Pro + Kontra

Rotauge, der unterschätzte Fisch

Edwin Hartwich schwärmt für diesen wunderschönen, aber oft unterschätzten Friedfisch.
Kann es einen schöneren Anblick geben? Alles fließt, aber die Schönheit des Rotauges bleibt.
©E. Hartwich

Die modernen Lieblingsfische heißen Hecht, Zander oder Karpfen. Manche Angler schwören auch auf Schleie, Barsch, Aal oder Wels. Aber eine Fischart wird so gut wie nie genannt: das Rotauge. Ich gebe zu, dass es größere Fische gibt, aber Fangfreude lässt sich nicht mit dem Maßband ermitteln.

Kein anderer Fisch fällt mir ein, der sich über das ganze Jahr so zuverlässig fangen lässt wie das Rotauge. Ganz egal, ob man durch ein Eisloch stippt, im Frühjahr seinen Waggler auswirft, im Hochsommer zwischen den Seerosen angelt oder im Herbst den Futterkorb auslegt: An 365 Tagen im Jahr lässt sich das Rotauge fangen.

Natürlich angle ich auch gerne auf Hecht und Zander, aber hier beschränkt sich die Fangzeit überwiegend auf Frühjahr und Herbst (zumal die Raubfische in meinem Naab-Abschnitt erst ab September befischt werden dürfen). Und Karpfen schätze ich ebenfalls, aber sobald die Wassertemperatur unter 10 Grad sinkt, beißt fast nichts mehr. Ähnliches gilt für Aale und Welse.

Dagegen zeichnet sich das Rotauge durch konstante Beißfreude aus. Wenn kein anderer Fisch sich für den Köder interessieren will, ein Rotauge ist immer drin. Der Fangerfolg hängt von Feinheiten ab, ob beim Futter, beim Vorfach oder beim Haken. Wer große Rotaugen fangen will, muss ein Könner an der Angelrute sein. Daher ist der Fang von kapitalen Rotaugen auch eine große Herausforderung.

Und haben Sie schon mal darauf geachtet, welchen Tanz ein Rotauge von 35 Zentimetern im Drill am feinen Gerät veranstaltet? Diese Kampfkraft nimmt es locker mit einem gleichgroßen Barsch auf. Am dünnen Gerät macht der Drill so richtig gute Laune.

Und schließlich kommt eine Qualität hinzu, die ich als Fotograf besonders schätze: Es ist bildschön! Ein Rotauge im klaren Wasser sieht aus wie ein Silberbarren, ja schöner noch: Die Flossen leuchten in kräftigem Orange, das rote Auge hebt sich aus dem silbernen Körper ab. Je länger man ein Rotauge anschaut, desto mehr kann man seine Schönheit genießen. Ich ärgere mich immer, wenn ich in Angelzeitschriften nur noch „Ballon-Fische“ sehe – so nennen meine Frau und ich übertrieben große Hechte und Karpfen, die wie aufgeblasen aussehen (und von normalen Anglern so gut wie nie gefangen werden). Warum sich nicht auch über den Fang eines mittleren Rotauges freuen? Ich jedenfalls bekenne mich dazu, dass mir das Rotauge große Freude bereitet. Beim Angeln. Und beim Fotografieren.