Pro & Kontra

Fische kennen keine Regeln

Viele Angler richten ihr Hobby nach Lehrbuchweisheiten aus. Doch die Fische können nicht lesen und halten sich nie an die Anglerregeln. Deshalb muss man sich jederzeit neu auf die Situationen am Wasser einstellen, meint André Pawlitzki.
Dass Friedfische sich nicht immer friedlich verhalten, zeigt dieses Bild. Der Brassen biss auf einen großen Gummifisch.
©V. Wilde
Regeln sind da, um gebrochen zu werden. In keiner Disziplin tritt diese Aussage so deutlich zutage wie beim Angeln, denn Fische halten sich nicht an Regeln. Eine alte Lehrbuchweisheit besagt, dass Hechte ein ganz bestimmtes Revier bewohnen, welches sie niemals mit Artgenossen teilen. Entsprechend wechseln viele Angler nach dem Fang eines Hechtes sofort den Fangplatz. Das ist aber häufig falsch, denn wie oft habe ich an ein und derselben Stellen nach dem Fang eines Hechtes noch einen zweiten und selbst einen dritten Hecht fangen können. Vor allem im Herbst, stehen immer mehrere Hechte an einem Futterfischschwarm. Eine andere Anglerregel, an die sich die Fische nicht halten, besagt, dass Friedfische sich hauptsächlich von Plankton und pflanzlicher Nahrung ernähren und keine Köderfische fressen. Doch jedes Jahr, wenn man sich die Spitzenreiter der BLINKER-Hitparade bei den Alanden und Döbeln ansieht, fällt auf, dass diese häufig mit kleinen Spinnern oder Wobblern gefangen wurden, also Imitaten eines Beutefisches. Gleiches gilt auch für Brassen und Barben. Selbst Karpfen (vor allem Schuppis) sind einer kleinen Fischmahlzeit zwischendurch nicht abgeneigt. Das erlebte ich, als ich in einer Aalnacht meine Köderfische ausgelegt hatte. Nach dem Biss kämpfte ein kräftiger 8-pfündiger Karpfen anstatt eines armdicken Aales an der Rute. Und ich war schier erstaunt, als ich im Schein der Kopflampe einen dicht beschuppten Körper im Kescher ausmachen konnte. Ein Köderfisch zählt zu den besten Ködern für Dickbarsche. Doch oft wird behauptet, dass tote Köderfische schlechter fangen als lebende, die aber in Deutschland verboten sind. Allerdings fangen unsere englischen Kollegen häufig gerade ihre dicksten Barsche auf einen stationär am Grund angebotenen Köderfisch. Wie man sieht, treffen Anglerregeln in den seltensten Fällen zu. Auch bei der Köderführung werden Regeln aufgestellt. Ein Spinner muss nach dem Auswerfen stur wieder eingekurbelt werden. Und so fischen die meisten Angler nach Schema F, weil sie sich auf die Angelliteratur verlassen, anstatt selber nachzudenken. Zumal man einen Spinner auch wunderbar zum Grund absinken und dann wie einen Jig zurückführen kann. Diese Köderpräsentation kennen bestimmt noch nicht so viele Fische wie einen Spinner, der einfallslos durchs Wasser geleiert wird. Genau wie die Fische sich nicht an Regeln halten, sollte es auch der Angler nicht tun. Und vielleicht erfindet er dann ja sogar eine neue Führungstechnik eines Köders, die viel erfolgreicher ist, als alles, was das Lehrbuch hergibt.