Um langfristige Veränderungen in den Meeren zu verstehen, fehlt es Wissenschaftlern oft an historischen Proben. Genau hier setzte die ungewöhnliche Idee der Forscher an. Sie griffen zu archiviertem Dosenlachs.
„Wir müssen unseren Blick wirklich öffnen und kreativ darüber nachdenken, was als ökologische Datenquelle dienen kann.“, erklärte die Forscherin Natalie Mastick, Postdoc am Peabody Museum of Natural History der Yale Universität.
Für die Studie öffnete das Team 178 Konservendosen mit Lachs aus Alaska, die über einen Zeitraum von 42 Jahren gesammelt worden waren. In den Fischfilets zählten sie sogenannte Anisakiden. Das sind kleine parasitäre Würmer, die beim Konservierungsprozess bereits abgetötet wurden.
Warum Parasiten ein gutes Zeichen sein können
Viele Angler haben solche Würmer, die auch als Nematoden bezeichnet werden, schon selbst in Fischen gefunden. Meist sind diese als „Kringel“ in Filet oder Organen der Fische zu finden. Besonders regelmäßig zum Beispiel in Norwegen. Der Fund von Würmern im Dosenlachs mag zunächst abschreckend wirken und kein Angler möchte sie in seinen Filets. Doch die Wissenschaft sieht auch die positiven Seiten.
„Jeder geht davon aus, dass Würmer in deinem Lachs ein Zeichen dafür sind, dass etwas schiefgelaufen ist. Aber der Lebenszyklus der Anisakiden umfasst viele Bestandteile des Nahrungsnetzes. Ich sehe ihr Vorkommen als ein Signal dafür, dass der Fisch auf deinem Teller aus einem gesunden Ökosystem stammt.“, so die Forscherin Chelsea Wood, leitende Autorin der wissenschaftlichen Publikation.
Diese Parasiten durchlaufen einen komplexen Lebenszyklus mit mehreren Wirten. Diese reichen von Kleinstlebewesen über Fische bis hin zu Meeressäugern. Nur wenn all diese Bestandteile vorhanden sind, können sie sich erfolgreich vermehren.
Steigende Parasitenzahlen im Dosenlachs
Die Auswertung zeigte: In bestimmten Lachsarten (Keta- und Buckellachs) haben die Parasiten im Dosenlachs zwischen 1979 und 2021 deutlich zugenommen. Bei anderen Arten blieben die Werte stabil.
„Anisakiden haben einen komplexen Lebenszyklus, der viele verschiedene Wirte erfordert. Dass ihre Zahlen im Laufe der Zeit zunehmen, wie wir es beim Buckel- und Ketalachs beobachtet haben, zeigt, dass diese Parasiten alle richtigen Wirte finden und sich vermehren konnten. Das könnte auf ein stabiles oder sich erholendes Ökosystem hindeuten, so Mastick.“
Anisakiden starten als freischwebende Organismen im Meer. Sie gelangen über Krill in die Nahrungskette, werden von Fischen gefressen und landen schließlich in Meeressäugern, wo sie sich fortpflanzen. Fehlt ein Glied dieser Kette, bricht der Zyklus zusammen.
„Wenn ein Wirt fehlt – zum Beispiel Meeressäuger –, können Anisakiden ihren Lebenszyklus nicht vollenden und ihre Anzahl wird zurückgehen“, so Wood.

Bild: Illustration: KI
Der Lebenszyklus der Nematoden oder Anisakiden ist komplex – viele verschiedene Organismen sind beteiligt.
Sind die Würmer im Dosenlachs gefährlich?
Für Verbraucher besteht übrigens kein Grund zur Sorge: Im Dosenlachs sind die Parasiten bereits abgetötet und ungefährlich. Nur in rohem oder unzureichend gegartem Fisch könnten lebende Anisakiden gesundheitliche Probleme verursachen.

Bild: Adobe Stock / WH_Pics
Die Nematoden kennen vor allem Norwegenangler. Meist findet man sie eingekringelt in den Organen oder dem Filet der Fische.
Warum nehmen die Parasiten zu?
Ein möglicher Grund für den Anstieg liegt im Schutz von Meeressäugern. Maßnahmen wie das US-amerikanische Gesetz zum Schutz mariner Säugetiere haben dazu geführt, dass sich Bestände von Robben, Orcas und Seelöwen erholt haben.
„Anisakiden können sich nur im Darm eines Meeressäugers fortpflanzen. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass ihre Zahlen in unserem Untersuchungszeitraum – von 1979 bis 2021 – gestiegen sind, weil es mehr Möglichkeiten zur Fortpflanzung gab“, erklärte Mastick.
Auch Umweltmaßnahmen wie der „Clean Water Act“ und steigende Meerestemperaturen könnten eine Rolle spielen.
Dosenlachs als Schlüssel zur Vergangenheit
Die Studie zeigt: Dosenlachs ist weit mehr als nur ein Lebensmittel – er kann als wertvolle Datenquelle dienen. Archivierte Konserven ermöglichen einen seltenen Blick in die Vergangenheit der Ozeane. „Wir können diese Einblicke in vergangene Ökosysteme nur gewinnen, indem wir uns vernetzen und Verbindungen herstellen, um ungenutzte historische Datenquellen zu erschließen“, betonte Wood.
Originalpublikation:
Natalie Mastick, Rachel Welicky, Aspen Katla, Bruce Odegaard, Virginia Ng, Chelsea L. Wood. Opening a can of worms: Archived canned fish fillets reveal 40 years of change in parasite burden for four Alaskan salmon species. Ecology and Evolution, 2024; 14 (4) DOI: 10.1002/ece3.11043
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