Pro + Kontra

Die Großfisch-Lüge

Nur die Größe zählt? Nicht für Martin Wehrle, er beurteilt Fänge lieber anhand des Schwierigkeitsgrades.
War der Fang dieses Großbarsches eine reife Leistung – oder nichts Besonderes? Das hängt ganz vom Gewässer ab!
©M.Wehrle

Auch schlechte Angler fangen manchmal große Fische, glauben Sie mir. Ich finde, wir sollten Fänge mehr nach ihrer Schwierigkeit als nach der Größe beurteilen. Hier ist mein Credo:

Es scheint doch so einfach: Je größer der Fang, desto besser der Angler. Wir bewundern jene Kollegen, die Karpfen in die Höhe stemmen, mit denen sich die Weltmeisterschaft im Gewichtheben gewinnen ließe; die mit drei Mann einen Wels aus dem Wasser wuchten, gegen den das Monster von Loch Ness nur eine Kaulquappe ist; oder die einen Hecht in die Kamera strecken, der die Metermarke locker hinter sich lässt.

Ich glaube jedoch: Die Größe eines Fanges sagt wenig über die Qualitäten eines Anglers aus. Der Fang eines 60-Zentimeter-Hechtes kann schwieriger sein als der eines Meterfisches – wenn man im viel befischten Vereinsteich angelt und nicht in den Bodden. Und ein kleiner Wels aus dem heimischen Baggersee, wo kaum Welse vorkommen, kann mehr Können erfordern als ein 2,50-Meter-Fisch aus dem Po.

Einen mittleren Karpfen mit einer Matchrute aufs Kreuz zu legen verlangt oft mehr Geschick, als einen 30-Pfund-Fisch zu fangen mit nachgebauter Montage und nach mehrwöchiger Fütteraktion. Erst recht, wenn der Riesenfisch aus einem Top-Gewässer stammt, während der Matchruten-Fang in einem kleinen, nicht besetzten Graben gelungen ist.

Seien wir ehrlich: Große Fische sind nicht immer schwer zu fangen. Wer an Top-Gewässern unterwegs ist, womöglich mit Guide, muss sich schon verdammt dumm anstellen, um am Ende des Tages keinen großen Fisch gefangen zu haben – erst recht an Gewässern im Ausland. Dagegen ist der Fang von Großfischen dort eine echte Herausforderung, wo Kapitale rar sind.

Ich ziehe meinen Hut vor Anglern, die aus stark befischten Gewässern vor ihrer eigenen Haustüre jedes Jahr einen 85-Zentimeter-Hecht hervorzaubern. Ich ziehe meinen Hut auch vor denen, die in klaren Seen jedes Jahr 70-Zentimeter-Zander fangen, im Gegensatz zur Mehrheit. Und ich ziehe meinen Hut vor denen, die aus überlaufenen Forellenbächen jedes Jahr „40-plus-Forellen“ herauskitzeln. Das erfordert Können und Instinkt.

Wer beurteilen will, ob einer ein guter Angler ist, sollte nicht nach der Größe eines Fanges fragen, sondern nach dem Schwierigkeitsgrad.

Ein Rekord im Weitsprung ist wenig wert, wenn er auf dem Mond aufgestellt wird, ohne Schwerkraft. Genauso dürfen wir große Fische nicht überschätzen, die in Top-Gewässern gefangen wurden.

07.02.2016
 
Kommentar von Julien
Natürlich ist es schwieriger beispielsweise hier in Deutschland einen großen Wels zu fangen als im Ebro-Stausee und in Norwegen fängt man mehr Seefisch als in der heimischen Ostsee. Aber das Ziel eines jeden Anglers ist es doch, ein möglichst großes Exemplar der jeweiligen Art zu überlisten und dafür nehmen wir doch diese teilweise langen Reisen auf uns. Um eine gute Chance auf einen Fisch zu haben, den man hier nur schwer fangen kann. Keine Frage, dass man sich über jeden gefangenen Fsch freut, gerade dann, wenn es keine optimalen Bedingungen sind.
Außerdem finde den Begriff GUTER oder SCHLECHTER Angler furchtbar, denn letzendlich bestimmen die Fische unseren Erfolg und auch die großen Namen der Anglerszene haben manchmal auch einfach nur mal Glück.
26.01.2016
 
Kommentar von PatrickA
Also ich finde es okay wenn sich andere damit Präsentieren allerdings finde ich es auch kein Meisterstück. Nehmen wir die Wallerfänge von PO z.B. da geht's doch nur um cm noch. Respektabel aber wenn mal einer Pfundskerl mit 2,50m hier bei und am Rhein oder Main gefangen wird, das ist nicht alltäglich im Gegensatz zum Po. Wir z.B. haben ein vor Hechten um 1.10m und Große Wildkarpfen um die 1m strotzendes Kleingewässer Bach/Fluss wie man es nennen mag 3-4 m Breit und tiefstellen um 1,50m. 17km davon dürfen wir beageln und dennoch werden die großen kaum gefangen. Letzt erst stand ein schöner Hecht direkt neber mir unter einem Ast aber jeglicher Versuch ihn an den Köder zu bewegen schlug fehl. Ein Kollege hingegen hat mal einen mit 1,12m aus dem gleichen Teilstück gezogen und ich denke auch die Schwierigkeit liegt hier erheblich höher in der kleinen verwachsenen Bach als im Bodden bei freiem Gewässer beim Vertikalangeln. Aber nichts desto trotz darf sich jeder über seinen Fang freuen.
19.01.2016
 
Kommentar von CS
Das Thema ließe sich noch erheblich ausweiten: Woher kommt überhaupt der Drang, Fangbilder oder gar Videos zu veröffentlichen? Wenn der Wettbewerbsgedanke (guter Angler, besserer Angler, allerbester Angler...) und die damit zusammenhängende Bewertung ("Können" im Zusammenhang mit Angeln) in den Hintergrund treten würde, wäre der Sicherung des Fortbestandes unseres Hobbys stärker gedient.
Im Übrigen fände ich es im Sinne des Kommentars dann nur konsequent, die Blinker-Hitparade um einen Schwierigkeitspunkt zu ergänzen... ;-)
15.01.2016
 
Kommentar von OHKW
Wenn der Fang eines 60cm Hechtes zum Husarenstück wird stellt sich die Frage ob es angebracht ist, stolz darauf zu sein in diesem "schwierigen" Gewässer nach vielen viel Angelstunden doch noch was gefangen zu haben. Vielleicht sollte man sich eher die Frage stellen, ob man noch bei Sinnen ist, in der ausgefischten Lacke die letzten paar Schniepel zu malträtieren.
14.01.2016
 
Kommentar von Thomas Merten
Ein gutes Diskussionsthema, Herr Wehrle!
Meine Meinung: Steht nicht die Größe eines Fisches für ein längeres Alter und mehr Erfahrung bzw. Vorsicht? Und auch am besten Großbarschgewässer brechen die Fänge irgendwann aus manchmal unerklärlichen Gründen ein. Deshalb jedem Fänger ein dickes Petri für einen kapitalen Fisch, denn er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und dies wird nicht zur Regel werden...