. Auch die volkswirtschaftlichen Schäden sind immer besser dokumentiert.
2024 wurde der renommierte Fischökologe Professor Dr. Ian Cowx (Universität Hull in Großbritannien) von der EIFAAC beauftragt, die Rahmenbedingungen für einen solchen Plan zu erstellen.
Seine zentralen Forderungen und Prinzipien sind:
- paneuropäischer Ansatz: Da Kormorane hochmobil sind, reichen lokale oder rein nationale Maßnahmen nicht aus. Es wird eine europaweit abgestimmte Strategie gefordert.
- gezieltes Bestandsmanagement: Die Bestände sollen so reguliert werden, dass Schäden an gefährdeten Fischarten, der Berufsfischerei und der Aquakultur minimiert werden.
- wissenschaftliche Grundlage (Evidence-based): Entscheidungen zum Kormoranmanagement sollen strikt auf soliden wissenschaftlichen Daten, Monitoring-Erkenntnissen und sozioökonomischen Studien basieren.
- Erhalt der Biodiversität: Der Schutz der Gewässerökosysteme und die Vermeidung von nicht nachhaltiger Prädation durch Kormorane haben Priorität.
Damit sind Maßnahmen wie Austausch von Eiern in Brutkolonien oder die Bejagung als durchdachtes Prädatoren-Management möglich. Das hört sich alles stimmig an. Aber die Zeit drängt!
Nach dem Winter waren 95 Prozent der Laichfische gefressen
In der Wiesent konnten dieses Jahr zum ersten Mal keine Laichfische gefangen werden. Im kalten Winter hat ein massiver Kormoraneinfall (aus Norddeutschland!) die Gewässer geschädigt. Der Verband schätzt, dass bis zu 95 Prozent der Äschen durch die Kormorane gefressen wurden. Auch andere Fischarten konnten nur in ganz wenigen Exemplaren nachgewiesen werden. Die Situation an der Diemel oder anderen Gewässern ist genau so dramatisch.

Bild: Silvio Heidler / DAFV
Problemzeit Winter: Gefrieren große Seen zu, weichen die Kormorane in die noch offenen Fließgewässer aus und richten hier zum Teil massivste Schäden an. Teilweise werden Bäche komplett fischleer hinterlassen.
Ein Ökosystem funktioniert nur im Zusammenspiel: Fehlen zum Beispiel die Nasen (Chondrostoma nasus) als Zwischenwirt für die Larven der Flussmuscheln und als natürlicher Feind der Algen auf der Kiessohle, gibt es weniger Muscheln und mehr Eutrophierung. Jede einzelne Spezies erfüllt eine wichtige Rolle in diesem komplexen Miteinander. Wir dürfen nicht zulassen, dass komplette Bestände und Arten wegen einer einzigen Art an den Rand der Ausrottung gebracht werden. Deshalb müssen wir endlich ins Tun kommen!

Bild: Oliver Schillings
Ein Rotauge mit einer schweren Verletzung durch einen Kormoranschnabel. Zahlreiche Fische weisen inzwischen die durch Kormoran typischen Narben auf – wenn sie die Verletzungen überlebt haben.
Das Bewusstsein wächst – nur nicht in Deutschland
Das wird in mehr und mehr Ländern bewusst. Die Tschechische Republik, Kroatien, Estland, Finnland, Lettland, Polen, Rumänien, Schweden und die Slowakei fordern die unverzügliche Aufnahme der EIFFAC-Maßnahmen von 2025. Doch wo ist Deutschland? Wir versuchen, unauffällig pfeifend, mit dem Hintergrund zu verschwimmen …
Das ist umso bedauerlicher, da die CDU/CSU bereits 2024 auf Bundesebene eine Initiative zum Schutz von Artenvielfalt und Fischbeständen vor Kormoran-Prädation auf den Weg gebracht hatte. Damals noch in der Opposition, heute als Regierungspartei eigentlich an den nötigen Schaltzentralen. Aber immer noch gibt es NGO und Personen in Ministerien, die ihr eigenes (und leider ideologisches) Ding machen und so eine wirkliche Verbesserung der ökologischen Gesamtsituation verhindern.
