Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

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10.5.2020; Victoria

Beitragvon cohosalmon » 13.05.2020 - 1:09

Muttertag ist eigentlich kein Angeltag. Da Zusammenkuenfte mit Freunden oder weiterer Familie weiterhin untersagt sind, waechst man eben als Haushaltfamilie noch enger zusammen und faengt auch an die Vorlieben und Hobbies enger miteinander zu teilen. So jedenfalls erklaere ich mir den Muttertagswunsch meiner Frau mit allen 3 ihrer Jungs ihren Ehrentag auf dem Boot auf dem Meer zu verbringen. Es war ein herrlicher Fruehsommertag mit 26 Grad Lufttemperatur, nur ein wenig Wind und greller Sonne. Ich montierte den Bootsgrill und besorgte Bratwuerstchen mit allem Zubehoer. Die Jungs machten 3 Pilkruten fertig und dann ging es am spaeten Morgen los. An der Bootrampe war kaum Wasser – es war extrem niedrige Ebbe. Ich war froh das mein Boot kaum Tiefgang hatte und der Propeller nur so 40 cm unter Wasser war. Groessere Boote haetten um diese Zeit gar nicht raus-oder reinkommen koennen.

Ich hatte mir Oak Bay auf der anderen Seite von Victoria als Ziel ausgesucht. Dort konnte man Lachse erwarten und es gab viele Inseln, Riffe und Felskanten an denen allerlei Bodenfisch leben konnte. Bis vor 40 Jahren gab es hier taegliche Kutterausfahrten aus der Oak Bay Marina, die Heiligenhafen-aehnlich 20 Pilkangler zu den Riffen fuhren und bei denen jeder Angler eine Schubkarre voll Felsenbarsche, Lings u.ae. mit nach Hause brachte. Leider hatte man damals nicht bedacht, dass vorallem die Felsenbarsche (verwandt mit Rotbarsch) eine unheimlich niedrige Reproduktionsrate haben. Diese Barsche brauchen teilweise bis zu 15 Jahre um mit ca. 30 cm das erste Mal fuer Nachwuchs zu sorgen. Wenn man die dann natuerlich zu tausenden mit 29 cm abfischt, kann sich jeder vorstellen wie die Bestaende sich entwickelten. Die Bestaende brachen in den 80gern komplett zusammen und einige Arten sind hier um Victoria herum extrem selten geworden oder komplett verschwunden. Die fischereipolitische Notbremse kam viel zu spaet und auch nach vielen Jahren ohne nennenswerten kommerziellen Fangdruck und einem Angel-Tageslimit von 1 Barsch haben sich die Bestaende nur etwas und sporadisch erholt.

Leider leiden geangelte Felsenbarsche auch unter Barotrauma – wie Dorschartige auch – und sind kein einfacher Kandidat fuer Catch&Release Angeln. Daher haben sich viele Angler von den Barschen als Zielfisch abgewandt – was fuer die Bestaende kein schlechtes Ding war. Mittlerweile wissen Angler auch besser mit Barschbeifang umzugehen – wenn man sie tief faengt und sie aber ganz langsam nach oben bringt, kann man das Barotrauma verhindern oder zumindest verringern, und schliesslich muss man mittlerweile ein Ablassgeraet im Boot haben mit dessen Hilfe man Barsche mit Barotrauma-Anzeichen wieder schnell auf Tiefe bringen kann, was denen wohl eine gute Ueberlebenschance bietet. Auch hat das Fischereiministerium ueberall an der Kueste Schongebiete angelegt in denen Angeln komplett verboten ist. All das hat dazu gefuehrt, dass die Barschbestaende in einigen Gegenden wieder einen Aufwaertstrend zeigen. Schade nur, dass man immer alles erst gegen die Wand fahren muss um aufzuwachen!

