Eine Vorfachfrage

Moderatoren: Valestris, Derrik Figge, Onkel Tom, Moderatoren

Barschspinnen: welches Vorfach?

immer Stahl (wegen der Hechte)
24
50%
immer Flourocarbon
16
33%
einfaches Monovorfach
2
4%
gar kein Vorfach
6
13%
 
Abstimmungen insgesamt: 48

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andal
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Beitragvon andal » 21.06.2013 - 11:41

Ich hab einmal, es war mitte der 80er in Schweden, einen Hecht samt Wobbler verloren, weil ich keine SV dran hatte. Es ist kein schöner Anblick, wenn man dem Fisch im klaren Wasser zusieht, wie er gegen den Wobbler im Rachen kämpft. Ein paar Tage später fand ich den toten Fisch und der hatte meinen Wobbler noch. Es gibt, abgesehen von Fischgier, keinen Grund, bei Vorhandensein von Hecht auf ein SV zu verzichten.

Auch die Argumente, das FC, oder HM hält dann schon mal einen Hecht sind Pippifax. Letztes Jahr angelte ich intensivst auf Seehecht. Mit 0,8 mm Vorfachschnur, die Haken eingeschlauft, also 2 x 0,8 mm dick. Man muss wissen, dass der Seehecht eher ein Zandergebiss hat, aber mit irrsinnig spitzen Zähnen. Nach 2 - 3 Seehechten konnte man das Vorfach entsorgen, es war über den Haken schlicht zerkaut!

Und nun schaut euch bitte mal das scharfzahnige Gebiss eines Hechtes an. Da muss man als fairer Angler keinen einzigen Gedanken darüber verschwenden, welches Vorfachmaterial ausschließlich in Frage zu kommen hat.

Klar kann man das Glück haben und ein paar Hechte an monofilen Vorfächern aus dem Wasser zu bringen. Es ist aber absolut nicht ausgeschlossen, dass du schon dem ersten beim Verrecken zusehen darfst.

Wie weit geht deine Fairness, deine Gier?
Angler neigen sehr stark dazu, dort mit Lösungen aufzuwarten, wo gar keine Probleme bestehen.

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Beitragvon Heiner Hanenkamp » 21.06.2013 - 11:43

Unterschrieben. Vor Fehlern und kleinen Nachlässigkeiten ist keiner gefeit. Aber es gibt gewisse Angelegenheiten, die gar nichts damit zu tun haben, sondern auf Vorsatz beruhen. Und da hört der Spaß auf.

Wer glaubt, dass solche Dinge niemals öffentlich werden, der irrt. Auf kurz oder lang wird das Einfluss auf die Gesetzgebung haben, mancherorts ist das bereits so. Und wie das eben so ist, schießen solche Gesetzgebungen gern mal übers Ziel hinaus. Ich habe eigentlich kein gesteigertes Verlangen danach. Es wäre besser, wenn wir selbst die nötigen Veränderungen machten. Vielleicht ist das aber eine vergebliche Hoffnung.

Was zum Beispiel dringend hinterfragt gehörte, ist das gesamte "Rekordangler-" und "Rekord"-Stückzahl-Getue. Angesichts der Lage an vielen deutschen Gewässern ist das absolut nicht mehr angesagt. Das kann kein wünschenswertes Vorbild für kommende Anglergenerationen mehr sein und gehört ersetzt durch eine völlig andere Sicht.

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andal
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Beitragvon andal » 21.06.2013 - 12:28

Solche Vorschriften hat es ja, auch zu recht, schon. Am Möhnesee gilt beispielsweise: Raubfischfang nur mit Stahlvorfach. Keine Diskussionen. Sieht man sich dort die Fänge an, so ist das auch kein Problem, selbst bei den Barschen nicht.
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Beitragvon Heiner Hanenkamp » 21.06.2013 - 12:30

Gegen solche Vorschriften habe ich nichts, die sind sinnvoll. Nur fürchte ich, dass es in Zukunft noch zu ganz anderen Restriktionen kommen könnte.