Die Rechnung ist wirklich einfach: Fischschutz = Naturschutz
Dieses Phänomen lässt sich bis auf die lokale Ebene gut beobachten, zum Beispiel an der Nister in Rheinland-Pfalz. Dort gibt es ein sehr aufwändiges Projekt, über die ökologische Aufwertung des Gewässers das gesamte Ökosystem zu verbessern. Die Initiatoren, die ARGE Nister, freuten sich über die EU-Initiative, der Kormoranproblematik Herr zu werden, als Unterstützung für ihr Vorgehen. Eine „Naturinitiative Nister“ kritisiert dies mit althergebrachten und längst widerlegten Aussagen wie „Die Gewässerverschmutzung ist die Ursache“ oder „Fische essen ja selbst andere Fische“. Faszinierend ist der Hinweis auf das „moralische Problem“, die Vögel zu schießen. Diese Moral endet direkt an der Wasseroberfläche, wenn es um die vernichteten Bestände an Äschen oder Lachs-Smolts geht. Haben wir ein zu dichtes Netz an NGO, die über Jahre oder Jahrzehnte mit den verschiedensten Schutzprojekten ihre eigene Existenz wirtschaftlich gesichert haben?
Fehlinvestitionen und Schäden in Milliardenhöhe
Dass die EU jetzt aktiv wird, hat viel mit der Wasserrahmenrichtlichtlinie, kurz WRRL, zu tun. Und mit dem lieben Geld … Die WRRL verpflichtet die Mitgliedsstaaten, die Qualität und Durchgängigkeit der Gewässer zu steigern. Erfolgt dies nicht, drohen hohe Strafen.
Insgesamt werden etwa 330 Milliarden Euro für die Umsetzung investiert (allein in Deutschland 61 Milliarden). Nach Aussage von EIFAAC und verschiedenen Wissenschaftlern bleibt das ganze Investment nahezu nutzlos, wenn die Kormorane jährlich etwa 360.000 Tonnen Fisch aus Europas Gewässern entnehmen.
Fakt ist: Die Qualitätskomponente Fischfauna wird durch den Kormoran signifikant verschlechtert. Zu den Folgen gehören die Eutrophierung (verstärktes Algenwachstum durch fehlende Fischbestände, so Verstopfung der Gewässersedimente und damit ein Sauerstoffmangel) und die Vernichtung kompletter Fischarten mit ihrem lebensraumspezifischen genetischen Fußabdruck. Denn trotz dieser Milliarden-Investitionen hat sich der Anteil der Oberflächengewässer im guten und sehr guten Zustand in Deutschland seit Inkrafttreten der WRRL nicht erhöht. Wie wenig dieses irre Budget bewirkt, dokumentiert der Bund selbst (siehe Kasten „Zustand der Gewässer in Deutschland“). Aktuell wird dieses Geld verbrannt. Kein einziges Unternehmen auf der ganzen Welt könnte so mit seinen Ressourcen umgehen! Dazu kommen mögliche Entschädigungen, die die (Freizeit- und Berufs-)Fischerei einfordern kann, plus der Kosten für die zu erwartenden Sanktionen bei Vertragsverletzungsverfahren, die bereits gegen mehr als 10 Länder eingeleitet wurden.
Kurzum: Eine WRRL-Zielerreichung ist ohne drastisches staatliches Eingreifen zum Schutz der Gewässer ausgeschlossen.
Was können wir machen?
Druck: Unsere Verbände müssen mehr Druck machen. Wir alle als Einzelne müssen mehr Druck machen. Wir können zum Beispiel als Vereine Entschädigungen einklagen, weil unser Staat es versäumt, den Prädator Kormoran zu managen.
Diskussionen: Wir müssen in Gespräche gehen und Ornithologen und Vogelschützern zeigen, wie essenziell gesunde Fischbestände für das Ökosystem Gewässer und die dort lebenden Vögel sind. Wir müssen mit Jägern und Forstwirten den Schulterschluss suchen, um die Ökosysteme als Ganzes zu stärken.
Best Cases: Wichtig sind jetzt mehr Pilotprojekte zum Bestandsmanagement großer Kormorankolonien (Ölen oder Austauschen der Eier) und zum Fraßschutz an besonders gefährdeten Fließgewässern (durch Ver- und Bejagung), um die besten Vorgehensweisen zu identifizieren. Vögel gezählt haben wir genug …
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