Eiderdeiche: Bäume fällen gegen den Klimawandel!

Entlang der Eider sollen zahlreiche Bäume auf den Deichen gefällt werden, um die Sicherheit der Hochwasserschutzanlagen zu erhöhen. Das Vorhaben wird stark kritisiert.

Bild: Thomas pruß

Idylle an der Eider: Wenn alle Bäume gefällt werden, sind solche Bilder geschichte.

Hochwasserschutz, Klimawandel und die Zukunft der Eiderdeiche

Das Ostsee-Hochwasser von 2023 hat eine heftige Debatte ausgelöst bezüglich der Standfestigkeit der See- und Fluss-Deiche. Entlang der Eider sollen zahlreiche Bäume auf den Deichen gefällt werden, um die Sicherheit der Hochwasserschutzanlagen zu erhöhen. Das hat jedoch die Anwohner entlang des Flusses sowie die Naturschutzvereine, den BUND und den NABU auf den Plan gerufen. Diese Kritiker warnen vor neuen Risiken. Sie verweisen auf verrottende Wurzelsysteme in den Deichkörpern und auf die besondere Situation der Mitteleider.

Die Eider – Der gekürzte Fluss

Bild: Thomas Pruß

Pappeln wurden vor 50 bis 60 Jahren auf den Eiderdeichen zur Holzproduktion angepflanzt. Diese mächtigen. bis zu 40 m hohen Bäume, können für die Deiche problematisch werden. Zurzeit wird geprüft, ob es sich ausschließlich um Haybridpappeln handelt oder ob sich auch geschützte Schwarz- oder Silberpappeln darunter befinden. Das hat Einfluss auf die Fällaktionen.

Mit ursprünglich 188 Kilometern war die Eider einst der längste Fluss Schleswig-Holsteins. Doch das ist lange her. Mit dem Bau des Nord-Ostsee-Kanals Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Fluss geteilt. Heute erreicht kein Tropfen Eiderwasser aus der Quelle mehr die Nordsee.

Stattdessen dient die obere Eider zusammen mit anderen Flüssen und Auen vor allem dazu, den Wasserstand des Nord-Ostsee-Kanals zu regulieren. Gleichzeitig haben zahlreiche Wasserbaumaßnahmen den Flusslauf stark verändert. Dadurch schrumpfte die Eider von einst 188 auf heute rund 108 Kilometer.

Zugpferd des Tourismus

Die Mitteleider zwischen Rendsburg und Nordfeld erhält ihr Wasser heute hauptsächlich aus der Sorge, aus Auen sowie aus verschiedenen Entwässerungssystemen. Dennoch wirkt die Landschaft erstaunlich naturnah. Genau das macht ihren besonderen Reiz aus.

Viele Angler und Naturfreunde verbringen ihren Urlaub an der Eider. Sie schätzen die Ruhe der Niederung und die hervorragenden Fischbestände. Vor allem Zander, Barsche und Hechte locken jedes Jahr Besucher aus ganz Deutschland an die Ufer. Doch gleichgültig, ob Angelurlaub, Wanderurlaub, Radfahren oder einfach nur Naturbeobachtung: Die Mitteleider ist ein starkes Zugpferd für den Tourismus in Schleswig-Holstein!

Bild: Fynn Krause

Der Tourismus entlang der Mitteleider lebt sehr stark von den Anglern. Vor allem der gute Raubfischbestand – hier ein Zander – zieht viele Angler jedes Jahr im Urlaub an den Fluss.

Aber dieses Paradies steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Entlang der Mitteleider zwischen Nordfeld und Lexfähre droht auf 50 km ein großflächiger Kahlschlag. Zahlreiche Bäume sollen fallen. Damit würde nicht nur wichtige Lebensräume verschwinden. Auch das charakteristische Landschaftsbild der Eider könnte dauerhaft verloren gehen.

