Schollen in der Ostsee: vom Ausnahmefang zum häufigen Fang
Noch vor wenigen Jahrzehnten galt der Fang einer Scholle in der Ostsee als Besonderheit. Heute sind die Plattfische entlang der Küste und vom Boot aus wieder reichlich zu fangen. Selbst Meerforellenangler – vor allem Fliegenfischer – haken beim Watangeln inzwischen regelmäßig Schollen.
Früher hieß es, Schollen würden eher im tieferen Wasser ab der Acht-Meter-Linie beißen. Heute fangen wir sie bereits in anderthalb Metern Tiefe – und das sogar häufig tagsüber bei strahlendem Sonnenschein!
Weniger Dorsche, mehr Schollen
Des einen Leid ist des anderen Freud’: Dieser alte Spruch trifft auch auf die heutige Situation der Ostsee-Scholle zu. Mit dem Verschwinden des Dorsches fehlt zugleich der größte Räuber der Jungschollen. Je weniger Dorsche in der Ostsee umherschwimmen, desto mehr Schollen können unbeschwert aufwachsen.
Das gilt übrigens auch für Kliesche und Flunder. Allerdings waren deren Bestände bereits zu Zeiten guter Dorschbestände relativ stabil. Die Jungschollen halten sich vermutlich in tieferem Wasser auf, wo sie früher häufiger von Dorschen gefressen wurden. Da dieser Fressfeind heute nur noch in geringer Zahl vorhanden ist, blüht der Schollenbestand regelrecht auf.

Bild: Rainer Korn
Plattenparade von links: Scholle, Flunder und Kliesche.
Droht der Ostsee-Scholle eine Verbuttung?
Wir kennen dieses Phänomen unter anderem von Süßwasserfischen wie Barsch oder Brassen: Steigen deren Bestände in einem begrenzten Gewässer stark an, weil beispielsweise größere Raubfische fehlen, können die Fische verbutten. Sie wachsen dann nicht mehr zu größeren Exemplaren heran und sind durch einen verhältnismäßig großen Kopf und einen kompakten Körper gekennzeichnet.
Wissenschaftler des Thünen-Instituts für Ostsee-Fischerei haben bereits erste Anzeichen für Veränderungen in der Schollenpopulation beobachtet. Auch Angler berichten immer wieder von sehr dünnen Schollen und Flundern – selbst im Herbst, wenn die Plattfische über den Sommer normalerweise ordentlich Fleisch auf die Gräten bekommen haben sollten.
Die Wissenschaftler vermuten, dass einige Meeresregionen schlicht zu wenig Nahrung für die stark gestiegene Zahl der Plattfische und damit auch der Schollen bieten. Wo ausreichend Nahrung vorhanden ist, wachsen die Schollen dagegen „normal“ ab.
Wahrscheinlich ist das Nahrungsproblem auch der Grund dafür, dass selbst Schollen das flache Wasser vor der Küste aufsuchen. Dort finden sie beispielsweise reichlich Wattwürmer.
Zeitbombe Altmunition in der Ostsee
Ein großes Problem stellt die Altmunition aus dem Zweiten Weltkrieg dar. Zwar wurde inzwischen mit der Bergung begonnen, doch es wird noch viele Jahre dauern, bis zumindest die gefährlichsten Teile vom Meeresgrund verschwunden sind.

Bild: Rainer Korn
Die größten Munitionsgebiete in der westlichen Ostsee.
Viele der metallenen Hüllen sind bereits verrostet, teilweise oder sogar vollständig verschwunden. Die Folge: Giftige Munitionsreste wie TNT gelangen ins Wasser. Grundfische wie Plattfische nehmen mit ihrer Nahrung besonders viel von diesen Giftstoffen auf. Das haben Untersuchungen bereits bei Klieschen nachgewiesen.
Dass nun endlich damit begonnen wurde, die Altmunition in großem Maßstab zu bergen, ist allerdings ein positives Zeichen für die Zukunft.

Bild: Omar Gade
Dunkle Verfärbungen auf der eigentlich weißen Blindseite sind Pigmentstörungen und keine Krankheit.
Steckbrief: Scholle

Bild: Jürgen Scholz
Die Scholle (Pleuronectes platessa) ist an ihrer bräunlich grünen Augenseite mit den markanten roten Punkten gut zu erkennen. Sie wird bis zu 90 Zentimeter lang, 7 Kilogramm schwer und kann ein Alter von 45 Jahren erreichen.
- Wissenschaftlicher Name: Pleuronectes platessa
- Aussehen: Die Scholle besitzt einen breiten, flachen Körper. Die Körperbreite ohne Flossen entspricht etwa der halben Körperlänge. Eine Reihe aus vier bis sieben Knochenhöckern verläuft von der Region hinter den Augen bis zur Kopfmitte. Der übrige Körper ist glatt. Die Bauch- beziehungsweise Blindseite ist weiß, die Augenseite bräunlich grün und mit markanten roten Punkten versehen. Die gerade Seitenlinie ist heller abgesetzt. Die Scholle gehört zu den rechtsäugigen Plattfischen.
- Größe: maximal 90 Zentimeter und bis zu 7 Kilogramm
- Alter: maximal 45 Jahre
- Laichzeit: Januar bis April
- Tiefe: 8 bis 200 Meter
- Verbreitung: nordwestliches Mittelmeer, Nordatlantik, Nordsee und Ostsee

Bild: Rainer Korn
Die Scholle gilt aufgrund ihres besonderen Geschmacks zu Recht als kulinarischer Leckerbissen.
Quelle: Rainer Korn, Kutter&Küste







