An der Amper herrscht derzeit eine ungewohnte Stille. Wo normalerweise
das Wasser über Kiesbänke strömt, liegen heute große Bereiche trocken.
Spaziergänger entdecken neue Uferlinien, Kinder laufen über freigelegte
Kiesflächen und viele halten die außergewöhnliche Situation mit dem
Smartphone fest. Was oberhalb der Wasseroberfläche wie ein interessantes
Naturschauspiel wirkt, erzählt unter der Oberfläche jedoch eine ganz andere
Geschichte. Dort kämpfen Fische, Muscheln, Amphibien, Wasserinsekten
und unzählige weitere Lebewesen Tag für Tag ums Überleben. Ihr
Lebensraum schrumpft – mit jedem weiteren heißen Sommertag.
Unsichtbare Krise
Die eigentliche Krise bleibt für viele unsichtbar. Während häufig über niedrige Pegelstände
berichtet wird, geraten die Folgen für die Natur meist in den Hintergrund. Bereits wenige Zentimeter
weniger Wasser können darüber entscheiden, ob Laichplätze erhalten
bleiben oder trockenfallen, ob Flachwasserzonen noch als Kinderstube für
Jungfische dienen oder verschwinden und ob empfindliche Tierarten
überhaupt noch geeignete Rückzugsräume finden. Gerade diese flachen
Bereiche gehören zu den artenreichsten Lebensräumen eines Gewässers.
Und Hitze bringt das Gleichgewicht ins Wanken.
Seit Wochen bleiben größere Niederschläge aus. Gleichzeitig steigen Luft-
und Wassertemperaturen kontinuierlich an. Warmes Wasser kann deutlich
weniger Sauerstoff aufnehmen als kaltes Wasser. Gleichzeitig steigt mit der
Temperatur der Stoffwechsel der Fische – sie benötigen also mehr
Sauerstoff, obwohl immer weniger davon verfügbar ist. Bleiben Regen und Wind
aus, fehlt zusätzlich die natürliche Durchmischung des Wassers. Besonders
in den frühen Morgenstunden entstehen kritische Sauerstoffwerte. Bereits
aus mehreren Regionen Bayerns wurden Fischsterben gemeldet, die nach
bisherigen Erkenntnissen auf Sauerstoffmangel und nicht auf
Schadstoffeinträge zurückzuführen sind.
Nicht nur Fische leiden
Muscheln verbringen ihr gesamtes Leben an einem Standort und können
nicht fliehen. Amphibien verlieren Laichgewässer. Libellenlarven, Köcherfliegen,
Eintagsfliegen und zahlreiche weitere Wasserinsekten finden
immer weniger geeignete Entwicklungsräume. Auch Wasserpflanzen
geraten zunehmend unter Stress. Dieses oft übersehene Netzwerk bildet die
Grundlage eines funktionierenden Gewässers. Gerät dieses empfindliche
Gleichgewicht aus den Fugen, bleiben die Folgen häufig über viele Jahre bestehen.
Die Amper steht besonders unter Druck: Der Fluss und seine Nebengewässer
leiden derzeit unter den außergewöhnlichen Bedingungen. Neben der langanhaltenden Trockenheit
kommt hinzu, dass der Wasserdurchfluss einzelner Nebenarme teilweise
über Wehranlagen zur Stromerzeugung geregelt wird. Sinken die Zuflüsse
zusätzlich, trocknen einzelne Bereiche nahezu vollständig aus. Gerade diese
kleinen Nebengewässer sind häufig besonders wertvolle Lebensräume und
dienen als Laich-, Aufwuchs- und Rückzugsgebiete für zahlreiche, teils
geschützte Tierarten.
Die letzten Gumpen werden zu Rettungsinseln
Die wenigen verbliebenen tiefen Gumpen entwickeln sich zu den letzten
Rückzugsorten. Hier sammeln sich Fische unterschiedlichster Arten,
Muscheln, Amphibien und zahlreiche Kleinlebewesen. Jede zusätzliche
Störung – etwa durch Waten, Baden oder freilaufende Hunde – bedeutet
zusätzlichen Stress und kostet wertvolle Energiereserven.