Dem Ling Cod, ein gefraessiger Riffraeuber der enorme Grossen erreichen kann, und ein begehrter Speisefisch ist, erging es nicht anders. Gluecklicherweise sind Wachstumsrate und Fortpflanzungzyklus von Ling und Barsch total verschieden. Der Ling waechst schnell ab und wird auch schon nach 2-3 Jahren bei 50-70 cm Laenge geschlechtsreif. Auch hier gilt ein Tageslimit von 1 Ling pro Angler. Durch den stadttnahen Angeldruck findet man kapitale Exemplare von 1m plus nicht allzu haeufig vor Victoria, aber es besteht durchaus die Moeglichkeit so einen Brummer zu erwischen. Kulinarisch und auch fischereibiologisch sollte man eh die eher mittleren Groessen bis zu 1 m mitnehmen und die supergrossen, meist weiblichen Exemplare wieder freilassen. Lings haben auch kein Problem mit Barotrauma und lassen sich prima wieder freilassen.

So waren unsere Zielfische zum Muttertagsausflug Ling Cod, Lachs und dann alles was noch Hunger auf Metall hatte. Die beiden Jungs gingen gleich in teenage-typischer Manier in Wettkampfmodus ueber und zaehlten sich jeden Biss und Fisch vor. Es war sehr spassig und selbst die Mutter schmunzelte ueber die eifrige Fischertaetigkeit der Burschen. Alexander hatte den Trick raus und legte ein paar kleine Lings und mittlere Barsche vor. Dann war seine Rute ploetzlich zum Halbkreis gebogen – Haenger? Nee, da kam Bewegung rein! Ich rief ihm zu er sollte den Fisch moeglichst schnell vom Boden wegpumpen. Aber nach paar Metern ging es wieder abwaerts – die Rutenspitze tief im Wasser versenkt, fummelte Alex blitzschnell an der Rollenbremse um den Fisch absaussen lassen zu koennen. Noch mal gutgegangen. Das musste ein ordentlicher Fisch sein! Ling oder Lachs? Nach einem heissen Drill kam was Braunes zum Vorschein – aha, ein guter Ling. Ich gaffte den Fisch und Alex hielt ihn stolz seiner Mutter als Muttertagsgeschenk vor. Naja, da kam wohl mehr ein Staunen als Dankeschoen herueber. Knapp 10 Pfund und 76 cm hatte er. Das war zwar kein Grosser aber schon ein vorzeigbarer Ling; besonders hier vor Victoria.

Ricardo, der aeltere, verlor ein paar kleinere Fische und brachte allerlei komisches Zeug hoch: Seegurken, Seeanemonen, Steine… Wie immer eben! Ich bediente erstmal den Grill damit wir was zum Mittagessen hatten. Nach dem Essen fuhr ich uns wieder zu vielversprechenden Untiefen und Riffen. Alex legte nun richtig los und landete einen Fisch nach dem anderen: Felsenbarsche verschiedenster Gattungen, Greenlings, kleine Lings, und auch einen Stein…. Aber Ricardo hielt nun mit und verlor nach einigen Barschen einen guten Fisch. Ich probierte auch mal und landete einen schoenen Quillback Felsenbarsch, der auch wieder schwimmen durfte. Auch ich hatte fuer paar Sekunden noch einen schwereren Fisch dran, konnte ihn aber nicht zur Oberflaeche bringen. Die Flutstroemung zog ungemein stark und es war mit den 80-100g Pilkern schwer in mehr als 40m Tiefe Grund zu halten. So konzentrierten wir uns auf flachere Strecken. Ich liess uns bewusst auch mal bis in die Kies-und Sandstrecken neben den Felsriffen treiben. Vielleicht sass ja doch mal ein Heilbutt im Flachen. Oder eine Truppe Chinooks die an der Felskante entlang jagte.

Dann hatte Alex wieder was Grosses dran. Er meinte der waere noch groesser als der Ling vorher. Seine Rute war wieder tief im Wasser als er eine der Fluchten parierte. Aber dann war der Kontakt ploetzlich wieder weg. Schade, den haetten wir gerne wenigstens mal zu sehen bekommen. Bei einer weiteren Drift tief in den felsigen Untiefen meldete dann Ricardo auf einmal einen Grossfisch an. Oha, der machte an seiner Rute auch ordentlich Alarm und er hatte die stabilste Rute von uns allen. Was mag das wohl sein? Als es rot-braun schimmerte waren wir uns sicher – wieder ein Ling. Aber als das Ding sich dann an der Oberflaeche waelzte, erkannte ich, dass das ein kapitaler Cabezon war. Wow! Der ging mit. Da hatte ich doch vor paar Wochen schon einen Cabezon in East Sooke gefangen. Aber der hier war ja noch ein bisschen groesser. Wir bestaunten dieses gruselig-haessliche Tier mit seinen Tentakeln und Stacheln und riessigen Flossen und grossem Maul. Was fuer ein Urvieh! Faengt man eigentlich selten; habe manchmal mehrere Jahre keinen Cabezon gefangen und jetzt 2 in 2-3 Monaten. Das ist so ungefaehr wie ein Seeteufel in Norwegen zu fangen. Ist auch von der Fleischqualitaet vergleichbar. Hervorragend. Interessanterweise hatte er eine Handvoll kleiner Krabben in seinem Magen.

