Wasserrahmenrichtlinie: Flüsse brauchen Rechte – jetzt!

Vor rund einem Vierteljahrhundert ging die sogenannte Wasserrahmenrichtlinie an den Start. Sie hatte zum Ziel, für alle Gewässer einen „guten Zustand“ zu erreichen – eigentlich bis spätestens 2015. Jetzt, zwei Jahre vor Ende der neuen Frist, hat unser Autor Axel Wessolowski sich den aktuellen Stand unserer Gewässer
angeschaut. Davon ausgehend fordert er mehr Rechte für Flüsse.

Wasserrahmenrichtlinie

Bild: Axel Wessolowski

Bis 2015 sollte ur- sprünglich das Ziel der Wasserrahmenrichtlinie ereicht sein und der Großteil der 400.000 km Fließge- wässer sich in einem ökologisch guten Zustand befinden. Dieses Ziel wurde sehr weit verfehlt.

Einem geliebten Menschen odereinem sehr nahe stehen den Menschen schaut man nicht tatenlos zu, wenn dieser leidet, sich quälen muss und vielleicht sogar im Sterben liegt. Auf der einen Seite möchte man instinktiv sich selbst schützen und dieses Martyrium ausblenden. Andererseits möchte man helfen, unterstützen und im besten Fall das Leiden nach Möglichkeit beenden. Einem vergleichbaren Zwiespalt sehe ich mich mit Bezug auf unsere Gewässer in den letzten Jahren immer stärker ausgesetzt. Die schlechten Nachrichten reißen nicht ab. Egal, wohin ich schaue – etwas ist immer im Argen. Einer der Gründe, warum ich Fernsehnachrichten, Tagespresse und Radio nur noch sehr reduziert und selektiv konsumiere. Nichts desto trotz bekomme ich sehr wohl mit, was dem Ökosystem angetan wird, für das ich mich schon als Kind begeistert habe. Eigentlich braucht es dafür auch keine Medien, denn bei vielen Fließgewässern erkenne ich deren ökologisches Elend auch so. Aber warum so niedergeschlagen?

Seit 25 Jahren soll die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) unseren Gewässern doch helfen, einen besseren Zustand zu erreichen oder diesen zu bewahren. Tatsächlich?

Versagen mit Ansage

Für 2027 ist der Abschluss des dritten und letzten Bewirtschaftungszeitraums der WRRL vorgesehen. Dann sollen die Gewässer unseres Landes einen naturnahen Zustand erreicht haben. Die Qualität des Wassers und der Lebensräume soll entsprechenden hohen Anforderungen genügen. Zwei Jahre vor Ende sieht es nur nicht danach aus.

Auf ihrer Website schreibt das Umweltbundesamt: „Nur rund 8 % der deutschen Bäche und Flüsse waren 2021 in einem mindestens ‚guten‘ ökologischen Zustand oder hatten ein mindestens gutes ökologisches Potenzial.“

Ein Blick auf vorherige Daten zeigt, dass 2015 gerade mal 6,7 Prozent in einem guten Zustand waren. Mit anderen Worten: Innerhalb von sechs Jahren stieg die Menge an Fließgewässern mit einem guten ökologischen Zustand lediglich um 1,3 Prozent!

Auch ohne hellseherische Fähigkeiten lässt sich darauf wetten, dass bei dieser „Erfolgsquote“ die noch fehlenden 92 Prozent nicht bis 2027 erreicht werden.

Wirklich verwunderlich ist es nicht. Denn bereits in den Ergebnissen der Bestandsaufnahme von 2004 machte das Bundesumweltministerium keine optimistische Prognose. Damals ging man bereits von 60 Prozent der Oberflächengewässer aus, bei denen eine Zielerreichung im Rahmen der WRRL unwahrscheinlich ist. Bei weiteren 26 Prozent war die Zielerreichung unsicher. Motivieren geht anders.

Lichtblicke an der Oder

Dies sind genau die Nachrichten, die ich eigentlich nicht erfahren will. Aber allein aus beruflichen Gründen bekomme ich solche News tagtäglich auf den Tisch. Tatsächlich hielt ich auch einmal ein Webinar zum Thema Verschmutzung der Oder, nachdem es 2022 zu einer ökologischen Katastrophe gekommen war. Sich mit diesem Thema zu befassen, war für mich ein Wechselbad der Gefühle. Fassungslos erfuhr ich von den Umständen, die das Einleiten salzhaltigen Wassers ermöglichten. Dem gegenüber stehen die vielen Menschen und Initiativen, die sich für die Oder einsetzen.

Beispiele wie die Freunde des deutsch-polnischen Europa-Nationalparks Unteres Odertal e. V. sind Lichtblicke und machen Mut. Und die braucht es auch, denn offensichtlich scheint die Erhaltung unserer Gewässer keine politische Relevanz zu besitzen. Wie sonst sind die minimalen Fortschritte bei der Verbesserung des ökologischen Zustands von Bächen und Flüssen zu erklären?

