„Zchhhhhhtrrr“. Mein Strohhalm saugt die letzten Milliliter Latte Macchiato aus den Tiefen des Plastikbechers. Das Geräusch hallt noch kurz nach. Zwei von vier weiteren Personen, mit denen ich mir den Wartebereich an Gate 6 teile, blicken mich stirnrunzelnd über den Rand ihres Smartphonedisplays an. ’Tschuldigung. Der Kaffee war lecker. Wir schreiben den 26. Februar 2026. Flughafen Doha, Katar.
Ich bin dem Chaos nur knapp entkommen. Zwei Tage später stranden über 8.000 Passagiere in Folge des Kriegsbeginns in Doha. Der Flughafen ist direkt von Angriffen bedroht. Hätte ich meinen Flug nur zwei Tage später gewählt, würde ich diese Zeilen nicht aus Thailand verfassen, sondern mitten aus dem Krisengebiet. Stattdessen reise ich reibungslos in Thailand ein. Mehr oder weniger. Über mein verschwundenes Gepäck (hab’s wieder) und meine verschwundene Kreditkarte (hab’s nicht wieder) schweigen wir.

Bild: F. Pippardt, mit KI seitlich erweitert
Die Ruhe vor dem Sturm: Die Sonne geht in Doha auf, 26.02.2026.
27.02.2026. Diesen einen Tag in Thailand erlebe ich unbeschwert. Dann überschlagen sich die Nachrichten. Und mit ihnen natürlich auch die Gedanken meiner kleinen Reisegruppe. Neben fassungsloser Teilnahme an den Geschehnissen über Social Media kommt irgendwann die Frage auf, was denn eigentlich mit unserem Rückflug passiert? Nach Doha will keiner.
Anmerkung
Dieser Absatz sollte eigentlich der Abschluss werden, ich finde aber, seine Gewichtung ist zu groß für ein Schlusswort: Krieg ist Krieg. Und Krieg ist schrecklich. Ich stelle meinen anglerischen Notfallplan im gescheiterten Strandurlaub ein bisschen salopp dar; auch, um mich selbst nicht allzu sehr über das Chaos zu ärgern. Dennoch ist all das, was uns Urlauber aufhält; wie viel wir extra bezahlen und wie lange wir außerhalb der Krisengebiets warten müssen, völlig unerheblich verglichen mit dem Leid der Menschen innerhalb der betroffenen Region. Man kann sich über stornierte Flüge ärgern, darf aber den Bezug zur Realität nie verlieren.
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Fishing Shop – wie bin ich denn hier gelandet?
Qatar Airways ist erstmal ebenso ratlos wie wir alle. Tägliche Updates auf Social Media versprechen quasi nur eins: „Wir wissen nicht, wann es weiter geht“. Woher denn auch? Doch diese Ungewissheit ändert nichts an der Tatsache, dass wir einen Rückflug brauchen. Und als wir dann entscheiden, erstmal irgendeinen Ersatz buchen, schläft uns beim Googeln das Gesicht ein. Nachfrage bestimmt Angebot. Die Preise sind extrem. Schon mal über 3000 Euro für einen Economy-Flug bezahlt? Ohne Rückflug? Nein? Ich glaube, da gibt’s auch nicht so viele …
Bis weit in die Nacht recherchieren wir einen halbwegs moderaten Rückflug, der uns mit 4 Tagen Delay dann auch irgendwann ins Auge springt. Über Südkorea nach Amsterdam. Mein Auto steht in Frankfurt. Reden wir nicht drüber …

Bild: L. Böckler
Eine Reiserute gab’s in Big M’s Fishing Shop. Dazu eine günstige Statio und ein 18er Geflecht.
Dass diese Zeit in Thailand bis dato keineswegs auch nur in ansatzweiser Form das Wort „Urlaub“ tangiert, sollte klar sein. Unsere Zeit verbringen wir zwar irgendwie physisch am Strand, zeitgleich aber immer auf Booking.com, Flightradar oder irgendwelchen Nachrichtenseiten. Psychoterror. Ich muss an etwas Positives denken. Jeder Angler, also jeder von euch, versteht mich, wenn ich jetzt erzähle, dass mein allererster Spaziergang nach erfolgreicher Flugbuchung, Hotelstornierung, Zug-, Fähren- und Hotelneubuchung im „Big M Fishing Shop“ auf Koh Pangan endet. Huch, wie bin ich denn hier gelandet?
Am Zen Beach mit dem Billo-Popper
Big M ist zwar erstmal körperlich das exakte Gegenteil seiner Fachgeschäftsbezeichnung, sein breites Grinsen hingegen rechtfertigt den Namen auf der blauen Werbetafel dann doch. „Sawadee Krap“, begrüßt er mich auf thailändisch. Die Floskel habe ich auch drauf, aber für den Rest fehlt mir der sprachliche Tiefgang. Deshalb geht’s auf Englisch weiter: Was fange ich am Zen Beach? Einer der bekanntesten Hippie-Strände der Region. Aber keiner der Hippies hat am Abend zuvor die zwei fetten Bugwellen in der zweiten Rinne gesehen. „Wahrscheinlich kleinere Barracuda“, erklärt mir Big M. Jetzt habe ich sein Grinsen übernommen. „Was brauche ich?“ – und ich bin kurz darauf nochmal etwas ärmer. Aber ich sage euch, wenn ihr vorher einen Flug bucht, sind Angelköder im Vergleich ein Schnapper. Besonders in Thailand.