Ricardo hatte dann noch einen knapp untermassigen Ling am Band und der eine oder andere Barsch und Greenling mussten nochmal kurz das Licht erblicken bevor sie wieder schwimmen durften. Dann machten wir Schluss um es auch fuer die Mutter nicht zu uebertreiben. Leider hatte es mit Lachsen am Pilker heute nicht geklappt. Und auch meine heimliche Hoffnung auf Buttkontakt wurde nicht erfuellt. Aber guter Ling und ein toller Cabezon waren ein vorzeigbares und sehr essbares Ergebnis. Und es war ein wunderschoener Tag auf dem Wasser mit viel Action und einigen Lachern im engsten Kreise der Familie. Was will man mehr.

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Re: Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

Beitragvon Gerd » 13.05.2020 - 14:29

Da hast Du aber ne tolle Frau, die mit Ihren drei Lieben am Muttertag angeln geht. Ich denke, dass sie Euch dazu sogar zwingen musste :lol: :lol:

Zum wiederholten Male bleibt mit nur übrig, mich für den wieder mal tollen Bericht zu bedanken, ich freue mich immer aufs Lesen, wenn ich sehe, dass Du wieder zugegen warst :clap:

Aber sag mal, hast Du da einen Grill an der Reling montiert ?
Hätte ich einen Weinberg, ich würde ihn 'Hang zum Alkohol' nennen

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Re: Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

Beitragvon Valestris » 13.05.2020 - 15:15

Da bin ich ganz bei Gerd, richtig große Klasse :clap:
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Re: Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

Beitragvon cohosalmon » 13.05.2020 - 21:32

Gerd hat geschrieben: Aber sag mal, hast Du da einen Grill an der Reling montiert ?


Jupp, ein kleiner Edelstahl-Bootsgrill. Funktioniert klasse und macht ganz schoen Dampf. Ich nutze ihn nicht haeufig denn dort wo Du ihn montiert siehst, kommt er mit dem normalerweise montierten Downrigger ins Gehege. Und ich fahre nicht oft ohne Downrigger auf's Meer. Aber an diesem Sonntag wusste ich, dass nicht geschleppt werden wuerde. Hat irgendwie etwas wenn man auf dem Wasser sein Essen grillen oder kochen kann. Waterfront Dining! Die Jungs pilkten munter weiter waehrend die Wuerste auf dem Grill brutzelten. Man muss natuerlich wegen der Hitze ein bisschen aufpassen wie man den Grill sicher montiert und dann sich auch nicht daran verbrennt bei Bootsaktivitaeten. Und Edelstahl ist auf dem Ocean Pflicht sonst kann man sich trotz Pflege jedes zweite Jahr einen neuen Grill kaufen. Selbst ein Edelstahlgrill haelt nicht ewig - Hitze und Salz sind aggressive Metallkiller. Carl, mein guter Angelfreund, hatte sich den gleichen Grill vor paar Jahren mit mir gekauft und ihn haeufiger montiert gehabt und oefter benutzt. Und auch nicht so sorgsam gereinigt nach jeder Verwendung - den gibt's schon seit 1-2 Jahren nicht mehr.