Klimawandel verändert die Spielregeln

Bild: Thomas Pruß

Wenn bei Sturmfluten das Wasser nicht abfließen kann, werden die Deiche belastet. Diese Belastungen werden mit steigendem Meeresspiegel zunehmen.

Der Klimawandel stellt das gesamte Eidersystem vor neue Herausforderungen. Wissenschaftler rechnen mit einem steigenden Meeresspiegel. Im Extremfall werden sogar Anstiege von bis zu drei Metern diskutiert.

Dadurch müssten das Eidersperrwerk und die Schleusen deutlich häufiger geschlossen bleiben. Gleichzeitig würden natürliche Entwässerungsphasen seltener. Deshalb müsste mehr Wasser über Pumpwerke abgeführt werden.

Die entscheidende Frage lautet daher: Wie verhalten sich die Eiderdeiche, wenn Wasser über viele Tage oder sogar Wochen gegen sie drückt?

Warum die Eider kein gewöhnlicher Fluss ist

Bild: Wikipedia

Zahlreiche Schöpfwerke entwässern das Hinterland der Eider. Ihre Leiszung ist aber begrenzt: Steigt der Wasserstand der Eider über einen bestimmten Pegel, schaffen es die Pumpen gerade kleinerer Schöpfwerke nicht mehr, gegen den Wasserdruck anzupumpen. Das Hinterland droht „abzusaufen“.

Genau hier beginnt die fachliche Diskussion.

Die Mitteleider nimmt innerhalb der deutschen Gewässersysteme eine Sonderstellung ein. Sie wird heute von Schleusen, Sperrwerken und Schöpfwerken geprägt. Deshalb unterscheidet sie sich deutlich von jedem natürlichen und auch künstlichen Fließgewässer in Deutschland. Der Journalist Christoph Scheuring bezeichnet die Eider als eine Art „Badewanne“, in der das Wasser – zwar stark gebremst – aber im Takt der Gezeiten hin und her schwappt.

Kritiker der geplanten Rodungen fragen deshalb, ob Standardlösungen für klassische Flussdeiche automatisch auch die beste Lösung für die Eider sind.

Die DIN 19712 als Grundlage der Rodungspläne

Die geplanten Baumfällungen stützen sich auf die DIN 19712. Diese Norm gilt als wichtigstes Regelwerk für Flussdeiche. Nach den Ausfühhrungen des renommierten Wasserbau-Ingenieurs Prof. Dr. Ing. Dietmar Schitthelm können aus Sicht der Norm Bäume auf Deichen problematisch sein. Wurzeln können mögliche Sickerwege bilden. Außerdem können umstürzende Bäume Schäden verursachen. Darüber hinaus erschweren Gehölze die Kontrolle und Unterhaltung der Deiche.

Deshalb besitzt die DIN 19712 für Behörden und Wasserverbände große Bedeutung.

Bild: JaBa

Der Wasserbau-Ingenieur Prof. Dr. Ing. Dietmar Schitthelm informierte über die rechtlichen und technischen Probleme einer möglischen Baumrettung.

Die Wurzelfrage

Bild: Thomas Pruß

Die Bäume entlang der Eider übernehmen wesentliche ökologische Aufgaben. Sie sind Ruheplätze von Fledermäusen, sie sind Warte für Greifvögel, namentlich der Seeadler, sie festigen den Boden und spenden dem Flussufer im Sommer kühlenden Schatten. Zudem sind sie wesentliches Landschaftsbild: Anhand der Baumreihen kann man dem verschlungenen Flusslauf in der Landschaft folgen.

Der eigentliche Streitpunkt beginnt jedoch erst nach der Fällung.

Solange ein Baum lebt, gehört sein Wurzelsystem zum gewachsenen Bodengefüge. Nach einer Rodung sterben die Wurzeln dagegen langsam ab. Anschließend beginnen sie zu verrotten.

Dadurch können Hohlräume entstehen. Kritiker befürchten deshalb, dass Wasser diese Bereiche bevorzugt durchströmt. Im Hochwasserfall könnten solche Hohlräume wie eine Art „Kurzschlussleitung“ für Sickerwasser wirken.

