Die Invasion der Insekten
Was unser Fotograf Edwin Hartwich an der Naab erlebt hat, war kein gewöhnlicher Köcherfliegen-Schlupf – sondern eine regelrechte Invasion. Mit der Kamera hat er dieses seltene Naturschauspiel festgehalten.
Fische im Fressrausch
Was war hier bloß los? Die Fische spielten verrückt. Überall im Wehrauslauf durchstießen Fischmäuler die Oberfläche, schnappten nach Insekten. Ganze Wolken von Fliegen schwärmten. Das war völlig untypisch für diese Jahreszeit.
Wir haben Ende April, die erste warme Periode des Jahres. Ein schwülwarmer Tag lag drückend über dem Fluss.
Ungewöhnlich für die Naab als Gewässer
Und dieses rege Steigen war auch untypisch für dieses Gewässer. Denn Edwin stand zur Mittagszeit nicht etwa vor einem Forellenbach, sondern vor seinem Hausgewässer, der Naab in der Oberpfalz.
Hier, rund 40 Kilometer unterhalb der Quelle, ist sie etwa 20 Meter breit. In diesem Abschnitt fängt er zwar keine Salmoniden, dafür alles andere von Aal bis Zander. Die Gewässergüte wird mit 2,0 bis 2,5 angegeben.
Ein Massenschlupf
Nun trat er näher an das Wasser heran, um das Spektakel im Detail zu sehen. An allem, was aus dem Wasser ragte – an Steinen, Hölzern und Gräsern – ballten sich die Fliegen zu regelrechten Trauben.
Es war eine Invasion der Insekten, ein spektakuläres Schauspiel, wie er es hier nie zuvor gesehen hatte.
Welche Insekten sind das?
Doch um welche Art von Insekt handelte es sich eigentlich?

Bild: E. Hartwich
Die Grannom (Brachycentrus subnubilus) ist eine der ersten Köcherfliegen die im Frühling erscheinen.
Erst jetzt erkannte Edwin, dass es eine Art Köcherfliege war, die wir im Volksmund als Erlenfliege bezeichnen. Über den richtigen Artnamen hatte er sich bislang keine Gedanken gemacht. Aber war das in diesem Moment wirklich wichtig?
Ein einzigartiges Naturtschauspiel
Er war der einzige Zuschauer dieses wunderbaren Schauspiels – ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass alles Leben aus dem Wasser kommt.
Dieses Schauspiel musste er einfach festhalten. Also lief er zum Auto, schnappte seine Kamera und ging in Position.
Der Blick durch die Kamera
Es ist erstaunlich: Wenn er durch den Sucher der Kamera schaut – gerade auf kleine Lebewesen wie Insekten – öffnet sich eine neue Dimension.
Die ganze Welt verengt sich auf dieses eine Motiv, von dem er jedes Detail erfassen will, dem er sich aus verschiedenen Perspektiven nähert, das seine ganze Konzentration auf sich zieht.

Bild: Edwin Hartwich
Blick unter die Oberfläche: Dicht an Pflanzen und Strukturen haften die abgelegten Eigelege der Köcherfliegen – ein entscheidender Moment im Lebenszyklus der Insekten.
Rätselhafte Wanderung der Insekten
Und so bemerkte er nach den ersten Aufnahmen, dass hier eine Wanderung in zwei Richtungen stattfand:
Viele dieser Insekten krochen als fertig ausgebildete Fliegen wieder ins nasse Element und bewegten sich am Gewässergrund. Der Flussboden war an dieser Stelle mit einer geleeartigen Masse bedeckt.
Was war das bloß? Eine klare Antwort darauf hatte er nicht. Immerhin fiel ihm inzwischen der Name des Köcherfliegen-Typus ein: Es dürfte sich um die Gattung Brachycentrus subnubilus handeln.
An dieser Sonderration Eiweiß, die sich großzügig über die Oberfläche verteilte, labten sich so ziemlich alle Fische, die ein Maul zum Einschlürfen hatten: Döbel, Lauben, Rotaugen, ja sogar Güstern und Brassen.
Doch noch spannender war für ihn die Wanderung der Insekten. So etwas hatte er noch nie gesehen: dass ein Insekt voll entwickelt wieder ins Wasser und an den Gewässerboden zurückkehrt. Aus welchem Grund?
Ein kurzes, intensives Schauspiel
Die Aufnahmen zeigen die Insekten bei ihrem Unterwasserausflug.
Das Schwärmen wurde nach etwa zwei Stunden merklich schwächer. Am nächsten Tag konnte Edwin nur noch vereinzelt Insekten dieser Gattung ausmachen. Der Spuk war vorbei – und mit ihm die steigenden Fische.

Bild: Edwin Hartwich
Dicht gedrängt sitzen die Köcherfliegen am Ufer – ein typisches Bild während eines Massenschlupfs, bei dem sich die Insekten in großen Mengen sammeln.
Die „Greentail“ im Porträt
Beim Nachschlagen in seinem Buch „Entomologie für Fliegenfischer“ stellte er fest, dass Brachycentrus subnubilus in ganz Europa vorkommt.
Die Engländer nennen diese Art „Grannom“ oder „Greentail“, weil ihr Körper beziehungsweise die Eier grün sind. Diese Köcherfliege gehört zu den bekanntesten Arten und bevorzugt größere Flüsse und Ströme.
Für Fliegenfischer besonders interessant: Der Schlupf findet meist am Tag statt – in diesem Fall sogar zur Mittagszeit – und häufig in großen Mengen. Wo Pflanzen wachsen, kommt das Insekt am häufigsten vor. Genau dort stehen auch die guten Fische.
Köcherfliegen Informationen
Aussehen: Der Hinterleib meist gelbgrün bis giftgrün. Flügel braun bis dunkelbraun gefärbt, Fühler meist schwarz. Die Beine überwiegend hellbraun wie der Thorax. An den Flügeln ist ein deutliches Muster von Adern zu erkennen.
Eiablage: Nachmittag und Abend. Die durchscheinenden, intensiv grünen Eier geben der Art den Namen „Greentail“.
Schwärmzeit: April bis Juli – abhängig von der Wassertemperatur.
Bedeutung: Eine der wichtigsten Köcherfliegenarten in unseren Breiten.
Das Binden und Nachahmen dieser Art dürfte keine Probleme bereiten…
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