Es ist an der Zeit, sich langsam mit dem Gedanken zu beschäftigen, dass ein jedes Gewässer nur eine mehr oder weniger begrenzte Fähigkeit zur Regeneration hat. Wird die Grenze überschritten, ist der Abstieg vorprogrammiert. Dass man einen 5ha-Vereinstümpel nicht wie ein Großgewässer von 1000ha behandeln kann, was die Regulierung des Befischungsdrucks angeht, müsste eigentlich klar sein. Ist es aber nicht.

Was das mit der Vorfachfrage zu tun hat? - Einfach mal darüber nachdenken, würde ich sagen. Viele kleine Scheißhaufen, jeder für sich allein vernachlässigbar, machen in der Summe einen großen.

Was eigentlich hält einen davon ab, bei der Methoden- und Köderwahl oder auch der Hakenbestückung nicht bloß die "maximale Fangquote" in der Birne zu haben, sondern gleichwertig daneben auch den Aspekt, möglichst wenig Schaden anzurichten? - Welche Art von Denke ist das und woher kommt die? - Was fällig ist angesichts der Lage, ist eine zugegeben unangenehme Hinterfragung gewisser "Selbstverständlichkeiten", die sich wie in Beton gegossen in den Köpfen breit gemacht haben und das gesamte Verhalten am Wasser bestimmen.

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Beitragvon andal » 21.06.2013 - 13:07

Sie werden doch von den Meinungsbildnern genau in diese Richtung bugsiert. Groß ist gut. Bigger is better. Sogenannte Angel-Meister Bewerbe, oder die Tatsache, dass ein sauber gemachter Artikel so lange nichts gilt, bis die passenden Fotos von Riesenfischen dazu abgeliefert werden. Das drängt die weniger kritische Klientel genau in diese gewünschte, aber dennoch falsche Richtung. Und so weiter und so fort.
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Beitragvon Heiner Hanenkamp » 21.06.2013 - 13:11

Das zum Beispiel ist ein Gesichtspunkt bei der Beantwortung der Frage, woher gewisse (Zwangs-) Vorstellungen kommen. Die "Vorfachfrage" ist in Wahrheit nämlich die Frage nach ganz bestimmten, eingefahrenen Denkweisen. Die ist bloß ein Indiz unter vielen dafür.

Schon allein die Werbung: Kaufen Sie Wunderköder XY und fangen Sie dreißig Dorsche in zwei Stunden, so wie Weltmeister Dingsbumms. Das sagt eigentlich schon das Meiste.

Die Ironie an der Sache: Nicht eben Wenige stehen mittlerweile vor Gewässern, wo man froh sein darf, wenn man pro Saison einen einzigen maßigen Hecht an die Angel kriegt. Die "Pflege" der Rekordangler-Zwangsvorstellung ist da nicht einmal mehr ein schlechter Witz, sondern bloß noch verrückt.

Und konsequenter Weise schießen die sogenannten "Anglerparadiese" mit künstlichem Mastvieh mittlerweile wie die Pilze aus dem Boden. Allein in meiner unmittelbaren Umgebung zähle ich mittlerweile fünf. Vor ein paar Jahren war's noch eines. Allerdings finde ich solche Etablissements weniger paradiesisch, als vielmehr alptraumhaft. Erinnert mich irgendwie an jenes kleine Papp-Aquarium mit Magnetangel aus lang zurück liegenden Kindertagen. Oder an einen Kaugummiautomaten.

Was bedeuten unter solchen Umständen noch die schönen bunten Bilderchen mit allerlei Rekordfängen aus anderer Herren Länder, hinten, fern, in der Türkei? - Nicht viel mehr als die Versicherung, dass es irgendwo auf der Welt noch Gewässer gibt, die nicht bereits in Grund und Boden gefischt wurden. Und tatsächlich, die gibt's noch.

