von Thomas Pruß und Christoph Scheuring
Gegen den bereits begonnenen, flächendeckenden Kahlschlag entlang der Mitteleider hat sich eine neue Initiative gegründet: Die Schutzgemeinschaft Mitteleider!
Am 1. Oktober beginnt wieder die Fällsaison. Deshalb haben sich jetzt diverse Naturschutzvereine sowie Verbände wie der BUND und der NABU zur„Schutzgemeinschaft Mitteleider“ zusammengeschlossen.
Ihr Ziel: kurzfristig ein Stopp der im vergangenen Winter begonnenen Fällarbeiten. Und langfristig: die Entwicklung der Mitteleider zu einem naturnahen, baumbestandenen Schutzgebiet für Pflanzen und Tiere und zu einem möglichst intakten Erholungsraum für die Menschen in der Region. Die erste Maßnahme der neuen Initiative ist ein 20 Punkte umfassender Fragenkatalog, der jetzt an verantwortliche Personen, Behörden und Verbände verschickt wurde. Angefangen beim ausführenden Eider-Treene-Verband über die Naturschutz- undWasserbehörden der Kreise bis hin zum schleswig-holsteinischen Umweltminister, Tobias Goldschmidt.
„Wir glauben“, sagt Hans-Gerhard Dierks vom Naturschutzverein Stapel, „dass die flächendeckenden Rodungen der Gehölze auf 50 Kilometer Flusslänge einen so katastrophalen Eingriff in die Natur darstellen, mit solch weitreichenden Folgen für Tiere und Pflanzen, für das Wasser, für das Klima und für das Landschaftsbild, dass so einBeschluss ohne umfassende und sorgfältigste Prüfung nicht umgesetzt werden darf. Und unser Eindruck ist: Hier wurde so gut wie gar nichts geprüft. Stattdessen scheint derBeschluss zur Gehölzentfernung allein den allgemeinen Grundsätzen der Deichsicherheitund der dazugehörenden Deutschen Industrie-Norm (DIN) 19712 zu folgen.“
Kein „genormter“ Fluss

Bild: Thomas Pruß
Die Eider ist schleswig-Holsteins größter Fluss. Sie ist bis zu 300 m breit und bis zu 20 m tief!
Dabei ist die Mitteleider – die etwa 50 Kilometer lange Strecke des Flusses zwischen der Eiderabdämmung Schleuse Nordfeld und Lexfähre – nach Überzeugung der Schutzgemeinschaft alles andere als ein „genormtes“ Gewässer.
„Das Besondere an der Mitteleider ist“, so erklärt es der Journalist Christoph Scheuring aus Kleve, „dass der Fluss einerseits durch das Eidersperrwerk und die Eiderabdämmung Schleuse Nordfeld von den Sturmfluten der Nordsee entkoppelt ist. Und dass andererseits Starkregenphasen im Oberlauf auch nicht in der Mitteleider ankommen, sondern in denNord-Ostsee-Kanal entwässern. So etwas gibt es in Deutschland kein zweites Mal. Sowohl die Fließrichtung als auch die Wasserstände werden hier technisch gesteuert. Die Gefahr eines Hochwassers in Form einer plötzlichen Naturkatastrophe existiert an der Mitteleider mehr oder weniger nicht.“

Sorgen sich um die Zukunft der Bäume entlang der Eider (v.l.): Steve Gröne, Thomas Pruß, Chriostoph Scheuring. Foto:Thomas Pruß
Info Mitteleider:
Als Mitteleider bezeichnet man die Strecke zwischen der Eiderabdämmung Nordfeld nahe Friedrichstadt und Rendsburg. Das sind rund 80 km. Die sogenannte Obereider – von der Quelle bis nach Rendsburg – wird durch den Nord-Ostseekanal vom Rest des Flusse abgeschnitten und entwässert in den Kanal.

Bild: Thomas Pruß
Viele Bäume – hier z. B. eine Rosskastanie – haben sich im Laufe der Ueit selbst angesiedelt
Auf 50 km zwischen Nordfeld und der Schleuse Lexfähre begleiten Deiche die Eider. Die auf den Deichen wachsenden Bäume – viele davon Pappeln – wurden in den 60er Jahren mit dem Ziel der Holzgewinnung angelegt. Andere Bäume wie Eichen, Buchen, Ahorn, Eschen usw. haben sich selbst angesiedelt. Dadurch ist mit den Jahren ein wertvoller und artenreicher Lebensraum entstanden, der zudem den Fluss mit seinen zahlreichen Windungen und Kehren in der flachen Landschaft Schleswig-Holsteins erst „sichtbar“ macht.
Der Baumbestand beschattet auch die Ufer, sorgt also auch für kühle Bereiche im sommerwarmen Wasser. Das kommt natürlich den Fischen bzw. ihrer Brut zugute. Beispiel für weitere Tieraten, für die die Bäume wichtig sind: als Horstbäume oder Warte für Greifvögel – im Deljekoog, gebildet durch eine große Eiderschleife – brütet der Seeadler. Der Fischadler wird als regelmäßiger Durchzügler beobachtet. Zahlreiche Singvögel nisten in den Bäumen, und allein die Pappeln bieten mehr als 30 Insektenarten ein Zuhause. Fledermäuse, allen voran die Wasserfledermaus, nutzen die groben Rinden der Bäume als Tagesversteck usw.