Die Folgen wären erheblich. Denn wenn dieses Risiko tatsächlich besteht, reicht das Fällen der Bäume allein nicht aus. Dann müssten auch die Wurzeln entfernt werden.

Genau hier beginnt das nächste Problem. Eine vollständige Wurzelentfernung würde umfangreiche Bauarbeiten erfordern. In vielen Bereichen müssten Deichabschnitte teilweise neu aufgebaut werden. Gleichzeitig wären aufwendige Schutzmaßnahmen nötig, damit die Hochwassersicherheit während der Bauphase erhalten bleibt.

Allerdings sieht der für den Deichschutz zuständige Eider-Treene-Verband zurzeit überhaupt keine Veranlassung, die Deiche zu erhöhen oder neu zu bauen. so dagt es Martin Matzdorf, Geschäftsführer des Eider-Treene-Verbandes. Die im Boden verbleibenden Wurzeln würden den Deichkörper nicht nachhaltig schädigen.

Alternativen zum Kahlschlag

Bild: Thomas Pruß

Nicht alle Bäume entlang der Eider stehen auf den Deichen. Viele Gehölze begleiten die Ufer und stehen zum Teil an die hundert Meter vom Deich entfernt. Müssen diese Bäume auch weichen?

Deshalb fordern viele Beteiligte eine differenzierte Betrachtung.

Diskutiert werden regelmäßige Baumkontrollen, ein systematisches Deichmonitoring sowie gezielte Eingriffe an einzelnen Problem-Bäumen. Außerdem könnten Kronenrückschnitte die Windlast verringern. Daneben kommen technische Sicherungsmaßnahmen infrage.

Auf diese Weise ließen sich Hochwasserschutz und Naturschutz möglicherweise besser miteinander verbinden.

 

Druck machen – aber wie?

Rainer Borcherding, Vorsitzender des BUND Schleswig-Holstein spricht davon, dass man politischen und gesellschaftlichen Druck entwickeln müsse. Dazu gehören Schreiben an die zuständigen Wasserbehörden der Kreise, an die Landräte und direkt ans Umweltministerium.

Bild: wdr

Rainer Borcherding schätzt, dass man etwa ein Viertel der Eiderbäume retten kann.

Wann wird gefällt?

Eine Art „Galgenfrist“ gibt es noch für die Baume auf den Eiderdeichen: Bei der Kartierung der Deichlinie via Drohne hakt es nämlich: „Die Ergebnisse der photogrammatischen Auswertung haben sich als nicht geeignet erwiesen, die Anzahl der Bäume, ihre Höhe und -dicke) zu ermitteln“, teilt der Kreis Schleswig-Flensburg mit. Es braucht wohl eine ander, möglicherweise teurere Technologie – die Fäll-Vorbereitungen, dei ab dem Herbst laufen sollten, stocken.

 

Fazit

Vor einer flächendeckenden Rodung sollten die Besonderheiten der Mitteleider sorgfältig untersucht werden. Gleichzeitig müssen die Folgen des Klimawandels ebenso berücksichtigt werden wie die langfristigen Auswirkungen auf die Deichsicherheit.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die Eider Bäume braucht.

Viel wichtiger ist eine andere Frage:

Welche Lösung macht die Eiderdeiche unter den Bedingungen des Klimawandels tatsächlich sicherer?

 

INFOBOX: Was regelt die DIN 19712?

Die wichtigste Norm für Flussdeiche

Die DIN 19712 definiert die anerkannten Regeln der Technik für Flussdeiche in Deutschland. Sie regelt Planung, Bau, Unterhaltung und Sanierung von Deichen, die dem Schutz vor Hochwasser dienen.