Aber was eigentlich ist mit dem Naheliegenden: Den Gewässern vor der eigenen Tür? Wo man den größten Teil seines Anglerlebens verbringen muss, wenn die Berufsbezeichnung nicht Frühpensionär oder glücklicher Erbe mit Vermögen lautet. Wäre es nicht langsam mal an der Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen? Und sich die Frage zu stellen, was man selbst dazu tun kann, damit die Situation sich zumindest langfristig wieder verbessert, allerwenigstens aber nicht noch schlechter wird?

Und wie bitte: Wenn ich das tue, machen's aber alle Anderen weiterhin anders und fangen mir die besten Viecher weg? - Nun, eben darum bleibt's, wie es ist. Denn alle Anderen denken exakt das gleiche, und wenn Keiner anfängt, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen und daraus real wirksame Konsequenzen zu ziehen, geht es immer so weiter, wie gehabt.

Soviel zur "Vorfachfrage".

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Beitragvon Lahnfischer » 21.06.2013 - 15:01

...und täglich grüßt das Murmeltier... :roll:

Ich fische Kunstköder aus Prinzip nur mit Stahl oder Titan, Ausnahme sind Minigummiköder mit Einzelhaken (3 cm und kleiner), die aber auch nur in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen.
Ich fange damit nicht gerade schlecht, auch die ach so vorfachscheuen Döbel, Bachforellen, Barsche ect. stören sich nicht an einem dünnen Stahlvorfach. Ich schalte zwar bei klarem Wasser auch etwa 1,5 Meter Mono (kein FC, ist total überbewertet) vor das Vorfach, aber eben das Vorfach ist immer bißfest.
Jeder, der ohne Stahlvorfach in Gewässern mit Hechtbeständen fischt, handelt meiner Meinung nach grob fahrlässig und unwaidmannisch :!:

Lieber fange ich den einen oder anderen Fisch weniger, der sich evtl. doch am Vorfach stören sollte, als dass ich aus purer Fischgeilheit einen Hecht zum Verludern verurteile.

Ich könnte jetzt noch viele Beispiele nennen, in denen Bekannte große Hechte verloren haben oder ich die in Grund und Boden geangelt habe, obwohl die FC als Vorfach hatten, aber ich schenke mir das jetzt mal... ;)

Wer sich dadurch jetzt persönlich auf den Schlips getreten fühlt, der mag das tun, aber ich nehme deswegen kein Wort zurück... ;)
Gruß Thomas

Der Lahnfischer

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Beitragvon Heiner Hanenkamp » 21.06.2013 - 15:11

Das Murmeltier grüßt deshalb täglich, weil es längst noch nicht erledigt ist. Mir hängen die immer gleichen Scheinbegründungen zwar auch längst zum Hals heraus, aber es gibt keinen anderen Weg, als da beharrlich und immer wieder gegenzuhalten. Wenn's sein muss, tausendmal.

Auch das folgende Beispiel habe ich anderswo schon oft gebracht, und es macht mir nichts aus, es zu wiederholen:

Eine kleine Handvoll aktiver, versierter Raubfischspezies, die alles abschlagen und sich auch sonst wie die Wildsäue aufführen, können einen 20ha-See binnen weniger Jahre auf den Hund bringen. In bereits stark angeschlagenen Gewässern ist jedes, ich wiederhole: jedes Viech, welches vermeidbar das Zeitliche segnet, ein Verlust. Und umgekehrt jedes Viech, das überlebt, ein signifikanter Gewinn.

