Die sogenannten Schwefelmollys leben in schwefelhaltigen Gewässern im tropischen Dschungel Südmexikos. Weil nur direkt unter der Wasseroberfläche genügend Sauerstoff vorhanden ist, schwimmen die kleinen Fische dicht gedrängt an der Oberfläche – und werden dadurch zur leichten Beute für räuberische Vögel. Um sich zu schützen, reagieren die Fischschwärme mit synchronisierten Tauchbewegungen. Diese breiten sich wie sichtbare Wellen über die Wasseroberfläche aus und erinnern an eine La-Ola-Welle im Fußballstadion. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass diese kollektiven Bewegungen den Jagderfolg der Räuber deutlich reduzieren.

Bild: Juliane Lukas
Die giftigen Schwefelseen in Mexiko.
Räuber ändern ihre Jagdstrategie
Für die aktuelle Studie analysierten Forschende rund 800 Angriffe verschiedener Vogelarten auf die Fischschwärme. Dabei zeigte sich: Auch die Räuber passen ihr Verhalten gezielt an. Eisvögel wie Amazonasfischer und Grünfischer griffen bevorzugt die Randbereiche der Schwärme an. Dort lösten ihre Attacken deutlich schwächere kollektive Wellen aus als im Zentrum der Fischgruppen. Angriffe mitten in den Schwarm waren zwar erfolgreicher, führten aber auch zu stärkeren Abwehrreaktionen der Fische. Der Schwefelmaskentyrann nutzte dagegen eine andere Taktik: schnelle Überflüge knapp über der Wasseroberfläche. Dadurch konnten einzelne Fische oft erbeutet werden, bevor der Schwarm überhaupt reagieren konnte.
Attacken bleiben im Schwarmgedächtnis
Besonders spannend war für die Forschenden jedoch das Verhalten der Fischschwärme selbst. Wenn Angriffe räumlich oder zeitlich dicht aufeinander folgten, reagierten die Schwefelmollys beim nächsten Angriff deutlich stärker. Die Wissenschaftler sprechen von einem sogenannten „Priming“. Dabei beeinflussen frühere Erfahrungen, wie stark ein System später reagiert. Bekannt ist dieses Prinzip bislang vor allem aus dem Gehirn oder dem Immunsystem. Dass ein ähnlicher Effekt offenbar auch in einem Fischschwarm auftreten kann, gilt als außergewöhnlich.
„Der Schwarm scheint Informationen über vergangene Gefahren kurzfristig im kollektiven Gedächtnis zu speichern“, erklärt Erstautor Korbinian Pacher vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB).
Dynamischer Wettkampf zwischen Räuber und Beute
Die Studie zeigt eindrucksvoll, wie komplex das Verhalten von Fischschwärmen sein kann. Während die Räuber versuchen, die kollektiven Abwehrreaktionen zu umgehen, reagieren die Fische offenbar mit einer Art kurzfristigem Schwarmgedächtnis. Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Fachjournal Proceedings of the Royal Society B. Beteiligt waren Forschende des Exzellenzclusters „Science of Intelligence“ sowie des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei.