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Re: Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

Beitragvon Gruni » 14.05.2020 - 15:38

Mal wieder ein toller Beitrag in dieser trüben Zeit!, Danke dafür! :clap:
Und`nen Grill hab ich auf einem Boot dieser Größe auch noch nicht gesehen, coole Sache... ;)
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13.5.2020; Prospect Lake

Beitragvon cohosalmon » 14.05.2020 - 20:34

Ok, ich glaube die Welt ist schon verrueckt genug und ich hatte glaube ich auch schon erwaehnt, dass diese Angelsaison auch nicht wie erwartet ablaeuft mit einigen unerklaerlichen Erscheinungen. Aber was gestern Abend passiert ist, setzt dem Ganzen ja noch die Krone auf! Es war ein winstiller and fast schon schwueler Abend und ich hatte nach dem Abendbrot den Drang an unseren oftbesuchten See zum Forellenangeln zu fahren. Bellyboot und Fliegenrute – da sollte doch um diese Jahreszeit einiges gehen. Mein Sohn Ricardo und sein Freund Alec waren gleich Feuer und Flamme und fuhren mit Alecs Bassboot mit. Es wurde ein schoener und entspannender Abend auf dem Wasser – als ich vom Ufer ablegte, kamen auch gleich die ersten Bisse. Ich hatte 4 Bisse und 2 gelandete Regenbogner in den ersten 15 Minuten. Danach wurde es etwas ruhiger und ich suchte verschiedene Tiefen mit verschiedenen Fliegentypen ab. Ich konnte noch ein paar Bisse registrieren und landete noch eine wunderschoene Regenbogner von 43 cm. Aber dann kam der Hammer! Alec und Ricardo schleppten ihre Koeder ganz in meiner Naehe herum. Ricardo hatte einen Spinner mit Wurm anzubieten und bekam unweit von mir einen guten Biss und drillte einen akrobatischen Fisch ans Boot. Alec machte den Kescher fertig und sackte den Fisch auf der mir abgelegenen Bootsseite ein. Ein lauter Aufschrei von Alec liess mich aufhorchen: “No way! A Coho! A Coho!”. Waaaasss? Die spinnen doch, die Jungs. Hatten die Alkohol an Bord geschmuggelt? Ein Lachs im Prospect Lake ist doch Bloedsinn.

Alec rief zu mir rueber, es waere ein Coho, eindeutig. Ich winkte ihnen den Fisch vorbeizubringen. Sie fuhren mit dem Fisch im Kescher im Wasser zu mir herrueber und ich warf einen Blick auf den silbernen Fisch: tatsaechlich, zweifellos ein Coho – Silberlachs. Wie ist denn das moeglich? Die Fettflosse fehlte – also ein kuenstlich erbrueteter Lachs. Ich erinnerte mich dunkel an eine lokale Gruppe, die den Tod Creek, der aus dem Prospect Lake in das Saanich Inlet floss, wieder durchgaengig machen wollten nachdem vor vielen Jahrzehnten ein Wehr nahe der Bachmuendung jeglichen Lachsaufstieg verhinderte. Angeblich hatte es bin in die 30ger Jahre Lachse im Tod Creek gegeben, die bis in den Prospect Lake aufgestiegen waren. Aber dieser Lachsstamm war ja nun schon lange ausgestorben. Letztes Jahr vernahm ich mal ein Geruecht, dass neue Lachse im Tod Creek wieder ausgesetzt werden sollten. War das etwa passiert und wir hatte hier einen der ersten Ueberlebenden gefangen? Er war so um die 40 cm lang und sah putz-munter und gesund aus. Wir liessen ihn natuerlich schonend wieder frei nachdem wir schnell ein paar Fotos gemacht hatten. Das war ja eine tolle Ueberraschung. Und Ricardo wurde wiedermal seinem Ruf eines Faengers der komischen Dinger gerecht; er konnte sich einfach nicht an den Fangplan halten! Da waren vielleicht 30000 Forellen im Prospect Lake, und vielleicht 10000 Barsche und nur 3 oder 4 Lachse und er erwischt einen davon? Er sollte schleunigst mal ein Lottoticket kaufen!

Ich kenne hier im Umkreis einige Lachsaktivisten und werde nun gleich mal Nachforschungen anstellen. Dieser Fang wird die sicherlich auch sehr interessieren. Was es nicht alles gibt: Lachse in einem Forellensee! Ein verruecktes Jahr!