Es ist langsam an der Zeit zu kapieren, dass wir selbst es gewesen sind, die die miserable Situation an allzu vielen Gewässern herbeigeführt haben. Und nicht Russen, Polen, Schwarzangler oder irgendwelche anderen obskuren Finsterlinge. Wenn wir wollen, dass es eines Tages wieder besser wird - die Fehler der Vergangenheit lassen sich freilich nicht über Nacht und kostenlos mehr reparieren -, müssen sich nicht alle anderen ändern, sondern wir selbst. Und das beginnt im eigenen Kopf und nicht im Hinterteil, auf dem man sitzt.

Ein verbaler - sorry - Arschtritt kann da nicht schaden. Falsch verstandene Harmoniesucht um des lieben Friedens willen bringt an dieser Stelle keinen Millimeter weiter. Denn hier handelt es sich um fest in den Köpfen verankerte Gewohnheiten und Vorstellungen mit Jahrzehnte langer Aushärtung hinter sich, die buchstäblich aufgebrochen werden muss. Und die Zeit drängt. Denn am Horizont hängt bereits die Gesetzeskeule mitsamt empfindlicher Beschränkungen. Ich habe aber keinen Bock darauf, die herunter sausen zu sehen.

Woher ich das weiß mit der "Aushärtung"? - Weil ich den gleichen Mist in meiner eigenen Birne habe und daher eine ziemlich exakte Vorstellung davon besitze, wie schwer es ist, sich davon zu befreien. Die ganzen sattsam bekannten Scheinargumente und Rechtfertigungen habe ich erst einmal in meinem eigenen Kopf zur Stecke bringen müssen Zug um Zug, und ich kenne sie alle. Deswegen habe ich weiter oben auch geschrieben: "Darauf habe ich gewartet". Denn mir war klar, was gleich kommen würde - alles schon tausendmal gehört, das ganze Programm und die ganzen bauernschlauen Winkelzüglein.

Zuverlässig kommt dann nämlich stets was von dieser Art: "Dann darf man ja auch nicht mehr stippen ohne Stahl, denn da könnte ja auch ein Hecht beißen!" - Äh, ja sicher, wirklich clevere kleine Ausflucht, würdig jedes mittelprächtigen Provinzpolitikers. Bloß dass in einem Falle ein winzig kleiner Einerhaken im Maul sitzt, während im anderen Falle ein oder mehrere Drillinge dem Viech das Maul vernageln können, so dass es nicht mehr fressen kann und jämmerlich zugrunde geht.

Die Frage hier, und nicht bloß hier, um die man nicht herum kommt, und wenn man sich noch so dumm stellt: Was ist jetzt wichtiger, Onkel Heiners selbstverliebte Fangquote oder der versaute Fisch? Man kann diese Frage so oder so beantworten, aber was man nicht kann: So tun, als existierte diese Frage nicht oder als hätte man keine andere Wahl, um das eigene schlechte Gewissen einzulullen. Denn das ist nicht so, man hat und trifft hier ganz offensichtlich eine Wahl - Stichwort: Selbstverantwortung. Und der kleine Bauerntrick, einen konstruierten Idealzustand gegen die niemals ideale Realität auszuspielen, zieht hier nicht. Shit happens, unvermeidlich, aber es macht einen Unterschied, ob es sich um vorsätzlichen, lernresistenten Shit handelt oder nicht.

Beispiel, kein ausgedachtes: Wenn ich zum wiederholten Male gesehen habe, dass beim Fischen mit gewissen Minnows immer mal wieder ein Drilling in einem Schniepelauge landet, bei anderen Baittypen aber nicht, dann ist irgendwann der Moment gekommen, wo eine Entscheidung fällig wird. Denn wenn ich das realisiert habe, weil die allseits bekannten Verdrängungsmechanismen und Ausflüchte nicht mehr greifen wollen, liegt jeder weitere Schniepel, den ich so verangle, in meiner eigenen Verantwortung und nirgendwo anders sonst. Die Frage nämlich auch hier wieder, ganz ähnlich gelagert: Was ist wichtiger, mein erklärter Lieblingsbait oder zwei Dutzend Schniepel mit einem Drilling im Auge? - Und Punkt.