Ein natürlicher oder zumindest naturnaher Fluss ist nicht gerade! Flüsse benötigen ihre schlängelnde Eigendynamik, die notwendige ökologische Nischen schafft.

Bild: A. Wessolowski

Ein natürlicher oder zumindest naturnaher Fluss ist nicht gerade! Flüsse benötigen ihre schlängelnde Eigendynamik, die notwendige ökologische Nischen schafft.

WRRL ist ungeeignet

Dinge in einem größeren Zusammenhang zu verstehen, fällt dem Menschen von Natur aus nicht leicht. Gerade wenn es dabei auch um längere Zeiträume geht. Aber der Zusammenhang von „schlechten“ Flüssen, die ihr Abwasser in die Meere ablassen, und infolgedessen deren Verschlechterung ist doch gar nicht so schwer zu begreifen.

Nicht ohne Grund gibt es seit 2008 die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL). Sie soll einen Rahmen für den ganzheitlichen Meeresschutz innerhalb der EU bieten. Entsprechend eng miteinander verknüpft sind WRRL und MSRL.

Und dennoch scheint die Notwendigkeit intakter Ökosysteme in der Politik nicht anzukommen. Ich halte es auch für müßig, darüber zu diskutieren, wer wann, wo versagt hat. Es muss jetzt schnell gehandelt werden. Die WRRL jedenfalls scheint kein geeignetes Instrument zu sein.

Frösche gewinnen Gerichtsprozess

Dass Gewässerschutz nicht an den Ufern endet, dafür stehen Amphibien wie Frösche und Kröten. Sie müssen auch an Land gute ökologische Zu- stände für ein Überleben vorfinden.

Bild: A. Wessolowski

Dass Gewässerschutz nicht an den Ufern endet, dafür stehen Amphibien wie Frösche und Kröten. Sie müssen auch an Land gute ökologische Zustände für ein Überleben vorfinden.

2017 erfuhr ich von einer Sache, die ich sehr interessant fand: Neuseeland hatte dem Fluss Whanganui eigene Rechte zugestanden. Damit wurde erstmals weltweit ein Ökosystem als Rechtsperson anerkannt.

Auch Ecuador hat in seiner Verfassung die Rechte der Natur allgemein aufgenommen. In Europa erhielt die spanische Salzwasserlagune Mar Menor als erstes Ökosystem eine eigene Rechtspersönlichkeit. Mittlerweile gibt es in 45 Ländern Initiativen, die der Natur – Flüsse, Berge, Wälder – mehr Rechte geben wollen.

So ganz neu ist die Idee nicht: Schon 1972 fragte sich der amerikanische Juraprofessor Christopher Stone, wenn sogar Unternehmen und Schiffe als juristische Personen anerkannt werden – warum dann nicht auch die Natur?

Und es gibt konkrete Beispiele: 2020 wurde ein bereits genehmigtes Bergbauprojekt in Ecuador wieder gestoppt. Zwei bedrohte endemische Froscharten waren vor Gericht gezogen – vertreten durch die Biologin Andrea Terán Valdez – und hatten recht bekommen.

Bachforellen klagen an

Es heißt, Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und dennoch andere Ergebnisse zu erwarten. Ähnlich verhält es sich aus meiner Sicht mit den Umweltmaßnahmen und -projekten, die unsere Fließgewässer „gesünder“ machen sollen.

Vereinsprojekt: Diese Bachforellen stammen aus keiner Zuchtanlage, sondern wuchsen in einem Bach auf. Die befruchteten Eier stammen von Elterntieren, die im benachbarten Gewässer gefangen wurden.

Bild: A. Wessolowski

Vereinsprojekt: Diese Bachforellen stammen aus keiner Zuchtanlage, sondern wuchsen in einem Bach auf. Die befruchteten Eier stammen von Elterntieren, die im benachbarten Gewässer gefangen wurden.

Um noch mal den Finger in die Wunde zu legen: Die WRRL hat in den letzten 25 Jahren weniger als 10 Prozent an Fließgewässern hervorgebracht, deren ökologischer Zustand als gut zu bewerten ist. Für die fehlenden rund 90 Prozent bleiben noch zwei Jahre. Ich habe ein gutes Gefühl… Da helfen auch plakative Titel wie „Natura 2000“ nicht. Obwohl sich dahinter ein europaweites Netz aus Schutzgebieten verbirgt, stellt es keinen ausreichenden Schutz für Bäche dar. Mich begeistert die Vorstellung, dass Fische vor Gericht ziehen könnten.

Den gesamten Artikel kann man in Fliegenfischen 01/2026 lesen.

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