Bild: Google Maps
Manchmal tut man als Angler Dinge, die man tun muss. Nicht, weil sie besonders klug sind … sondern weil die Riffkante eben 800 Meter entfernt ist …
Einen Billo-Popper, vier unterschiedlich schwere Jigs, einen stinknormalen Blinker, eine Packung „Gulp!“-Gummifische (die nichts mit dem Original zutun haben), eine Spule 50er Mono, etwas Stahlvorfach und eine sehr instabile aber günstige Stationärkombi mit 0,18er Geflecht sind meine neue Ausrüstung für das Abenteuer im warmen Salzwasser. AKA die gedankliche Überbrückung dieses Zustands. AKA der Kompensationskauf.
Mein Rat an dieser Stelle: Packt euch immer irgendeine Reiserute mit ein. Ich hatte sie vor Abflug im Keller in meiner Hand und habe mich dagegen entschieden, sie mitzunehmen. Fragt mich nicht, wieso. Um es wie Qatar Airlines zu sagen: Ich weiß es nicht. „War doch eh klar, dass ich angeln gehe!!!“, wie ich meinem Redaktionskollegen Johannes Müller am selben Tag noch schreibe. Egal.
Giftfrei dank AI
Zen Beach. Erste Sandbank. Wir haben Hochwasser. Das Wasser steht mir bis zum Hals. Kein Scherz – durch die erste Rinne bin ich geschwommen, die Rute zwischen den Zähnen. Die Kombi: 30 Euro. Die Blicke am Strand: Unbezahlbar. Vor allem deshalb, weil sich ein Einheimischer entschieden hat, mit seinem Angelboot exakt (!) vor mich zu stellen und mit mir dieselbe Rinne zu befischen. Der steht nur über Wasser und kann schön weit werfen, ich auf Zehenspitzen mit Schulterschmerzen. Und dennoch schnappt sich schon beim allerersten Wurf eine Meerbrasse den Löffelblinker.

Bild: S. Hartmann
Erster Wurf mit dem Löffelblinker: Meerbrasse. Harmlos. Auch für die Badegäste am Zen Beach.

Bild: S. Hartmann
Der Zackenbarsch vom Zen Beach. Nicht giftig, aber sticht ein bisschen. Sein gutes Recht …
Kein Spaß: Kumpel Steven kommt mit Smartphone in der Plastiktüte durch die erste Rinne gewatet, guckt kurz auf Chat GPT, ob ich den Fisch zum Hakenlösen anpacken kann – irgendeinen Giftstachel in der Hand brauche ich in diesem Urlaub bestimmt nicht mehr, und ganz bestimmt nicht auf der ersten Sandbank. Da holt mich kein Krankenwagen. Die ungiftige Brasse schwimmt mit neuen Erfahrungen wieder im Wasser, dann passiert etliche Würfe nichts mehr. Köderwechsel auf meinen neuen Twitchwobbler, Zack, da hängt Fisch Nummer 2. Chat GPT definiert ihn als Zackenbarschart. Ebenso harmlos. Zum Glück, denn der kleine Kollege sticht mich beim Hakenlösen ein bisschen in den Finger. Ich kann ihn ja auch verstehen. Gefangen werden will keiner. Übrigens hatte ich beide Fische auch als Vertreter ihrer Art eingeschätzt, nicht, dass ihr an meiner Qualifikation zweifelt. Soweit kommt’s noch – aber nach allen Ereignissen will ich einfach nichts mehr dem Zufall überlassen. Chat GPT’s Fehlerquote mal außen vor …

Bild: L. Böckler
Die Piers in Koh Pangan brachten keinen Erfolg. Besser waren die Sandstrände und flachen Riffs – doch in letzteren ist Vorsicht geboten, wo man hintritt!
Wenn ein Thai nicht lacht, ist er richtig sauer
Naja gut. Zwei kleine Racker hat mir der Golf von Thailand geschenkt. Aber ich kann euch eins sagen: Das spiegelt nicht den Einsatz wieder, den ich betrieben habe, um sie zu fangen. Zen Beach ist ein netter Start und gibt mir Hoffnungen, doch alle weiteren Experimente scheitern. Ich leihe ein Kayak. Ich teste die Bootsanleger und verhake mich versehentliche mit Locals beim Tintenfischangeln (wenn ein Thai mal nicht lächelt, ist er wirklich sauer, das sage ich euch). Ich laufe sogar 800 Meter in Badelatschen über eine flache Riffstruktur, um an die Fahrwasserkante zu kommen. Drei dicke Bugwellen sind am Ende dieser Reise alles, was ich vom erhofften Barrakuda zu sehen bekomme. Zwei davon sind klare Attacken auf meinen 2 Euro-Billo-Popper, einer interessiert sich für meinen Jig. Keiner bleibt hängen.
Apropos hängen bleiben (man könnte fast meinen, ich setze hier gezielte Überleitungen): Watangeln im Thailändischen Golf ist wie Minensuchen. Verzeiht mir den Kriegsvergleich – doch googelt bitte mal nach „Thailand Seeigel“ und ihr werdet genau wissen, was ich meine. Auf jeder flachen Riffstruktur, die ich heroisch mit meinen Badelatschen betrat, lagen diese stacheligen Ottos in Kolonien zwischen den Steinen. Es grenzt an mehrere Wunder, dass ich mir keinen einzigen quer durch die Adilette gedrückt habe. So richtig giftig sind sie zwar nicht, sagt die KI, aber extrem schmerzhaft. Dann lieber ein Sonnenbrand …