Warum ich darauf so penetrant herumreite? - Ganz einfach: Man kann nicht im Brustton der Empörung möglichst viele Freiheiten fordern, um im nächstbesten Moment, wo keiner guckt, besagte Freiheiten zu missbrauchen in der Art eines verantwortungsbefreiten, gedankenlosen Kleinkindes, dessen Horizont grad nur bis zum eigenen Arsch oder von 12:00 bis Mittag reicht. Dann muss man sich nämlich nicht wundern, wenn eines Tages in Gestalt von allerlei empfindlichen Restriktionen der Big Daddy daher gelaufen kommt und all die schönen Freiheiten samt und sonders wieder einkassiert.

[Sarkasmus ein]

Bei so manchen Sportsfreunden - ich sag's mal etwas überspitzt, um es auf den Punkt zu bringen - kann man sich allerdings des Eindrucks kaum erwehren, sie glaubten allen Ernstes, die Gewässer seien eigentlich ihr Privatbesitz und der unbeschränkte Zugang zu denselben so was wie ein für alle Zeiten in Granit gemeißeltes Naturrecht, das ihnen qua Geburt zustünde, am besten noch garniert mit einem offiziellen Dankesschreiben des Bundespräsidenten in Person, serviert unter dem bewundernden Applaus des "Restes" der nicht angelnden Veranstaltung.

Das ist allerdings eine ziemlich betriebsblinde, wenn nicht gefährliche optische Täuschung von fast schon rührender Naivität und Einfalt. Kein Wunder, dass die jedesmal geradezu außer sich vor lauter Empörung und Luft schnappend aus allen eingebildeten Wolken fallen, wenn solche tugendhaften terroristischen Vereinigungen wie Peta sie auf den harten Boden der erheblich weniger grandiosen Realitäten zurückholen auf ein ungeiles Sekündchen.

[Sarkasmus aus]


Und hier noch ein kleiner Perspektivenwechsel anbei:

Fertig bin ich selbst mit den alten "Selbstverständlichkeiten" längst noch nicht, aber immerhin schon mal auf dem Weg. Das ist nämlich gar keine Angelegenheit, die sich wie durch Zauberhand oder qua göttlicher Erleuchtung auf einmal in Wohlgefallen auflöst. Sondern ein Prozess, und zwar ein anstrengender. Wäre auch ein Wunder, wenn's anders wäre, denn mit besagten "Selbstverständlichkeiten" bin ich von Kindesbeinen an aufgewachsen. Das schüttelt man nicht mal so nebenbei ab wie eine lästige Fliege.

Denn, oh Wunder, am Wasser ist es jedesmal wieder der gleiche kleine Kampf: Was ist wichtiger, das liebe Ego oder eine Vorgehensweise, die besser - wohlgemerkt: besser und nicht imaginäre hundertzehn Prozent - geeignet ist, die Bestände nicht unnötig zu schädigen? Mit einem Wort: Langfristig denkender Verstand gegen das bewusstlos in die Sekunde verliebtes Gefühl. Wesentlich daran ist gar nicht, "perfekt" zu sein, denn das ist keiner, auch nicht Heiner. Wesentlich daran ist, solche Gedanken überhaupt erst einmal in die Köpfe zu kriegen, ohne dass sofort die Klappe fällt und stereotyp das sattsam bekannte Abwehrverhalten einsetzt und abspult. Das wäre schon mehr als bloß die halbe Miete.

Letztendlich geht es dabei darum, die alten internalisierten "Selbstverständlichkeiten" und "Werte" gegen andere zu ersetzen. Das freilich ist immer mit Aggressionen besetzt, denn der Mensch liebt keine Veränderungen, die das Gewohnte in Frage stellen. Und folglich wird daran festgehalten mit allen Mitteln, bis es überhaupt nicht mehr geht - und nicht selten ein Stück darüber hinaus, aber dann zu deutlich erhöhten Kosten.