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Re: Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

Beitragvon Valestris » 14.05.2020 - 22:44

Super :clap: :clap:
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24.5.2020; Victoria

Beitragvon cohosalmon » 27.05.2020 - 0:22

Nach dem ganzen Bodenfisch-Angeln der letzten Wochen hatte ich nun mal wieder Lust auf eine Lachstrollingtour. Man hoerte nicht viel von der lokalen Anglergemeinschaft da sich viele Angler um die paar wenigen Heilbutte bemuehten und wegen der abermals verschaerften Lachsentnahmeregeln die Lachsangelei bis spaeter in den Sommer verschoben, wenn einige der Beschraenkungen hoffentlich wieder aufgehoben werden. Ich weiss nicht, ob Ihr das bis nach Deutschland mitgekriegt habt und wenn dann ist das sicher in dem ganzen Coronakram untergegangen; Ende 2018 passierte im Fraser River Canyon, etwa 400 km nordoestlich von Vancouver, ein gewaltiger Erdrutsch, der einen 5 m Wasserfall im Fraser River hat entstehen lassen. Es muss wohl eine sehr entlegene Stelle sein denn es dauerte bis Juni 2019, bis das Fischereiministerium ueberhaupt auch nur davon hoerte. Bisschen komisch ist das schon dass es 6 Monate gedauert haben soll bis einer gemerkt hat, dass ein Berghang der Groesse eines Einkaufzentrums in den groessten Fluss BC’s gestuerzt war. In der heutigen Zeig mit Satellitenbildern und Drones etc, wirklich?

Jedenfall stellte sich letzten Sommer heraus, dass die meisten Lachse ueber dieses Hindernis nicht hinwegkamen und die Lachse stapelten sich davor. Man versuchte zu retten was noch zu retten war und netzte und Helicopter-transportierte einige tausend Lachse ueber die Schwelle. Leider stellte sich spaeter heraus, dass die allermeisten Lachse schon zu erschoepft waren und trotz Umsatz ueber die Schwelle kurz darauf starben und es nicht auf ihre Laichbetten stromauf schafften. Viele oberen Fraser Zufluesse, die sowieso schon lachsmaessig arg gebeutelt waren, hatten nur ein paar Handvoll Lachse die es zum Laichen schafften. Sehr, sehr traurig, eine ganze Lachsgeneration ausgerottet. Wenn ueberhaupt, wird das eine ganze Weile dauern, bis sich einige der Fluesse wieder erholen. Da der Fraser River im Winter die niedrigsten Pegelstaende hat, konnte das Ministerium im vergangenen Winter schwere Maschinen und Sprengcrews an die Stelle schicken und die pickten an den Felshaengen herum und sprengten riesige Felsbloecke im Fluss um die Stelle wieder halbwegs passierbar zu machen. Mehrere hundert Millionen $ hatte das wohl gekostet – damals noch eine Riesensumme – jetzt im Vergleich zu Coronakosten eher ein Trinkgeld.

Keiner weiss, ob das Vorhaben gelungen ist. Die Schneeschmelze laesst den Fraser jetzt anschwellen und das Zeitfenster fuer Rehabilitation ist vorbei. Jetzt kann man nur hoffen und beten, dass nicht auch noch die naechste Generation ausfaellt. Das waere definitiv das Ende der oberen Fraser Lachsbestaende. Ab Juni wird sich der Erfolg oder Misserfolg zeigen. Ich werde Euch mal berichten. Das nur mal so als Hintergrund zu den abermals verschaerften Entnahmeregeln fuer Lachse; man will jetzt jeden Fraserlachs schonen bevor man weiss, wie es um sie bestellt sein wird. Daher koennen in vielen Fraser Einzugsgebieten keine Chinooks behalten werden oder nur markierte US-Hatchery Chinooks (Fettflosse abgeschnitten). Fuer mich persoenlich bedeuten die Regelungen keinen Abbruch des Lachsangelns. Selbst wenn es nur noch Catch & Release Lachsangeln gaebe, waere ich dabei. Die Jagd, der Thrill einen Grosslachsdrills – das moechte ich niemals ganz vermissen. Ausserdem vertraue ich meinen Catch & Release Prozeduren und bin fest davon ueberzeugt, dass die allermeisten meiner freigelassenen Lachse ohne Problem ueberleben.