Die aktuelle Situation zeigt, dass mit dem Klimawandel die Auswirkungen
zunehmender Wetterextreme längst in unserer Region angekommen sind. Gesunde
Gewässer speichern Wasser, regulieren Temperaturen, fördern die
Artenvielfalt und sind wertvolle Erholungsräume. Werden sie dauerhaft
geschädigt, betrifft dies letztlich uns alle.
Rücksicht ist jetzt aktiver Naturschutz
Die D‘ Wörthseefischer, der Angelverein, der die Amper bewirtschaftet,
appelliert deshalb an alle Besucherinnen und
Besucher unserer Gewässer, in den kommenden Wochen besonders
achtsam zu handeln. Bereits kleine Verhaltensänderungen helfen:
Rückzugsräume respektieren, Hunde aus sensiblen Bereichen fernhalten,
keine Wasservögel füttern, Müll mitnehmen und Ufervegetation schützen.
Auch wir Angler übernehmen Verantwortung, passen unsere Angelzeiten den
Bedingungen an und behandeln Fische möglichst schonend.

Bild: A. Langner
Bei so niedrigem Wasserstand ist alles Leben unter Wasser bedroht. Kiesbänke fallen frei.

Bild: wikipedia
Die Amper ist bei normalem Wasserstand ein tolles Forellen- und Äschenrevier.
Zitat: Gewässer unter Druck
„Viele Menschen erfreuen sich derzeit an den
niedrigen Wasserständen. Was dabei häufig
übersehen wird, ist der dramatische Verlust an
Lebensraum unter der Wasseroberfläche. Unsere
Gewässer stehen unter enormem Druck. Besonders die
letzten tiefen Gumpen entscheiden momentan
darüber, ob Fische, Amphibien und viele andere Arten
diese Phase überstehen. Unsere Natur braucht jetzt
keine spektakulären Rettungsaktionen. Sie braucht
Menschen, die verstehen, wie empfindlich dieses
Ökosystem gerade ist, und bereit sind, Rücksicht zu
nehmen. Jeder Einzelne kann dazu einen wichtigen
Beitrag leisten.“
Christian Meier, 1. Vorsitzender D‘ Wörthseefischer e.
V.
INFOBOX – So können Sie jetzt helfen
– Tiefe Gumpen und Rückzugsbereiche möglichst nicht betreten.
– Hunde in sensiblen Uferbereichen nicht ins Wasser laufen lassen.
– keine Wasservögel füttern.
– Müll konsequent wieder mitnehmen.
– Ufervegetation und Schilfzonen schützen.
– Steine, Totholz und Wasserpflanzen im Gewässer belassen.
– Auffälligkeiten wie Fischsterben den zuständigen Behörden melden.
– Als Angler die Angelei den aktuellen Bedingungen anpassen.
WUSSTEN SIE SCHON?
– Muscheln verbringen ihr gesamtes Leben an einem Standort.
– Viele Amphibien und Wasserinsekten sind auf flache Uferzonen
angewiesen
– Die letzten tiefen Gumpen sind derzeit oft die einzigen
Überlebensräume.
– Gesunde Gewässer gehören zu den artenreichsten Lebensräumen
Bayerns.
Unsere Gewässer gehen uns alle an
Die derzeitige Trockenheit macht deutlich, wie verletzlich unsere
heimischen Gewässer geworden sind. Gerade jetzt entscheidet oft nicht
eine große Maßnahme über das Überleben vieler Tiere, sondern das
Verhalten jedes Einzelnen. Wer heute nur den niedrigen Wasserstand sieht,
sieht nur die halbe Wahrheit. Entscheidend ist das, was unter der
Wasseroberfläche geschieht.
Quelle: Andreas Langner, Pressewart D‘ Wörthseefischer e. V.
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