Aber natürlich kann man nicht auf ewig damit leben, sich immer wieder die gleichen Fragen zu stellen. Bei kommenden Anglergenerationen wird das (hoffentlich) nicht mehr so laufen, die hätten es dann, wie man so sagt, "gefressen". Und wer aufmerksam die einschlägige Fachpresse der letzten Jahre verfolgt hat, auch und gerade auch den BLINKER, der zum guten Teil die tradierte Anglerschaft bedient, der wird gesehen haben, dass da, wenn auch sehr langsam, was in Bewegung gekommen ist, nach Jahrzehnten der Erstarrung. Wo das enden wird, wissen wir nicht. Aber es hängt zu einem guten Teil, wenn auch keineswegs ausschließlich, von uns selbst ab, wo es enden wird. Und selbstverständlich ist das auch überlagert von kommerziellen Interessen. Das ist unvermeidlich so, denn so ist unsere ganze Gesellschaft nun einmal organisiert. Widerspruchsfrei und in exakt gerader Linie verlaufen solche "Paradigmenwechsel" nämlich nie.

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Beitragvon rhinefisher » 22.06.2013 - 5:38

Heiner... wirklich schön auf den Punkt gebracht....aber helfen wirds wohl nicht viel.. .
Ich habe mittlerweile kaum noch Lust zu angeln - es erscheint mir immer mehr als Frevel an der Natur. Selbst im Rhein sehe ich die oft unschönen Folgen der "Sportfischerei".
Es ist zum würgen.. .
Petri
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Beitragvon Heiner Hanenkamp » 22.06.2013 - 9:39

Ich weiß, was Du meinst, denn bei mir um die Ecke liegt die Elbe, wo man auch das eine oder andere zu sehen kriegt, wenn man da mit geschultem Auge entlang spaziert. Aber mir liegt daran, dass sich gewisse Denkweisen ändern. Nur: Das geht halt nicht von heut auf morgen. Ich kann aber verstehen, warum Du die Geduld verloren hast.

Durchaus möglich, dass oben angedeutete "Gesetzeskeule" eben doch herunter sausen wird auf kurz oder lang. Wohlmöglich sogar wahrscheinlicher.

Nebenbei: Kleiner Fehler im drittletzten Absatz oben: "in die Sekunde verliebte Gefühl" natürlich, nicht "verliebtes", sorry.

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Beitragvon Heiner Hanenkamp » 22.06.2013 - 10:56

Lahnfischer hat geschrieben:
kein FC, ist total überbewertet



Das außerdem. Die angebliche "Unsichtbarkeit" ist nämlich mehr als bloß fraglich. Und die angeblich geringere Dehnung und höhere Sensibilität gegenüber Mono sind auch bloß irrelevant marginal. Dafür handelt man sich, und zwar für erheblich mehr Geld, eine signifikant schlechtere Knotenfestigkeit und im Vergleich zu Mono deutlich größeren Schnurdurchmesser bei gleicher Tragkraft ein.

Und von den schlechten Wurfeigenschaften von FC, wenn als Hauptschnur verwendet, einmal ganz zu schweigen.

Nebenbei: Wenn mir einer erzählen will, dass in einem stocktrüben Zandergewässer die "Sichtigkeit der Schnur" irgendeine Rolle spielt, finde ich das ziemlich lustig.

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Beitragvon andal » 22.06.2013 - 11:04

Aber Flourcarbon ist ein wunderbares Geschäft und für den empfänglichen Angler eine tolle Gelegenheit, seine Vorgehensweise restlos zu verkopfen, statt entspannt zu angeln.
Angler neigen sehr stark dazu, dort mit Lösungen aufzuwarten, wo gar keine Probleme bestehen.