So lud ich MaxWaldi am Sonntag mit meinen zwei Soehnen voll und wir duesten gegen 9:00 Uhr zu den Oak Bay Flats. Ich hatte vorher nochmal die Gezeiten und meine Fangbuecher gecheckt und festgestellt, dass ich bei dieser Gezeitenkonstellation schon einige gute Faenge an dieser Stelle erzielt hatte. Es war starke Ebbe bis Mittag und auf den Flats erzeugte das eine ruhige Kehrstroemung. So sollte sich Futter und daher auch Raeuber ansammeln.

Bei der 45m Tiefenlinie hielt ich an und wir setzen einen Cohokilller Blinker und einen Koederfisch am System ein. Der Blinker ging bis ganz hinunter; der Koederfisch etwa 10 m ueber Grund damit kleine Bodenfische den nicht so schnell ruinieren konnten. Alexander verzog sich bald in die Koje – 7:30 Uhr aufstehen muss schwer sein fuer einen Teenager! Nach einer halben Stunde hart am Grund fischen, ruckte ploetzlich die Blinkerrute und der Clip loeste aus. Ricardo sprang hin und drillte einen kleineren Lachs ans Boot. Der war knapp 50 cm und deswegen unter meinem persoenlichen Mindestmass. Aber wenigstens ein Lebenszeichen aus der Tiefe. Es tauchten einige gute Futterfischwolken am Echolot auf und da die bis ins Mittelwasser kamen, vermutete ich stark Heringe. Die sonst hier haeufigen Sandaale bildeten kleinere und grundnahe Schwaerme. Ich holte die Koederfischrute bis ins Mittelwasser hoch.

Aber der naechste Biss kam wieder am Blinker. Ricardo brachte nun den 2. Lachs zum Boot. Wieder so um die 50 cm. Zu klein fuer heute. Da musste doch noch was Groesseres da unten herumjagen. Eine Weile spaeter sah ich einen kurzen, zarten Ruck an der Blinkerrute. Ich warnte Ricardo: “Pass auf, die Rute geht gleich ab!”. 10 sec spaeter ein harter Ruck an derselben Rute und die Rutenspitze schnappte zurueck durch die momentan schlappe Schnur als der Clip ausloeste. Ein kleiner Fisch bringt das nicht zustande. Ricardo sausste zur Rute, nahm sie auf und kurbelte rasend die schlaffe Schnur ein. Als er sie straff hatte ruckte er hart an. Ein kurzer Moment schien es als wenn noch Widerstand da gewesen waere aber dann kam nur noch der blanke Koeder und Flasher zurueck. Schade, das war ein guter Biss gewesen. Ich ermahnte ihn, beim Einsetzen der Downriggerrute die Rute auf volle Spannung zu ziehen so dass moeglichst wenig schlaffe Schnur enstand wenn der Clip ausloeste. Ich vermutete, dass es zu lange gedauert hatte bis Ricardo die Schnur straff hatte und einen Anschlag setzen konnte.

Vielleicht eine halbe Stunde spaeter loeste wieder die Blinkerrute aus und diesmal sass der Anschlag. Die Rute blieb krumm und Ricardo vermeldete einen staerkeren Fisch. Ich drehte den Schleppmotor etwas zurueck und machte seine Bootsseite klar zur Landung. Der Fisch machte ein paar Mal Anstalten zu einer Flucht bekam aber nicht viel Schnur von der Rolle. Und er blieb noch tief. Es sah nicht nach etwas Grossem aus aber sicherlich groesser als die vorherigen. Aber manchmal wird man ueberrascht! Ich erwartete den Moment wenn der Flasher die Oberflaeche durchbricht; ich sah den Schnurwinkel immer flacher werden. Ploetzlich meinte Ricardo: “Weg!”. Wie jetzt? Einfach weg!? Er zuckte nur mit den Schultern. Da kann man nichts machen, wenn die Kerle nur kurz beissen, dann haengen sie oft sehr knapp. Die beiden Kleineren hatten den Haken auch nur knapp vorne in der Schnauze gehabt. Aergerlich!

Da an der Koederfischrute gar nichts passierte aber wir schon einige Bisse an dem Blinker gehabt hatten, wechselte ich nun den Koeder aus zu einem Gruen-Glow 10cm Blinker und schickte den kurz ueber Grund. Alexander kam gerade ausgeschlafen heraus und ich meinte: “Pass’ auf, dieser Blinker faengt heute noch den Groessten!”. Ricardo verschwand nun unter Deck. Schlafschichtwechsel.