Eider bei Jeppern. Sichtbar ist die Eiderkurve zwischen km 72 und 71,5. Die rechtsseitig stehenden Bäume wachsen direkt an und auf dem Deich und wären von den Fällungen betroffen.
Fragen über Fragen!
Warum müssen dann aber trotzdem ca. 5.000 Bäume gerodet werden? Das ist der zentrale Punkt des verschickten Fragenkatalogs.
Einige Beispiele aus diesem Fragenkatalog:
• War die spezielle hydraulische Situationder Mitteleider Gegenstand der Beschlussfindung?
• Existiert eine spezielleGefahrenanalyse für die Mitteleider?
• Welche Gutachten wurden hierzu erstellt?
• Wurden die Folgen für die Umwelt im Vorweg ausreichend thematisiert?
• Wurde überhaupt eine Bestandsaufnahme aller geschützten Tier- und Pflanzenarten gemacht?
• Welche Ausgleichsmaßnahmen wurden geplant, um den Verlust gefährdeterPflanzen und Tiere aufzufangen?
• Wurde der genaue Standort der Bäume berücksichtigt: Stehen sie im Uferbereich, auf dem Schutzstreifen oder auf dem Deich selbst?
• Wurden die Folgen der Fällungen für die Vogelwelt und für die Fledermauspopulation diskutiert?
• War die Wassertemperatur ohne die jetzige Verschattung der Ufer ein Thema?
• Und welche Folgen hätte das wiederum für die Fische, den Bewuchs, dieFließgeschwindigkeit und den Sedimenteintrag im Uferbereich?
Weitere Fragen der Schutzgemeinschaft beschäftigen sich mit dem Verwaltungsvorgangals solchem. Auch die Finanzierung der millionenschweren Maßnahme ist in dem Schreiben ein Thema.

Bild: Thomas Pruß
Bäume am Eiderufer in Hennstedt-Horst. Der eigentliche Deich ist als grüne Linie im Hintergrund sichtbar. Entfernung vom Ufer bis 50 m.
Unverhätnismäßig und grotesk!
„Unsere Fragen richten sich dabei ausdrücklich nicht gegen einzelne Behörden oder Verbände“, erläutert Steve Gröne. Gröne ist sowohl Gründungsmitglied der Schutzgemeinschaft Mitteleider als auch Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und des BUND Nordfriesland. „Es geht uns hier nicht darum, Versäumnisse aufzuzeigen“, sagt er, „sondern darum, einen gesellschaftsweiten Diskurs in Gang zu setzen, der sich mit der Bedeutung der Mitteleider für unser Land und unser Klima auseinandersetzt. Gerade in der heutigen Zeit, in der um uns herum quadratkilometerweise die Wälder brennen und Ernten verdorren und wir allein in diesem Sommer bereits 15.000 Hitzetote zu beklagen haben, ist eine fachlich unnötige Rodung von schattenspendenden, klimaregulierenden Kohlendioxid-Speichern nicht nur unverhältnismäßig. Sie ist grotesk!“
Aus diesem Grund will die Schutzgemeinschaft Mitteleider jetzt alle politischen und rechtlichen Möglichkeiten nutzen, um zuallererst einen vorläufigen Stopp der Rodungen zu erwirken.
Artenreiches Paradies

Bild: yathin-sk-cc-by-sa-3-0.jpg
Auch der Seeadler, der sich gerade an der Mitteleider wieder angesiedelt hat, ist durch die Rodungen extrem bedroht

Bild: Thomas Pruß
Der Süßwasserschwamm wächst in der Eider. Neben den zahlreichen Muscheln einer der wichtigsten „Wasserklärer“ im Fluss
„Wenn ein 70-jähriger Baum gefallen ist, richtet ihn nichts in der Welt wieder auf“, betont dann auch der Journalist und Agrarbiologe Thomas Pruß, der als Angler viele Stunden seines Lebens auf der Eider verbringt. „Es bräuchte 100 Jungbäume, um allein die CO2-Speicherung eines solchen Baums aufzuwiegen. Und seine Bedeutung als Klima-Puffer und als Habitat anderer Lebewesen ist durch Neupflanzungen schon gar nicht ersetzbar. Uns ist es deshalb wichtig, aufzuzeigen, welchen Schatz wir da vor unserer Haustür haben. Und was wir für immer verlieren würden, wenn das Kettensägen-Massaker ungebremst fortgesetzt wird. Uns ärgert es sehr, dass die Mitteleider von Behörden und Medien oftmals dargestellt wird als eine triste Wasserstraße mit einem Spalier lästiger Pappeln an ihren Ufern. Die baumbestandene Mitteleider ist ein artenreiches Paradies. Und sie ist das Herz Schleswig-Holsteins.“

Bild: Guido Gerding CC BY-SA 3.0
Die Wasserfledermaus gehört wie alle Fledermäuse zu den stark bedrohten Arten. Ihr Lebensraum an der Eider würde der Kettensäge zum Opfer fallen!

Die Grüne Mosaikjunger (oben) und der Plattbauch (unten) würden mit den Bäumen ebenfalls verschwinden.

–