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Beitragvon Heiner Hanenkamp » 22.06.2013 - 11:08

Selbst die Firma STROFT, die FC anbietet, sieht die vermeintliche "Unsichtbarkeit" dieses Schnurtyps bemerkenswert kritisch. Nachzulesen in den FAQs auf ihrer Page.

Und die in den vergangenen zwei Jahrzehnten zusehends schlechter gewordenen Zanderfänge in einigen deutschen Flüssen haben einen feuchten Kehricht mit der "Sichtigkeit der Schnur" zu tun. Der Grund ist eine ganz anderer: Überfischung ohne Netz und doppelten Boden und Entnahme bis zum Anschlag.

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Beitragvon andal » 22.06.2013 - 11:18

Vor allem kommt hinzu: Was sieht ein Fisch überhaupt, wenn er eine Schnur sieht? "Schnur" kommt in seiner Vorstellungswelt gar nicht vor. Es ist maximal ein dünner Strich, eine längliche Faser...!

Was er sieht, ist der Köder. Und den nimmt er wenn er fressbereit, sprich hungrig ist, oder ihn dieser Eindringling ausreichend provoziert hat. Oder er lässt es bleiben, wenn Hunger und Provokation nicht groß genug sind. Es ist eine ganz simple Sache.
Angler neigen sehr stark dazu, dort mit Lösungen aufzuwarten, wo gar keine Probleme bestehen.

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Beitragvon Heiner Hanenkamp » 22.06.2013 - 11:30

Allenfalls könnte man eine Ausnahme in Erwägung ziehen im Falle von glasklaren Gewässern wie etwa den Voralpenseen oder bestimmten südkalifornischen Seen, wo die Sichtweite extrem groß ist.

Aber wenn einer, der in einem der in Deutschland weit verbreiteten Gewässer des eutrophischen Typs angelt, jedesmal wenn er wieder nix gefangen hat, in schlaflosen Nächten über der Schnurfrage brütet oder über der nicht minder weltbewegenden Frage, ob der Bait einen grünen oder zwei gelbe Punkt am Kopf haben sollte, dann sollte der stattdessen vielleicht besser Schäfchen zählen, denn das ist einfacher und billiger obendrein.

Die Fixierung auf solche Dinge, geschürt natürlich von einer rührigen Werbung, hat auch was tun mit den mittlerweile saumiserablen Beständen in etlichen deutschen Gewässern. Nur dass diesem Problem nicht mit Fluorcarbon oder Ködercontainern im Wert von dreitausend Öcken beizukommen ist. Denn die Ursachen liegen ganz woanders, das Thema lautet hier:



Überfischung und hemmungsloser, von des Gedankens Blässe in keiner Weise tangierter, durch und durch hirnlos-vollidiotischer Raubbau.



Und nicht Russen, Polen, Ostgoten, Schwarzangler, Berufsfischer, Naturschützer oder böswillige schwarze Vögelein und andere Butzemänner. Es macht nämlich keinen Sinn, die ganze Hauptstraße kehren zu wollen, wenn der größte Dreckhaufen direkt vor der eigenen Tür liegt.

Eine ziemlich weitgehende und anstrengende und langwierige Veränderung in den eigenen Köpfen, liebe Leute, das steht jetzt an. Und nix anderes. Die Party ist vorbei, let's talk business now!

What you say? So kann man aber doch nicht reden mit all den furchtbar sensiblen Leutchen? - Doch, man kann! Oder geht's hier vielleicht um Kleinkinder, denen man die weniger schönen Tatbestände der Welt noch nicht zumuten darf?

Und darum noch einen drauf zum Schluss, immer aufs Schlimme, denn anders geht es leider nicht mehr. Wenn ich Holländer wäre und sähe die Massen von deutschen Anglerautos herumstehen, dann würde mir als Allererstes dies hier auf der Zunge liegen:

"Fahrt nach Hause und bringt gefälligst euren eigenen Saftladen wieder in Schuss, dann könnt ihr meinethalben wiederkommen."