Ich erzaehlte gerade Alex von den gefangenen und verpassten Fischen und drehte eine harte Kurve als die Cohokillerrute wieder hart ausloeste. Ein fester und entschlossener Ruck war das. Kann nichts Kleines sein, dachte ich. Alexander war auch schnell dabei und ruckte dagegen….nichts. Wie kann denn das nur sein? Es lag also nicht nur an Ricardo. Die Fische mussten wirklich nur mit den Blinkern spielen. Vielleicht sollte ich einen Nachlaeuferhaken montieren? Mache ich aber nicht gerne wenn es galt Fische zurueckzusetzen denn wenn dann doch einer ordentlich zuschnappt dann war es schwer den Fisch schonend wieder zu loesen. Ich beliess es bei der Montage. Ich drehte uns wieder ueber die Stellen die Futterfischschwaerme zeigten. Es ging jetzt auf den Gezeitenwechsel zu – immer eine faengige Zeit. Leider brachte die Flut nun auch viel Treibgut und Stroemungsstrudel.

Da! Aus dem Augenwinkel sah ich wie die bisher noch jungfraeulige Rute anruckte und zurueckschnappte. Den mache ich klar, dachte ich und war zuerst an der Rute. “Ich zeige das Euch jetzt mal”, verkuendete ich grossmaeulig. Ich hoffe ich hatte den Mund nicht zu voll genommen. Der Fisch riss sofort ein gutes Stueck Schnur von der Rolle. Als er stehenblieb, fuehlte ich ordentliche Kopfstoesse. Ach, fuehlte sich das gut an! Alexander holte inzwischen die andere Rute ein und machte den Kescher klar. Das musste ein besserer Fisch sein denn jetzt setzte er zur 2. Flucht an und die Rolle sang eine ganze Weile schoen auf. Wie ich das vermisst hatte! Man vergisst wie stark so ein Lachs sein kann. In Gedanken stellte ich mir schon einen 15 oder 17 Pfuender vor! Nach und nach gewann ich die Schnur zurueck und ich brachte den Fisch in Bootsnaehe. Jetzt spielte er erst richtig verrueckt und ueberschlug sich regelrecht an der Oberflaeche. Das konnte nicht lange gut gehen besonders weil ich schon den ganzen Blinker ausserhalb des Fischmaules erkennen konnte. Er konnte wieder nur knapp haengen. Ich zog entschlossen an und hievte das schaeumende Etwas in Kescherreichweite und Alexander schaufelte das Paket ins Boot. Na also! Hatte Papa mal wieder zeigen muessen wie es geht.

10 Pfund blankes Silber, ein markierter Chinook. Praechtig! Nach dem Kampfgebahren haette ich sogar etwas mehr erwartet gehabt, aber so kann man manchmal die Groesse eines Lachses verschaetzen. Und auch noch Glueck gehabt: der Haken war nicht einmal im Maul sondern hatte sich seitlich des Maules aussen durch Haut und Fleisch gebohrt. Der muss den Blinker nur mit der Seite des Kopfes angestubbst haben und ungluecklicherweise am Haken haengengeblieben sein. Wir fischten nach diesem Erfolg noch eine Weile weiter aber die Stroemungsbedingungen wurden immer unguenstiger. Es war jetzt kaum noch moeglich den Koeder in Grundnaehe zu halten; es stroemte locker 6-7 km/h. Ich fuhr uns in bisschen flacheres Wasser und Ricardo brachte doch glatt noch eine Scholle vom Boden herauf. Die durfte aber auch wieder schwimmen. Dann packten wir zufrieden ein. Es war zwar kein grosses Fangfest aber stetige Action – alle halbe Stunde rappelte es mal an den Ruten. Kein schlechter Tag; wenn es sowas ueberhaupt gibt beim Angeln!