Aus Sicht der Norm gelten Gehölze auf Deichen grundsätzlich als kritisch. Als mögliche Risiken werden genannt:

  • Wurzeln als potenzielle Sickerwasserwege
  • Windwurf und umstürzende Bäume
  • Erschwerte Kontrolle des Deichkörpers
  • Behinderungen bei Unterhaltungs- und Sanierungsarbeiten

Für Wasser- und Bodenverbände besitzt die Norm große Bedeutung. Kommt es zu einem Schadensfall, wird regelmäßig geprüft, ob die anerkannten Regeln der Technik eingehalten wurden.

Der Streitpunkt an der Eider

Kritiker stellen die Gültigkeit der DIN 19712 nicht grundsätzlich infrage. Sie weisen jedoch darauf hin, dass die Mitteleider heute kein gewöhnlicher Fluss mehr ist. Durch Schleusen, Sperrwerke und Schöpfwerke wurde das Gewässer in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert.

Die entscheidende Frage lautet deshalb:

Führt die Anwendung einer allgemeinen Norm im Sonderfall Mitteleider automatisch zur technisch besten Lösung?

Genau diese Frage soll nach Ansicht vieler Beteiligter vor einer flächendeckenden Rodung geklärt werden.

INFOBOX: Die Eider im Wandel der Zeit

Von der Sturmflutzone zum technischen Gewässersystem

Bis 1936

  • Die Eiderdeiche sind echte Seedeiche.
  • Regelmäßige Sturmfluten führen zu Überflutungen und Deichbrüchen.
  • Die Deiche sind weitgehend baumfrei.

1936

  • Fertigstellung der Schleusen Nordfeld und Lexfähre.
  • Die Mitteleider wird hydraulisch vom direkten Einfluss der Nordsee entkoppelt.
  • Die Deiche werden zur zweiten Schutzlinie.
  • Bild: RaBoe-327 Wikipedia

    Blick auf die Eiderabdämmung Nordfeld, die 1936/37 erbaut wurde (Bildmitte). Oberhalb beginnt die Mitteleider mit ihren charakeristischen Baumreihen,unterhalb erstreckt sich die tidenbeeinflusste Untereider, deren Deiche baumfrei sind.

1950 bis 1973

  • Auf vielen Deichabschnitten werden Pappeln angepflanzt.
  • Die Bäume sollen unter anderem der Holzproduktion dienen.
  • Weitere Baumarten siedeln sich später natürlich an.

1973

  • Fertigstellung des Eidersperrwerks.
  • Die Mitteleider wird zu einem stark regulierten Gewässersystem.
  • Sturmflutereignisse erreichen die Mitteleider nicht mehr direk

    Bild: Junghohann, Wikipedia

    Das Sperrwerk an der Flussmündung entkoppelt die Eider bei Bedarf komplett vom Rhythmus der Gezeiten. Die reichten früher bis nach Rendsburg. Heute sind Ebbe und Flut in der Mitteleider kaum noch spürbar und können in ihrer Stärke durch die Eiderabdämung in Nordfeld reguliert werden.

2023

  • Das Ostsee-Hochwasser löst eine Neubewertung vieler Küstenschutzanlagen aus.
  • Die Diskussion über die Sicherheit der Eiderdeiche beginnt erneut.

    Bild: Wikipedia

    Schäden nach dem Ostseehochwasser im Oktober 2023 – hier zerstörte und beschädigte Segelboot in Strande. Diese Sturmflut hat entlang der Ufer großflächige Deich- und Steiluferabbrüche verursacht.

Heute

  • Die Mitteleider dient vor allem der Entwässerung der Niederungsgebiete.
  • Wasserstände und Strömungen werden technisch gesteuert.
  • Die Zukunft der Eiderbäume wird kontrovers diskutiert.

Blick auf das Jahr 2100

  • Der Klimawandel könnte zu deutlich höheren Meeresspiegeln führen.
  • Das Eidersperrwerk müsste häufiger geschlossen bleiben.
  • Schöpfwerke und Pumpanlagen würden an Bedeutung gewinnen.
  • Die Anforderungen an die Deichsicherheit würden weiter steigen.

 


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