Pro & Kontra

Schöne Aussichten

Dicke Fische vor rauchenden Schloten oder kleine Fische in idyllischer Landschaft? Rainer Lenz stellt fest, dass eine schöne Umgebung beim Angeln für ihn immer wichtiger wird.

Renken-Angler auf einem Alpensee: Kann ein solches Panorama darüber hinweg trösten, dass nichts beißt?
©W. Hauer
Vielleicht ist es ja einfach eine Altersfrage. Oder – schonender ausgedrückt – eine Frage der Reife. Jedenfalls geht es mir so: Je länger ich angle, desto wichtiger wird das Aussehen des Angelgewässers und manchmal das der Fische für mich. Habe ich mich früher noch winterlang an den Kühlwasser-Ausläufen älterer Atomkraftwerke herumgetrieben, wo die dicken Brassen wohnten, zieht es mich heute eher an einsame Bergseen – mit der Aussicht auf magere, aber elegante Saiblinge. Der absolute Hit früherer Tage war das sogenannte Ködel-Rohr, die Verbindung einer großen Kläranlage mit der Elbe. Hier gab’s dicke Alande, Rapfen ohne Ende, Barsche, Brassen, Zander, die sich zu jeder Jahreszeit mit relativ feinem Gerät fangen ließen. Wenn man die Augen davor verschloss, womit die dicken Leitungsrohre ansonsten noch aufwarteten.

Dufte Plätze
Nummer 2 auf meiner privaten Hitliste der „duftesten“ Angelplätze Hamburgs nimmt der Auslauf einer Benzinraffinerie ein, den ich mal im Hochsommer gemeinsam mit einem Freund befischte. Ich weiß nicht mehr, wem von uns beiden zuerst schummerig wurde, ich weiß nur noch, dass wir mein Auto in einem Zustand erreichten, wie er normalerweise nach dem Genuss von schwarz gebranntem Wodka entsteht. Ging dieser Ort eher auf den Kreislauf als auf Augen und Nase, so bekam man an einer unserer besten Rapfen-Stellen richtig was auf die Ohren. Die lag nämlich direkt unter einer viel befahrenen Autobahnbrücke. Was mich jahrelang nicht daran gehindert hat, regelmäßige Ausflüge dorthin zu unternehmen.

Erholung fürs Auge
An all diese vergangenen Zeiten musste ich denken, als ich voriges Jahr auf dem Zeller See in Österreich saß. Über mir ein strahlend blauer Himmel, im Hintergrund schneebedeckte Bergspitzen, vor mir die weite Fläche des Sees, kein einziger anderer Angler weit und breit. In der morgendlichen Stille meinte man das Blubbern der Kaffeemaschinen in den Hotels am Ufer zu hören. Gefangen haben wir übrigens schlecht, aber irgendwie spielte das an diesem Tag keine große Rolle. Ich kam erholt zurück – und genieße noch heute jeden Blick auf die Fotos, die damals entstanden. Vielleicht liegt es daran, dass eine solche Idylle selten geworden ist in diesen hektischen Tagen, wo wir uns an Lärm und Gestank schon so gewöhnt haben, dass uns die Stille erschreckt. Genau das aber ist das Angeln (auch): Abschalten vom Alltag, Ausschalten aller Nebengeräusche, Konzentration auf das Wesentliche. Das Wesentliche beim Angeln ist – zugegeben – immer noch die Beute, aber mittlerweile bin ich gerne bereit, auf einen Teil des Fangs zu verzichten, wenn dafür die Umgebung stimmt. Und dazu gehört nun einmal eine Natur, die diesen Namen noch verdient.
21.07.2014
 
Kommentar von Fabian
Hier wird ja fast so geschrieben, als gäbe es nur schmutzige, verdreckte Flecken an denen man fängt und schöne Gewässer an denen nichts geht. Wie wär es denn mit beidem. Bei uns in der Nähe gibt es genügend wunderschöne Angelmöglichkeiten, an denen das Gewässer super gelegen ist UND man (trotzdem) richtig gut fängt ;)!!!
17.07.2014
 
Kommentar von Michael S.
Auch wenn ich öfter mal gerne spontan mit einer Rute los gehe und 2-3 Stunden mit Kunstködern Kanäle in der Stadt abfische, so finde ich es an anderen Tagen erholsamer, an einem ruhigen Gewässer zu sitzen, die Natur zu genießen und erwartungsvoll die Pose oder den Bissanzeiger zu beobachten. Jeder Angeltag und -platz bietet einen gewissen Erholungswert. Und diesen kann man erhöhen wenn man Angelart, Gewässer und Umgebung dem persönlichen
Bedürfnis nach auswählt. Dafür muß man vielleicht auch mal Kompromisse eingehen und geringere Fänge, Lärm etc. in Kauf nehmen. Petri Heil! ☺
16.07.2014
 
Kommentar von Jürgen Hofmann
Was mich am Angeln fasziniert, ist das Abschalten vom Alltag. Sich zu erfreuen, wenn eine Maus von einer Seite der Buhne auf die andere Seite schwimmt und kein Räuber diese Mahlzeit erspäht. Da kannste deine Köder präsentieren wie du willst, da steht weder Hecht noch Zander. Trotzdem, alleine das Erleben der Ruhe und der Stille sowie der Anblick der Landschaft sind das Wert.