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Re: Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

Beitragvon Gerd » 29.05.2020 - 8:59

Petri Heil. Wenn ich mir so den Hintergrund der Bilder anschaue, habt ihr ja ganz schön Betrieb auf dem Wasser, ist das Zufall oder ist immer so ein Angeldruck ?
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Re: Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

Beitragvon cohosalmon » 01.06.2020 - 1:55

Hi Gerd; was Du in den letzten Fotos siehst ist wirklich NICHTS an Angeldruck! Du musst mal meine Bilder 6-7 Jahre zurueck anschauen; im Juli oder August zur Hochsaison auf Lachs in Sooke oder East Sooke. Da kamen an einem windfreien Samstag in einer Top- Bucht locker 50 Boote auf einige Hektar Wasser zusammen. Ich hatte mal mit paar deutschen Anglern an so einem Spitzenbetriebsangeltag Boote gezaehlt. Wir kamen bei ca. 5 km Kuestenabschnitt in East Sooke auf ueber 200 Boote. Wenn da jetzt 4-5 Boote auf den Oak Bay Flats fischen, ist das gaehnende Leere!

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Re: Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

Beitragvon Gerd » 02.06.2020 - 14:39

ok, mich nervt es nur immer, wenn ich im Zick-Zack fahren muss, um nicht mit anderen zu kollidieren :D
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Re: Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

Beitragvon cohosalmon » 03.06.2020 - 6:49

Da bist Du nicht alleine, Gerd! Im Gegenteil, so empfinden wohl die allermeisten der 200 Bootskaptaene und deren Mannschaften an einem Grosskampftag. Leider ist die Welt mit Menschen vollgestopft und auch hier in Kanada muss man in Stadtnaehe mit Menschenmassen rechnen, auch beim Angeln. Gluecklichweise kann man hier mit einer 1-2 stuendigen Autofahrt noch eine wirkliche Wildnis und Einsamkeit erreichen, wenn man das will. Nicht aber innerhalb und unmittelbar in Naehe der Grosstaedte. Beim Trolling hat man sich hier an Bootsmengen gewoehnt und es haben sich ungeschriebene Regeln eingebuergert. So fahren alle erfahrenen Trollingkapitaene "Rechte Rute zum Ufer" die Hot Spots ab. Das ergibt dann eine geordnete Schlange die die Stellen schleifenmaessig abfaehrt. Hat man einen Biss, schaert man aus soweit man kann um den Karusellbetrieb nicht allzuweit zu stoeren und um andere auch an die Erfolgsstelle heranzulassen. Laesst der Fischdrill kein Ausschaeren zu, bleibt man still am Ort und die Bootsschlange kurvt an einem vorbei. Diese Etikette funktioniert ziemlich prima auch wenn es immer wieder mal Neulinge oder Aersche gibt, die gegen den offensichtlichen Strom schwimmen muessen und Chaos anrichten. Aber dieses dichte Kampfangeln ist schon anstrengend. Da ist nichts mit Autopilot einschalten und mal wegnicken!

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Re: Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

Beitragvon Gerd » 03.06.2020 - 10:48

cohosalmon hat geschrieben: so empfinden wohl die allermeisten der 200 Bootskaptaene und deren Mannschaften an einem Grosskampftag.


200 :shock: Zweihundert in Worten :shock: Boah, das ist ja übel. Aber wenn ich immer von Deinen Fängen lese und diese auf die anderen Boote hoch rechne, dann habt ihr ja noch immer einen wahnsinnigen Fischbestand :p
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Re: Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

Beitragvon cohosalmon » 04.06.2020 - 23:14

Gerd hat geschrieben:
cohosalmon hat geschrieben: so empfinden wohl die allermeisten der 200 Bootskaptaene und deren Mannschaften an einem Grosskampftag.


200 :shock: Zweihundert in Worten :shock: Boah, das ist ja übel. Aber wenn ich immer von Deinen Fängen lese und diese auf die anderen Boote hoch rechne, dann habt ihr ja noch immer einen wahnsinnigen Fischbestand :p


Du vergisst dabei, dass ich ein Ausnahmeangler bin und wie kaum ein Anderer fange! lolol :badgrin: :no:

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Re: Lachsangeln Victoria/Sooke, BC, Kanada

Beitragvon Gerd » 10.06.2020 - 12:54

Ach ja, sorry. Ist mir tatsächlich entfallen. 8) Dann passt es ja wieder mit der Fangquote :lol: :lol:
Hätte ich einen Weinberg, ich würde ihn 'Hang zum Alkohol' nennen